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Mein Onkel Guggi war stets gut gekleidet und von gewinnend charmantem Auftreten. – Jedenfalls, solange sie ihn nicht einsperrten, aber das kam halt immer wieder mal vor. Als er als Endfünfziger früh das Zeitliche segnete, hatte er an die acht Jahre gesiebte Luft geatmet, vorwiegend in Stadelheim, welches in Ganovenkreisen unter dem Namen „St. Adelheim“ eine eher ungünstige Bewertung fand im Hinblick auf Qualität und Abwechslungsreichtum des dortigen Aufenthalts. Jedes Mal, wenn sie den Onkel Guggi wieder herausließen, legte er bei uns einen Auftritt von solch herzlicher Verbindlichkeit hin, dass man meinte, er komme gerade von seiner Sommerkur in Rimini zurück. Ein alter Spezi meines Vaters, ein ehemaliger Gestapo-Mann, der jetzt bei der Kriminalpolizei seinen Dienst in gleicher Weise verrichtete, bezeichnete ihn als den „geborenen Kriminellen“, aber leider sei es heutzutage nicht mehr statthaft solche Elemente auszumerzen. Da habe der Amerikaner uns etwas Sauberes eingebrockt. Einige andere aus unserer Sippe hingegen meinten, er sei einfach ein Depp. Denn meist saß er wegen billiger Betrügereien, die so dilettantisch angelegt waren, dass sie schon bald aufflogen und ihm die erfreute Aufmerksamkeit der Staatsmacht verschafften. „Des weiß doch a Jeder, dass ma´ damit nicht davonkommt. Bloß er halt net, der Depp!“

Zu Onkel Guggis Ehrenrettung – gemeint ist natürlich die Ganovenehre – muss jedoch gesagt sein, dass er auch einfach das Pech hatte, dass die Leute von seinem Auftreten so beeindruckt waren. Tatsächlich sah er sehr imposant aus in seinem schimmernden schwarzen Smoking und dem von seiner unglücklichen Gattin Reni gestärkten weißen Hemd, mit den Manschettenknöpfen aus schwarzem Onyx, in Gold gefasst, und den glänzenden schwarzen Lackschuhen. In seiner haftfreien Zeit nämlich arbeitete er aufgrund seiner geschliffenen Manieren als Kellner in den allerersten Münchener Lokalitäten, so auch lange Zeit – also die Zeit zwischen zwei Festnahmen – im damals legendären Münchener Regina-Palast-Hotel. Dort verkehrten die Filmgrößen der 50er und 60er Jahre, er wurde für sie abgestellt, und ich spitzte die Ohren, wenn er uns erzählte, wen er gestern Abend wieder bedient hatte: den berühmten Claus Biederstaedt (stets freundlich und gutes Trinkgeld), Hans-Joachim Kulenkampff (freundlich-unnahbar), Theo Lingen (sehr überheblich), Ilse Werner (knauserig) und nicht zuletzt die ihm herzlich verhasste Ufa-Königin Marika Rökk, deren Musik- und Tanzfilme den Deutschen erfolglos durchs Dritte Reich geholfen hatten, und die er nicht mochte, weil sie an allem herumningelte und ihn viel Nerven kostete.

Eines Tages, so erzählte er, war Marika Rökk wieder in Begleitung eines Filmproduzenten erschienen und setzte sich mit diesem an einen von Onkel Guggi betreuten Tisch. Mein Onkel, der uns allen immer wieder vorausgesagt hatte, irgendwann werde er „die alte Wachtel in die Pfanne hauen“, nahm mit professioneller Höflichkeit ihre Bestellung auf: „Ein Steak, – abärr bitte sährr, Härr Obärr, gut durrch!“ pflegte sie ihren ungarischen Akzent, der ihr Markenzeichen war.
„Sehr wohl, Frau Rökk!“
„Fürr Sie bin ich die gnädige Frauuuu!“
„Sehr wohl, gnädige Frau!“ Der Onkel Guggi zischte ab und gab die Bestellung in die Küche. Mit den geschmeidigen Bewegungen eines Balletttänzers servierte er ihr kurz darauf das Steak, während der Produzent sich mit einer Zwiebelsuppe begnügte.

Er hatte sich kaum umgedreht, als er schon ihre schneidende Stimme vernah m: „Härr Obärr, bittä sährrr!“
„Gnädige Frau?“
„Härr Obärr, diesäs Steak ist übärrhaupt nicht richtig durrrch! Sagän Sie mirrr, warum muss ich immär ärst ätwas bemängäln? Warum gäht es nicht einfach ohnä Bäanstandungg?“
Mein Onkel Guggi wollte etwas sagen, doch schnitt sie ihm eisig das Wort ab: „Bringän Sie mirrr ein Steak, so wie ich äs bäställt habä! Mein Gott, warum funktionierrt äs in diesäm Haus niemals beim ärstän Mal?“

Der Onkel Guggi rauschte mit demütig gäsänktäm Kopf davon, und schon in kürzester Zeit stellte er der Diva einen frischen Teller mit einem dampfenden Steak hin. Sie probierte mit kritischer Miene.
„Bittä sähr, Härr Obärr, warum gäht äs dänn jätzt, und warum nicht gleich bei ärstä Mal? Warum muss ich immär ärst ätwas bämängäln?“
„Ja mei, gnädige Frau“, sagte mein Onkel Guggi. „Warum müssen S´immer erscht was bemängeln? Des is des gleiche Schteak wie vorher, bloß auf ei´m neuen Teller. Warum geht´s denn eigentlich nie beim erschten Mal?“
Noch Jahre später erzählte der Onkel Guggi genüsslich von dem gurgelnden Aufschrei der Grande Dame des deutschen Films. Danach habe sie wortlos und mit verkniffenen Zügen alles aufgegessen.

