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„Hey, du bist wieder da?“, freute ich mich.
Mein Nachbar Rudi war seit acht Wochen in der geschlossenen Abteilung der Bonner Landesklinik, nachdem er infolge exzessiven Tablettenmissbrauchs psychisch abgebaut hatte, bis er wüste Hasszustände bekam und in seiner Wohnung randalierte. Erst als er anfing zu halluzinieren und allerlei seltsame Dinge zu sehen, rafften seine alten Eltern sich dazu auf, ihn einweisen zu lassen. – Nun ja, neun Captagon am Tag und dazu abends drei bis vier Limbatril, da soll einer nicht ausrasten. Auch meine eigenen monatelangen Bemühungen, ihn auf den Boden der Realität zurückzuholen waren erfolglos gewesen. Rudis Denkinhalte waren wahnhaft geworden, und sie wiesen stark paranoide Züge auf: alle waren dahinter her, ihm zu schaden; niemand verstand ihn wirklich; misstrauisch erwartete er nichts anderes mehr von den Menschen als ihre Hinterhältigkeit, gegen die er sich mit bizarren Ritualen und unberechenbaren Wutausbrüchen zu wappnen versuchte.

„Komm rein, Alter! Ich hab Wochenenendausgang!““, strahlte er, und endlich erkannte ich wieder den guten alten Rudi in ihm. Den freundlichen Einzelgänger und Querdenker mit der großen Leidenschaft für die Reden von Herbert Wehner, deren Bandaufnahmen wir uns abends oft reingezogen hatten wie andere eine Symphonie von Brahms.
In seiner Essecke saß ein kleiner, schmächtiger Herr um die Fünfzig, seine Züge wirkten etwas maskenhaft auf mich.
„Das ist der Alfons, mein Mitpatient.“, stellte Rudi ihn mir vor. „Er ist manisch-depressiv.“
Der andere schüttelte mir mit grandioser Geste die Hand, es erinnerte mich an Jack Oakies Mussolini-Parodie in Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“. Seine hochherrschaftliche Pose passte überhaupt nicht zu seiner abgetragenen Kleidung. Dazu stieß er einen Schwall wirren Geredes hervor, ebenfalls im Ton großartigen Gönnertums, ohne dass ich auch nur das Leiseste davon verstand.
„Sehr erfreut.“, antwortete ich etwas verunsichert.
„Bitte setzen Sie sich.“, sagte er.

Rudi berichtete mir strahlend von seinem Klinikaufenthalt und seinen Fortschritten in den acht Wochen. Sie hatten ihn von seiner Tablettensucht heruntergebracht und ihn psychisch stabilisiert. Alfons kommentierte alles mit ausladenden Handbewegungen, und ich fragte mich zusehends, ob etwas mit mir nicht stimmte, weil ich einfach nicht dahinterkam, was er sagen wollte. Rudi schien es nicht zu stören, das machte mich noch unsicherer, und nach einiger Zeit verabschiedete ich mich und war heilfroh, wieder in den eigenen vier Wänden zu sein.

„Die positive formale Denkstörung äußert sich in flüssiger Sprache, die aber aus verschiedenen Gründen zu einer Verarmung des Inhalts der Kommunikation führt.“, heißt es in Andreasen/Blacks Lehrbuch der Psychiatrie. – So kann man es natürlich auch sagen.
Interessant ist auf jeden Fall, dass Denken ein innerer Prozess ist, der im Normalfall etwas Zielgerichtetes hat: Ein lautloser prozessualer Ablauf führt ausgehend von einer Art Fragestellung zu einem Denkergebnis, das ggf. nach außen mitgeteilt wird. Allerdings sind Störungen dieses Prozesses möglich: So können Sie beispielsweise zu pathologischen Denk-INHALTEN führen, etwa bei Psychotikern, die fremde Stimmen hören oder die berühmten weißen Mäuse sehen. Weniger bekannt ist, dass auch der Denk-ABLAUF, den wir ja immer irgendwie als selbstverständlich unterstellen, entgleisen kann. Häufig anzutreffendes Beispiel ist der Rededrang, den man aus gutem Grund auch als „Logorrhöe“ bezeichnet: Der/die Betreffende redet unentwegt, dazu schnell und laut, und er/sie ist praktisch nicht mehr zu unterbrechen. Antworten auf einfache Fragen dauern Minuten und erfolgen mit einer Sprechgeschwindigkeit von mehr als 150 Wörtern pro Minute. Beim Zuhörer stellt sich nach kurzer Zeit ein genervtes Gefühl von Bedrängnis oder Gehetztheit ein.

Was aber war bei Alfons los? Die Denkstörung, die er zeigte, bezeichnet man als Inkohärenz oder Schizophasie: Es werden Sätze gebildet, deren Inhalt keinen Sinn ergibt. Oft bleibt es bei Halbsätzen, und es finden gewaltige Themensprünge statt, denen man nicht mehr folgen kann, und die ohnehin keinen inneren Zusammenhang aufweisen.
Andreasen/Black führen ein ebenso eindringliches wie bedrückendes Beispiel an:

Arzt: „Was halten Sie von aktuellen politischen Problemen, wie z.B. der Energiekrise?“
Patient: „Sie zerstören zu viel Vieh und Öl, nur um Seife herzustellen. Falls wir Seife brauchen, wenn Sie in ein Wasserbecken springen und dann, wenn Sie Ihr Benzin kaufen gehen, meine Leute glaubten immer, sie sollten, Sprudel holen, aber das Beste, was man holen kann, ist Motoröl, und, Geld. Können, können, wie, also gehen Sie dahin und, geben Sie etwas in Zahlung, Sprudelverschlüsse, und, äh, Reifen, und Traktoren, Autowerkstätten, damit sie die Autos aus den Wracks aussortieren können, das ist, an was ich geglaubt habe.“

Da bleibt einem erst Mal die Spucke weg, und da ich in meinen Zwanzigern von diesen Themen noch keine Ahnung hatte, wird man verstehen, dass mir bei Alfons´ nicht weniger wirrem Gerede mehr als unbehaglich zumute war. – Tatsächlich, das Denken ist ein sensibler Prozess, dessen Bedeutung für unser Leben wir selten erkennen: Schon starke Gefühle wie Ärger, Freude, Trauer, Eifersucht oder Liebe können es buchstäblich „verfärben“. Bei Liebe ins Zartrosa, bei Trauer ins Schwarz, und alles denkbar Weitere. Immer noch kommt dann aber ein akzeptables Denkergebnis zustande, wenngleich „gefühlsgesteuert“. Greifen hingegen neurologische oder psychiatrische Erkrankungen ins Denkgeschehen ein, dann kann es zu den beschriebenen Denkstörungen (bzw. noch einigen anderen) kommen.

Einige Wochen später hatte Rudi wieder Wochenendausgang und schien mir zusehends stabiler zu werden. Ich fragte ihn nach Alfons und dessen seltsamer Ausdrucksweise. Kopfschüttelnd berichtete Rudi mir, Alfons habe eine ausgedehnte manische Phase – also eine Phase unnatürlich gehobener Stimmung und fehlender Realitätsprüfung – erlitten. Er sei aus der Klinik entwischt und habe dann mehrere Neuwagen bestellt, die er natürlich gar nicht bezahlen konnte. Jetzt sei er wieder sicher verwahrt „in der Geschlossenen“.
Wie er die Autoverkäufer überzeugt hat, ist mir heute noch ein Rätsel.