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„Schneider hat´s zerlegt!“, sagt der Klient. „Mit dem brauchen wir die nächsten vier Wochen nicht zu rechnen. Drum tu ich lieber vorher was. Proaktiv sozusagen, hehe.“
Klar. Proaktiv. Schneider war´s anscheinend nicht: Er hatte täglich massive Auseinandersetzungen im Büro, bis hin zum gegenseitigen Mobbing. Aufgrund seines schneidigen, erfolgsorientierten Auftretens, das die anderen als abwertend empfanden, wurde er zuerst nur abgelehnt. Dann schraubte die Konfliktspirale sich weiter nach oben. Auch der Klient ist Teil des Konfliktgeschehens, ein kleiner Gegenschneider, teilt kräftig aus, steckt kräftig ein. Doch das macht ihm, sagt er, nichts aus. Im Gegenteil beflügelt es ihn, „besser zu sein als die ganzen Idioten da“. Auf Schneiders Sympathie legt er ebenso wenig Wert wie auf die der anderen, er will schließlich selber „nach oben“. – Ein paar Tage nach dem Erstgespräch dekompensiert er. Abends beim Grillen mit den Schwiegereltern. Für die nächsten sechs Wochen ist nicht mit ihm zu rechnen.

Er sieht blass aus, als er wieder auftaucht, wirkt nachdenklich, in sich gekehrt. – Nicht gerade selten, wenn das Selbstbild einen schweren Schlag abbekommen hat. Gerade Männer im zweiten Lebensdrittel neigen ja dazu sich eine Art ewiger Unbesiegbarkeit zu attestieren. Jedenfalls so lange, bis sie auf der Schnauze liegen. Tatsächlich stelle ich nicht selten eine gewisse Blindheit fest für die Erkenntnis, dass jemand bereits seine Eigensubstanz verbraucht. „Sie können im Kopf immer noch, wenn Sie mit dem Körper schon lange nicht mehr können.“, sagte mir vor zwanzig Jahren mein Hausarzt, bevor ich mich kurz darauf auf der Intensivstation wiederfand, mit zwei-drei Tagen Restlebensdauer. Lesson learnt.

Es besteht bisweilen eine krampfartige Verdrängungs(un)kultur in Managerkreisen: Die Zelebration des eigenen Substanzverbrauchs als vermeintliches Merkmal leistungsmäßiger Überlegenheit ist nicht auszurotten. Nach außen hin verkauft als Dynamik und „Power“, und vordergründig erlebt als narzisstische Bestätigung, kommen die Abstürze in den eigenen vier Wänden, wenn Gefühle innerer Leere sich einstellen angesichts der Tatsache, dass der eigene Organismus permanente Grenzüberschreitungen signalisiert. Insofern ist, abseits der gängigen Sichtweise, der Burn-Out eine zutiefst positive Angelegenheit, denn er vermittelt eine klare Message: Hör lieber zu, bevor es echt zu spät ist. – Vom Burn-Out erholt man sich. Von einigen anderen Dingen nicht mehr.

Die scheinbar Unbesiegbaren nämlich sind es, die das Gefühl verloren haben für die eigenen Belastungsgrenzen. Indikator einer bedenklichen Entwicklung aus psychologischer Sicht ist es stets, wenn die Außenkontakte buchstäblich gekappt werden und der Umgang mit Menschen sich nur noch unter Nützlichkeitsaspekten – sprich: Benutzungsstrategien – vollzieht. Der daraus resultierende Rückzug auf das oft gehörte „Ich brauch´ keinen!“ mag ein subjektives Stärke- und Größenerlebnis vermitteln, de facto allerdings ist die vermeintliche Unabhängigkeit nur die Regression in eine kindliche Allmachtsphantasie.

Es mag dabei offen bleiben, ob überhaupt ein Mensch imstande ist, vor den Fährnissen des Lebens völlig alleine zu bestehen oder ob diese Selbstüberschätzung dann auf der Zeitachse nicht zwangsläufig zum gefürchteten „hardware damage“ führt. (Allein die Formulierung ist schon eine Aussage für sich.) Tatsache ist aber auch, dass eine derartige Einstellung zutiefst unphysiologisch ist: Sie ist in der Blaupause der Spezies Mensch nicht  vorgesehen. – Schlimmer noch: sie ist kontraproduktiv bis zur Selbstschädigung.

