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So alle vier bis sechs Wochen rief Mary mich an, wenn sie von ihrem Alten mal wieder in den Wahnsinn getrieben wurde. „Du, ich halt das nicht mehr aus! Diese an-dau-ern-den Verdächtigungen!“
Dieter hatte lange Jahre im Vorstand eines Unternehmens geherrscht, bis er sich zur Ruhe gesetzt hatte. Er hatte einen knallharten Ruf besessen: dominant, hart, rücksichtslos, eisig; menschlicher Kontakt zu ihm hatte als unmöglich gegolten. Anfangs hatte ich meine alte Schulfreundin noch zweimal in ihrer neuen Villa besucht, es dann aber eingestellt: Dieter war dagesessen, die Hände überheblich vorm Bauch verschränkt, hatte mich gemustert wie ein Insekt und versucht mich auszufragen wie einen Schulbuben. Beim ersten Mal hatte ich mich still in mich hineingeärgert, beim zweiten Mal verkürzte ich meinen Besuch deutlich. – Mary ahnte warum, aber da sie unter eiserner Regentschaft stand, wagte sie nicht aufzumucken.

So grandios und herrisch Dieter auch auftrat, er hatte eine bemerkenswerte Schwachstelle: alle vier bis sechs Wochen legte er Mary eine gesalzene Eifersuchtsszene hin, die sich in den Folgetagen bis zum regelrechten Irrsinn steigerte. Er verdächtigte sie, mit irgendeinem Mann aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis „etwas zu haben“, was Mary ganz besonders verletzte, da sie ihm regelmäßig schwor, ihm all die siebenundzwanzig Jahre ihrer Ehe treu gewesen zu sein. Das beeindruckte ihn nicht im Geringsten. Im Gegenteil begann er nach „Beweisen“ zu suchen, die sie „überführten“, und so begann er ihre Kleidung zu inspizieren, ihre Handtasche zu durchwühlen, und sogar Couch und Bettzeug überprüfte er genauestens: Stieß er auf irgendetwas, das sich in seinem Sinne verwenden ließ, dann steigerte dies seine Raserei, denn endlich hatte er Mary „erwischt“. Fand er hingegen nichts, war es der „Beweis“ für die Verschlagenheit seiner Gattin, die ihn offenbar auf raffinierteste Weise hinterging. Ich riet Mary mehrmals, ihren Alten in den Wind zu schießen, und jedes Mal sagte sie mir, sie würde „gleich morgen zum Scheidungsanwalt gehen“. Daraus wurde nie etwas. Am Ende siegte stets die Erwägung, dass Dieter ihr ein sehr luxuriöses Leben bot, und dass das zu erwartende Erbe nicht unbeträchtlich sein würde. – Was sich zwei Jahre später ganz unerwartet bestätigen sollte, als der Gatte mit noch nicht einmal achtundsechzig Jahren in einem Kaffeehaus vom Stuhl kippte. Bis zuletzt hatte er sich niemals bei Mary entschuldigt.

„Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man ähnlich wie die Trauer als normal bezeichnen darf. Wo sie im Charakter und Benehmen eines Menschen zu fehlen scheint, ist der Schluss gerechtfertigt, dass sie einer starken Verdrängung erlegen ist und darum im unbewussten Seelenleben eine umso größere Rolle spielt.“, schreibt Freud. – Mit anderen Worten: Es wäre unnatürlich, seinen Platz nicht behaupten zu wollen. Wir sehen es im menschlichen Alltag genauso wie im tierischen: Die Stubenkatze, die ich mir als Student hielt, ertrug es partout nicht, wenn ich mich meinen Skripten widmete und legte sich einfach quer darüber. Gurrend und schnurrend, selbstredend, um Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen. Es trug wesentlich zur Verlängerung meines Studiums bei.

Auf einer privaten Feier allerdings lernte ich vor einigen Jahren eine Dame Mitte Dreißig kennen, die bei hundertsiebzig Zentimetern Größe gut und gerne hundertzwanzig Kilo wog. Als ihr jemand von meiner Coachingtätigkeit berichtete, erzählte sie mir sofort unaufgefordert ihre Geschichte: Ihr Ex-Ehemann, ein Lastwagenfahrer, war rasend eifersüchtig gewesen und wollte sichergehen, dass sie nur ihm gehörte. Um die Gewissheit zu haben, dass kein anderer Mann sie anschaute, fütterte er sie, bis sie sage und schreibe zweihundertvierundsiebzig Kilo auf die Waage brachte. Sie lag nur noch auf dem Bett, und selbst der Gang zur Toilette wurde ihr zur Quälerei. Dann allerdings besann sie sich eines Besseren, ließ sich mit beträchtlichem logistischen Aufwand in eine Klinik bringen und leitete die Scheidung ein. – Sie war kurz davor gewesen, das Zeitliche zu segnen und hatte nach erfolgter Magenverkleinerung über hundertfünfzig Kilo abgenommen.

