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Ein französischer Freund von mir ritzte einmal den Rand einer Auster leicht mit dem Messer, um mir zu zeigen, wie sie sich reflexhaft zurückzog. Daran, so erzählte er, konnte man erkennen, dass sie lebte und somit frisch und genießbar war. Anschließend nötigte er mich, einundzwanzig von ihnen herunterzuwürgen und seither hasse ich sie, doch das ist ein anderes Thema. Wenigstens weiß ich jetzt, woran man erkennt, dass eine lebt, bevor ich sie genervt weiterreiche.

Klientin Lil, die mir seit einigen Terminen gegenübersitzt, erinnert mich an dieses Bild: Ursprünglich erschienen wegen eines heftigen Konflikts mit zwei Kolleginnen, liefert sie bald schon Material, das sich weit über ihr Arbeitsleben hinaus erstreckt. Ganz generell scheinen Beziehungen etwas zu sein, mit dem sie nur schwer umzugehen vermag. Sie lockt zur Nähe, um bei Annäherung sofort zurückzuzucken. Sie lebt ein Wechselspiel zwischen Verschlossenheit und vorsichtigem Herauslugen, zwischen Vorantasten und blitzartiger Abweisung, sobald sie sich auch nur irgendwo verunsichert oder gar geritzt fühlt. Ein ständiges sicherndes Peilen. Vorsichtig aufklappen, schnell zuklappen. Wolf, ihr aktueller Partner, scheint mit diesem Verhalten ebenfalls nur schwer zurecht zu kommen, berichtet sie.

„Er sagt, er kommt nie wirklich an mich ran. Und wenn er meint, er hat mich mal, dann glitsch´ ich ihm durch die Finger, sagt er.“
„Wie geht er damit um?“
„Für ihn, sagt er, ist es wie ein kalter Eimer. Er sagt, ich lasse ihn ständig in der Luft hängen.“

Das klingt analog zu dem, was die beiden Kolleginnen sagen: „Du weißt nicht, was du willst. Mal bist du so nett, dass man dich knuddeln könnte, und wenn man auf dich zugeht, schaffst du es mit einem Halbsatz, einen so vor den Kopf zu stoßen, dass einem jede weitere Lust auf ein Gespräch mit dir vergeht.“ – Nur: Lil hat für alles eine Erklärung, legitimiert jeden Affront mit dem, was sie schließlich selbst braucht und erwartet, dass die Gegenseite alles versteht und alles nachsieht. Auch bei mir probiert sie solche Strategien wiederholt und widersetzt sich wortreich jeder analytischen Deutung. Das neurotische System ist hermetisch dicht. Sie leidet in ihrem Turm, doch sie verteidigt ihn auch verbissen. – Bis Wolf ihr den Laufpass gibt.

„Er hat das Gefühl, dass ich nur mit ihm spiele und niemals wirklich bei ihm bin.“, berichtet sie fühlbar niedergeschlagen. „Aber er muss doch verstehen, dass ich das anders nicht kann.“
Ich überlege, was die Betroffenheit zeigen soll: Trauer, Kränkung, Enttäuschung? Es bleibt im Nebel.
Lil monologisiert. Wolf mag vielleicht zu kurz gekommen sein, meint sie, aber „als erwachsener Mann“ hätte er sich da doch zurückstellen müssen „und meine Ängste verstehen“.

„Und dann seine ständigen Angriffe!“
„Angriffe?“
Wolf hat sie als „frigide“ beschimpft, was auch immer das sein soll. Es hat sie tief getroffen. Dennoch trägt sie es sehr sachlich vor, als hätte es mit ihr selbst nichts zu tun.
„Wie kommt er darauf?“
Als Antwort ein Wortschwall, der vernebelt anstatt aufzuklären. – Manchmal ist die Uhr der Partner des Coaches: Je länger jemand monologisiert desto größer ist das Problem, das mit dem Redestrom verborgen werden soll. Ich bekomme eine Ahnung, denn zwischen den Zeilen wiederholt sich das Thema, das Lils Verhalten bestimmt: Das brüske Zurückzucken bei Berührung.

„Es scheint Ihr Leitmotiv zu sein, dass Berührung weh tut, und dass man sie deshalb vermeiden muss.“
Lil wird kreidebleich, schickt mir mehrere angstvolle Blicke, zieht sich vollständig in sich zurück. An die zwanzig Minuten schweigt sie, vermeidet Blickkontakt, wirkt so starr, dass man sie kaum atmen sieht.
„Ja.“, sagt sie schließlich. „Es ist so. Und ich weiß nicht warum.“

Erst vorsichtig tastend, dann mit immer mehr Zutrauen beginnt sie zu erzählen, worüber sie bisher noch mit niemandem redete: Sie erträgt Berührung nicht. Selbst die leiseste Berührung durch einen Mann im Intimbereich löst bei ihr stark brennende Schmerzen aus. So stark, dass sie die zärtliche Hand brüsk von sich schiebt und – natürlich – die „Schuld“ dafür beim anderen sucht. Wolf war nicht der erste, dem es so erging und der irgendwann die Segel strich. Mehrere fachärztliche Untersuchungen blieben ohne organischen Befund. Ein Frauenarzt riet ihr zu autogenem Training, eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

