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Es war 1984, dass ich als junger PR-Mann im Deutschen Industrie- und Handelstag in Bonn die große Veranstaltung zur Verleihung eines Wirtschaftspreises organisierte. Bonn war damals Sitz von Regierung und Parlament, und entsprechend hochrangig würden die mehreren Hundert Gäste sein. Um von der seinerzeit noch standardmäßigen Variante „Buchsbaum-Stehpult-Reden-Streichquartett“ wegzukommen, hatte ich mir ein für damalige Verhältnisse eher ungewöhnliches Konzept ausgedacht: Eine Talkshow mit den Preisträgern und Journalisten. Das Thema Umwelt war damals gerade am Kommen, die Grünen noch relativ neu im Bundestag, und meine wiederholte Einladung an die später ermordete Petra Kelly war mehrfach im damals typischen Grünen-Chaos verschwunden, bis ich sie verärgert zurückzog und einen Fernsehjournalisten des WDR einlud, der sich auf das Umweltthema spezialisiert und an diesem Abend sicherlich einiges zu sagen hatte. Nun ja, es war die Zeit, in der man sich feixend berichtete, die junge Grünen-Fraktion sei mit großem Abstand diejenige, die am meisten von der Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestags Gebrauch machte: einfach weil sie es gar nicht glauben konnten, dass ihnen aus dem Nichts heraus ein schwarzer Dienstmercedes mit Chauffeur zur Verfügung stand, sobald sie den Telefonhörer hoben.

Der Preis, den die Wirtschaftsjunioren verliehen, sollte erfolgreiches Unternehmertum würdigen, und so ging er an zwei durchaus illustre, wenngleich nicht unumstrittene Unternehmerpersönlichkeiten: An den 2012 verstorbenen Antennenbauer Anton Kathrein und an Dieter Schwarz, den Eigentümer der Lidl-Gruppe, der sie bereits damals zu 1,2 Milliarden DM Jahresumsatz geführt hatte (inzwischen 24,8 Milliarden Euro). Ich stand den ganzen Abend unter Adrenalin, denn ich hatte für den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zu sorgen, für die ich den damals sehr prominenten TV-Moderator Claus-Hinrich Casdorff gewonnen hatte, während Bundestagspräsident Richard Stücklen die Laudatio auf die beiden Preisträger hielt. Sie waren von stark unterschiedlichem Naturell: während das Alphatier Kathrein die Auszeichnung sichtlich genoss und an diesem Punkt die Veranstaltung fast an sich riss, habe ich Dieter Schwarz als sympathisch-ruhige und bescheidene Persönlichkeit in Erinnerung. Jedenfalls nahm er den Preis mit der Verlegenheit eines Schulbuben entgegen, und man hätte sich nicht vorstellen können, dass er schon damals über ein privates Milliardenvermögen verfügte. – Inzwischen gilt er ja als reichste Einzelperson Deutschlands mit einem geschätzten Privatvermögen von 41,5 Milliarden Euro. Aber das macht ihn nicht weniger sympathisch.

Die Talkshow, zu meiner großen Erleichterung, begann so, wie ich mir sie vorgestellt hatte: Moderator, Preisträger und Bundestagspräsident spielten sich die Bälle zu, und so war es eine sehr unterhaltsame Runde. Ein französischer Fernsehkorrespondent wurde dazu gebeten, um die Sicht Frankreichs auf den deutschen Nachbarn einzubringen, dann der Leiter eines japanischen Wirtschaftsbüros, und schließlich bat man noch den WDR-Journalisten auf die Bühne; ich erinnere mich leider nicht mehr an seinen Namen. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern der Talkshow schien er den großen Auftritt nicht zu lieben. Er war relativ trocken und referierte mit großer Nüchternheit, was uns in den kommenden dreißig Jahren an Umweltproblemen bevorstehen würde: Luftverschmutzung, Temperaturanstieg, Gletscherschmelze, Meeresanstieg, Dürren, Hurrikane, Bodenerosion, etc. Während ich ihm aus gutem Grund mit Faszination und Betroffenheit lauschte, geschah im Saal etwas Seltsames: die Stimmung kippte total. Die eben noch so distinguierten Gäste ließen alle Manieren fahren, es bildete sich eine wütend schäumende Masse, und der Mann wurde auf ordinärste Weise bepöbelt und niedergebrüllt. Ich schämte mich in Grund und Boden und dachte mir: Wenn das die Creme der rheinischen Wirtschaft ist, na dann gute Nacht! Es war der Abend, an dem ich die Überzeugung gewann, dass es mit der Rettung unserer Umwelt im Zweifel nichts werden würde, – nicht mit dieser Generation. Und ich erinnerte mich daran, dass mir schon ein Jahr zuvor die Bundestagskorrespondentin des WDR-Hörfunks gesagt hatte: „Bernd, wenn die Bevölkerung wüsste, was an geheimen Papieren zur Umweltthematik in den Regierungssschubladen liegt, dann hätten wir hier soziale Unruhen!“ – Sie musste es wissen, denn sie war nicht nur eine exzellente Journalistin, ihr Ehemann war damals auch stellvertretender BND-Chef.
Jedenfalls, Moderator Casdorff schaffte es gemeinsam mit Richard Stücklen, die Stimmung zu retten, und so feierte man dann noch lange in den Abend hinein. Zwei Tage darauf allerdings rief mich einer meiner Auftraggeber an, um mir mitzuteilen, dass man „so jemanden“ doch lieber nicht dabeihaben wolle.