Nur halt, neben diesen unzweifelhaften Lichtgestalten der deutschen Geisteswelt verkehrten auch eine Reihe dunklerer Figuren im noblen Haus, darunter mehrere prominente Playboys, die offenbar verkörperten, was der Onkel Guggi sich für sein Leben immer erhofft hatte: Teure Autos, „Wahnsinnnshasen“, exquisite Kleidung und wilde Nächte. Er schaffte es mittels seines Blendertums, sich an sie ranzuschmeißen und mit ihnen um die Häuser zu ziehen. Doch da sein schmales Kellnergehalt ihn nicht mithalten ließ, lieh er sich von ihnen das nötige Kleingeld, wohl wissend, er würde es niemals zurückzahlen können. Es waren Summen, die ihm im Gegensatz zu Tante Reni die Nächte seines Lebens bescherten. Und offenbar war der soziale „Aufstieg“, den er sich damit phantasierte, ihm alle Unannehmlichkeiten wert. – Als die Kriminaler ihn im Hotel abholten, wahrte man wie stets die Diskretion des Hauses. Tante Reni ließ sich kurz darauf scheiden, nahm ihn aber nach seiner Haftverbüssung wieder bei sich auf, denn sie hatte wirklich ein sehr weiches Herz und auch begründete Angst, keinen mehr abzukriegen. Der Guggi kellnerte wieder und saß dann noch zweimal ein, bevor ein Kehlkopfkrebs den starken Raucher erledigte.

Analytisch auffallend ist schon mal, dass die große Filmdiva anscheinend über ausgeprägt narzisstische Züge verfügte: Die Selbstüberhöhung, das Kleinmachen anderer und der Versuch, mittels ihrer Kapriolen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sprechen jedenfalls für die Annahme. – Aber was war eigentlich mit dem Guggi los? Die Antwort finden wir in der Fachliteratur.

Dort wird bis heute gerätselt, ob Menschen mit kriminellen Neigungen eine genetische Veranlagung haben, mithin ein „kriminelles Chromosom“, das dazu verleite, rechtliche und gesellschaftliche Normen einfach zu ignorieren. Besondere Aufmerksamkeit fanden dabei die Karyotypen 47,XYY und 47,XXY, nur kam nichts wirklich Gescheites dabei heraus. Soziologische Theorien wiederum sprechen von einem „schichtenspezifischen Sozialisationsprozess“, also der Erlernung krimineller Verhaltensmuster in sozialen Unterschichten. Stimmt auch nur bedingt, wenngleich sicher etwas dran ist, dass diese Menschen soziale Ziele vor Augen haben, die sie infolge ihrer Abstammung auf legalem Wege niemals erreichen können. Neuere Überlegungen allerdings finden die Ursache in der psychischen Entwicklung: Viele Kriminelle entstammen frühzeitig desintegrierten Familien bei oftmals früher und tiefgreifender Störung der Mutter-Kind-Beziehung. Anders gesagt: eine nachgeburtliche Mutter-Kind-Beziehung konnte nicht aufgebaut werden. Der Vater war entweder abwesend oder emotional uninteressiert. Sie erfuhren also keine konstante (!) emotional tragende Zuwendung und waren meist frühzeitig extremen Mangelsituationen körperlicher bzw. psychischer Art ausgesetzt. Charakteristisch für das Erziehungsverhalten der Bezugspersonen ist ein Schwanken zwischen Verwöhnung und Härte. – Die Welt dieser Kinder war folglich unberechenbar, feindlich und angsterregend. Das daraus resultierende tiefe Misstrauen prägt damit das Selbstverständnis und die von stetem Hunger geprägte Weltsicht des Kriminellen: Was man mir verweigert, das nehme ich mir. Und zwar sofort. – Gewissen wurde nicht ausgebildet.

Gerade diese Unmittelbarkeit der Triebbefriedigung aber ist es, die ins Auge sticht: Der sexuell Erregte nimmt sich eine Frau gewaltsam; wer Geld braucht, raubt es unter Anwendung von Gewalt; wer ein Auto braucht, klaut sich eines, etc., etc.: Was ich haben will, muss sofort her. Jetzt und gleich. Die Folgen werden ausgeblendet. – Langfristiges Denken also findet nicht statt: Um die Frau muss ich werben; Geld muss ich verdienen; fürs Auto muss ich jeden Monat was zurücklegen. Ein unterbliebener Denkprozess also, bei dem man wohl unterstellen darf, dass die frühkindlichen Ver- und Entsagungen dazu führen, dass jemand „nicht länger warten kann“.

Was Guggi betrifft, so waren diese Kriterien überzeugend: Die Ehe seiner Eltern ging kurz nach seiner Geburt in die Brüche. Seine Mutter war mit der Erziehung überfordert und ließ ihm alles durchgehen. Der Vater hingegen, geprägt von den Normen der NS-Zeit, setzte auf Härte, Parieren und Zwang bei gleichzeitiger emotionaler Verweigerung. Er verstieß seinen verhaltensauffälligen Sohn als Vierzehnjährigen, wechselte nie wieder ein Wort mit ihm und ignorierte ihn, wenn er zufällig auf ihn traf. Als Guggi sich einmal in einer Gaststätte an meinen Vater wandte, während sein Vater mit am Tisch saß, erlitt der Alte einen Brüllanfall und beschimpfte sein eigen Fleisch und Blut aufs Wüsteste. – Es waren die Defizite, die Guggi mit seinem geschniegelten Auftreten zu kompensieren suchte: Anerkennung, Selbstwert, Bestätigung, Wärme. Er fand sie weder zu Hause noch bei seinen Promi-Kumpanen, die ihn fallen ließen, sobald sie ihn durchschauten.

Die Playboys feierten weiter.