In der Fachliteratur gibt es das Beispiel einer Frau, die allen Ernstes siebenundzwanzig Mal operiert wurde, bis sie endlich an einen Psychosomatiker gelangte, der sie richtig diagnostizierte: Dyspareunie. Eine psychogene Schmerzempfindlichkeit im Intimbereich ohne jede organische Ursache. Für die betroffenen Frauen eine massive und schmerzvolle Einschränkung, verbunden mit einer Beschädigung des Selbstwertgefühls und nicht selten auch mit Zweifeln, als Frau „vollwertig“ zu sein. Für den Partner meist ein Zustand völliger Hilflosigkeit, denn er weiß nicht mehr, wie er sich zu verhalten hat. Nicht selten Ausgang für eine sich spiralförmig aufschaukelnde Beziehungskatastrophe.

Irr geht in der Regel, wer hier ein Paarproblem vermutet: „Dahinter verbergen sich seltener Paarkonflikte, sondern eher individuelle neurotische Konflikte.“, schreiben Becker/Gschwind und definieren das Symptom als oft „letzte Bastion einer (Pseudo-)Autonomie“, der eine Identifizierungsstörung mit der Mutter zugrunde liege. Anders formuliert: der eindringende Partner zerstört die mühsam imaginierte Unabhängigkeit im Elfenbeinturm. Nähe als Zerstörung.

Diese Störung wird leider nur allzu oft als Zickigkeit, weiß-nicht-was-sie-will oder als Spielchen-treiben diffamiert und ist am Ende doch die Manifestation einer individuellen psychischen Problemlage. Einzuordnen ist sie unter dem Rubrum „Somatisierung“: Körperliche Symptombildung ohne körperliche Ursache, verbunden mit der Suche nach medizinischer Behandlung, während sie in Wirklichkeit den Durchbruch eines unbewussten psychischen Konflikts illustriert.

Wer sich so massiv abschirmt, dessen Autonomie steht auf tönernen Füßen: Eine „Freiheit“, die permanent reflexhaft verteidigt wird, ist keine, sondern Zwang. Lil allerdings beginnt im Verlauf der Sitzung zu erkennen, dass da ein übergeordneter Zusammenhang besteht: Massive Berührungsangst, vom Schreibtisch bis zum Bett. – Wilhelm Reich hat in seiner „Charakteranalyse“ einmal das treffende Bild eines Patienten entworfen, der sich unter innerer Anspannung kontrahiert, bis er hinter einem Wall von „muskulärer Panzerung“ gefangen ist. Lils häufige Rückenprobleme könnten auch hier ein Indikator sein.

Gefährlich wäre es, jetzt nach dem spezifischen Ereignis zu forschen, das zur Herausbildung der Problematik geführt hat. Eher ist zu überlegen, welches Kindheitsmilieu dafür verantwortlich ist, dass Berührung nicht als angenehm empfunden werden kann.

In den Folgesitzungen berichtet Lil, dass sie sich als Acht- bis Neunjährige mehrfach einnässte. Und zwar immer, wenn die unbeherrschte Mutter sie wieder einmal wegen einer Nichtigkeit zurechtwies und sie dabei hart und zerrend am Arm packte. Es war eine Situation, die sie als außerordentlich demütigend empfand; insbesondere, weil es einmal vor anderen Mitschülerinnen geschah und die Mutter auf die Scham und Verzweiflung der Kleinen nicht die Spur von Rücksicht nahm. – Eine doppelte Berührung also: körperliche und seelische Bloßstellung. Wobei ohnehin zu fragen war, woher die massive Angst kam, die zum Einnässen führte.

„Das, was andere so kennen… mal in den Arm nehmen und drücken… das gab es bei uns nie… Nur Bestrafung, wenn man mal was falsch gemacht hatte.“ – So kann man für ein Kind konnotieren, dass Berührung mit Schmerz verbunden ist und mit Abwertung. Es schält sich heraus, dass Lil als Einzelkind in einem familiären Milieu aufwuchs, in dem Grenzverletzungen der Regelfall waren, stets verbunden mit sehr unangenehmen Gefühlen. Lil ist eingeschnürt in Berührungsängste wie in einen Kokon. Schritt für Schritt entdeckt sie die Zusammenhänge.

Am Ende erkennt sie ihre heillose Verstrickung in den betrieblichen Konflikt, und in einem mutigen Schritt entschließt sie sich zum Jobwechsel, verbunden mit einem Ortswechsel. Sie meldet sich noch ein paarmal per Email und berichtet von einer „Aufwärtstendenz“, auch mit einem neuen Partner. Dann versiegen die Mitteilungen.

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