Mich selbst beschäftigte das Erlebte noch mehrere Tage lang, denn der Journalist hatte niemanden angegriffen, hatte auch der Wirtschaft keinerlei Vorwürfe gemacht und keine politischen Forderungen erhoben. Er hatte „nur“ referiert, was auf uns zukommen würde. Und so wurde mir klar, dass etwas geschehen war, was man im Amerikanischen als „shooting the messenger“ bezeichnete. Der Überbringer der schlechten Nachrichten hatte sich verhasst gemacht. Denn auch, wenn es nicht explizit ausgesprochen worden war, so hatten die Anwesenden wohl instinktiv erfasst, dass eine Zeit dabei war, zu Ende zu gehen und gemeinsam auf den Überbringer der Nachricht eingedroschen.

„Die Mehrzahl unserer alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung verborgener, uns entgehender Motive.“, schreibt Sigmund Freud. Zu Recht wird man sich fragen, welche verborgenen Motive und Mechanismen zu diesem kollektiven Ausbruch an beleidigender Gehässigkeit geführt haben. Naheliegend dürfte sein, dass es sich um einen Akt aggressiver – sozusagen prophylaktischer – Schuldabwehr handelte: Die anwesenden Mittelständler waren vorwiegend Inhaber von Fertigungsunternehmen und deren Zulieferern bzw. Dienstleistern. Die von dem Journalisten beschriebenen Umweltprobleme machten es unmöglich, sich nicht in irgendeiner Weise betroffen bzw. verantwortlich zu fühlen; insbesondere, wenn man sich die Sorglosigkeit damaliger Herstellungsverfahren vor Augen führte. Es dämmerte also offenbar einigen, was das für konkrete Folgen haben würde. Und ich vermute, dass eine Reihe der Gäste insgeheim schon die Folgekosten der avisierten Probleme für ihr Unternehmen im Auge hatte.

Was mich allerdings trotz aller Betroffenheit faszinierte, war der schlagartige kollektive Niveauverlust, der dazu führte, dass nahezu Jede/r den Referenten auf unterster Stufe attackierte und verhöhnte. Immerhin waren es Menschen, die sich in gehobenen Kreisen bewegten und sich dort gut zu präsentieren wussten. Eine Antwort werden wir nur in der Massenpsychologie finden, wie sie erstmals von Gustave Le Bon beschrieben und von Sigmund Freud verfeinert wurde. Denn unzweifelhaft hatten die Anwesenden den Schritt vom Individuum zur Masse vollzogen und verhielten sich entsprechend uniform, bis der Auftritt des Journalisten vorbei war und sie sich wieder vereinzelten: Zum Unternehmer, zur Unternehmerin, zur Unternehmergattin, oder wozu auch immer. „Das Individuum kommt in der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner unbewussten Triebregungen abzuwerfen. Die anscheinend neuen Eigenschaften, die es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Unbewussten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in der Anlage enthalten ist; das Schwinden des Gewissens oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen macht unserem Verständnis keine Schwierigkeiten.“ So schreibt Freud es in seinem Werk „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Und er ergänzt: „Solange die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich die Individuen, als wären sie gleichförmig.“ – Dieses Phänomen, das laut Freud meist eines „Führers“ bedarf, gilt leider auch für Gruppenvergewaltigungen, Lynch- und Massenmorde, oder auch nur für das kollektive Fertigmachen eines Referenten in einer öffentlichen Veranstaltung: Eine/r fängt an, die anderen verschmelzen augenblicklich zur Masse, und das individuelle Gewissen als innere Kontroll- und Regelungsinstanz verliert seine Funktion.

Die kollektive Abwehr funktionierte damals, die Wahrnehmung der Realität unterblieb eben so kollektiv. Inzwischen ist sie längst eingetreten. Die Menschheit allerdings wird dadurch nicht kollektiv schlauer, und so macht es durchaus Sinn, der Masse der Verleugner eine Masse der Realisten entgegenzustellen.