„Für alle Lebensformen sind zwei dialektisch aufeinander bezogene Modalitäten von Aktivität von existentieller Bedeutung: agency und communion. Als Basiselemente dienen sie der Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt auf unterschiedlichste Weise.“, schreibt Karl Köhle (Köln) im Standardwerk „Psychosomatische Medizin“. Man greift wohl nicht zu hoch, wenn man annimmt, das menschliche Verhalten generell und ganz besonders das im Arbeitsleben pendele zwischen diesen beiden verhaltensbiologisch definierten Polen: „Agency“ bezeichnet Strebungen und Verhaltensformen, die existenzielle Interessen des Organismus als Individuum verfolgen. Agency strebt nach Selbstregulation, Selbsterweiterung und Beherrschung der Umwelt: Autonomie, Leistung, Kontrolle, Macht. „Communion“ hingegen bezeichnet das individuelle Bedürfnis des Individuums nach Partizipation an einem größeren Organismus, sein fundamentales Verlangen, sich anderen anzuschließen, sich ihnen zugehörig zu fühlen, mit ihnen eine Einheit zu bilden: soziale Verbundenheit, Kooperation, Vertrauen, Intimität, Liebe. (Köhle, aaO). – Schon Freud, Adler und Balint haben es ähnlich formuliert.

Weniger akademisch: Beide Komponenten sind im Gesamtsystem Mensch einfach angelegt, das mag einem passen oder nicht. Wer die eine übersteigert, unterdrückt die andere. Nur: existentielle Bedürfnisse lassen sich eh nicht abschalten. Sie steuern uns aktiv und drängen nach Erfüllung, nicht anders als Atmen, Essen, Schwitzen. – Wer´s nicht glaubt: Versuchen Sie mal, eine Woche lang kein Wasser zu lassen. In unserem Beispiel jedenfalls wird sichtbar, dass beide Kontrahenten – Schneider und der Klient – gleichermaßen die genetisch einprogrammierte Funktionsbasis verlassen und die Balance zwischen beiden Komponenten aufgegeben haben: Die Überbetonung der „agency“ führt unbestreitbar zu Erfolgserlebnissen, doch ist soziale Isolation bis hin zur Vereinsamung keine Seltenheit. („Außerhalb der Arbeit hat  der keine Freunde mehr!“) Umgekehrt, die überbetont auf „communion“ Ausgelegten sind die Kollegen, die Jeder mag, aber die man nicht ganz ernst nimmt, weil sie sich nicht zu behaupten wissen. („Netter Kerl, aber irgendwie´n Weichei!“)

Also kommt es auf die individuelle (!) Balance an, und die ist nun mal individuell, weil die Menschen auch unterschiedlich sind. Entscheidend ist, dass beide Formen des Balanceverlusts mittelfristig hochpathogen sind. Denn es darf nicht übersehen werden, „dass der dialogische Austausch, an dem alle Sinne beteiligt sind, bis in die Regulation physiologischer Funktionen hineinwirkt.“ (Köhle, aaO).  Und hier eben schließt sich der Kreis: Ist der menschliche Austausch im Betrieb gestört oder verloren, entsteht eine tatsächlich lebensfeindliche Umwelt, die die Leute krank werden lässt. Nicht weil sie so empfindlich sind, sondern weil der Gesamtorganismus nicht darauf angelegt ist, in einem solchen Biotop dauerhaft zu überleben. Die Körperchemie entgleist. Herz-Kreislauf, Magen-Darm, Haut sind die häufigsten Organe mit Signalfunktion.

„Homo est natura sua ens sociale“ heißt es schon in der Theologia Christiana Fundamentalis: „Der Mensch ist seiner Natur nach ein soziales Wesen.“ Oder wie Martin Buber es formulierte: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ – Jedenfalls dann, wenn er überleben will.

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