Auffallend ist in beiden Partnerschaften also eine überzogene Eifersucht, deren mildere Form Freud als sogenannte „projizierte Eifersucht“ bezeichnet: Sie „… geht aus Antrieben zur Untreue hervor, die der Verdrängung verfallen sind. Es ist eine alltägliche Erfahrung, dass die Treue, zumal die in der Ehe geforderte, nur gegen beständige Versuchungen aufrechterhalten werden kann. Wer dieselben in sich verleugnet, verspürt deren Andrängen doch so stark, dass er gerne einen unbewussten Mechanismus zu seiner Erleichterung in Anspruch nimmt. Eine solche Erleichterung, ja einen Freispruch vor seinem Gewissen erreicht er, wenn er die eigenen Antriebe zur Untreue auf die andere Partei, welcher er die Treue schuldig ist, projiziert.“

Was in unseren beiden Fällen jedoch ins Auge sticht, ist die völlige Überzeichnung dieses Bedürfnisses, bis hin zur „Alleinherrschaft“ über die Partnerin. Es mögen verdrängte eigene Ausbruchswünsche mit im Spiel gewesen sein, doch liegt dem Geschilderten insgesamt etwas nachgerade Wahnhaftes zugrunde, wobei der klassische Eifersuchtswahn z.B. infolge Alkoholismus oder Demenz hier nicht näher behandelt werden soll. Woraus aber erklärt sich diese tiefe persönliche Unsicherheit, die, von ständiger Verlustangst getrieben, niemals zur inneren Ruhe gelangt? Es müssen negative Grundannahmen über sich selber bestehen: Ich bin nicht liebenswert, so wie ich bin; ständig muss ich meinen „Bestand“ sichern, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man aus eigener Entscheidung bei mir bleibt. – In treffliche Worte hat der Psychoanalytiker Tilmann Moser die Hintergründe dieses Dramas gefasst: „Die Psychoanalyse hat herausgefunden, dass dort, wo sich eine dramatische Eifersuchtsentwicklung anbahnt oder vollzieht, es eine Vorgeschichte geben muss in einer früheren Familienkonstellation: wenn Eltern ein Kind vorziehen, wenn ein Kind in die Partnerkämpfe der Eltern verstrickt wird, wenn ein Elternteil die Generationsgrenzen nicht einhält und in einem Kind einen Ersatzpartner sucht, der beim anderen Teil Verlustängste schürt oder beim Kind die Atmosphäre vergiftende Triumphgefühle hervorruft. Fast immer lässt sich eine Geschichte von frühem Verlust der Liebe ausmachen, der zu einem ganzen Lebensskript führen kann: der Verlierer bleibt mit seinen Wunden in einem neuen Beziehungsgeflecht. Das bedeutet, dass der ursprüngliche Verlust unbewusst wiederholt, ja sogar gesucht und arrangiert wird in dem, was Sigmund Freud den “Wiederholungszwang” genannt hat, einen Zwang zu Opfersein, auf der anderen Seite, aus ebenso unbewussten Gründen, ein Zwang zu verletzender Täterschaft eines Menschen, der sich rächen muss für erlittenes Unglück aus vergeblicher kindlicher Liebe.“

Mit der korpulenten Dame hatte ich keinen weiteren Kontakt und so konnte ich ihre Geschichte nicht weiter verfolgen. Mary hingegen nahm eine seltsame Entwicklung: Sie verkaufte die Villa und erwarb von deren Erlös eine luxuriöse Eigentumswohnung. Zugleich wurde sie sehr unternehmungslustig und holte damit nach, was der goldene Käfig früherer Jahre ihr verwehrt hatte. Allerdings nahm sie auch den verstorbenen Dieter mit, indem sie ihn zum fast ausschließlichen Gesprächsthema machte, wenn man ihr begegnete, sich dabei mit wärmsten Worten über ihn ausließ und ihn sich als ihren ständigen, meist mahnenden, Begleiter phantasierte: „Ich frage mich dann immer: Wie hätte Dieter hier entschieden? Und dann handle ich in seinem Sinne.“ So also kehrte sie freiwillig in ihre innere Gefangenschaft zurück. Man wird mit einiger Gewissheit annehmen dürfen, dass sie ihn idealisierte, weil sie auch heute noch nicht wagte, sich gegen ihn zu erheben. „Identifikation mit dem Aggressor“ nennt es die Analyse. Aber das ist ein anderes Thema.