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Ein Lackel von Mannsbild war er, der Leitmeier Franzi. Groß, breitschultrig, voller Kraft, und irgendwie auch immer a bissl gefährlich.

„Solcherne wie so einen, mei´ Lieber, die hab i g´fressen!“ schnaubte er. „Da hört sich der Spaß auf!“
Ich war in den Midteens und lauschte ergriffen, denn der Franzi, ein selbständiger Dachdecker, genoss überall Ansehen und war für uns Junge eine Art Leitbild.
„Fass mi´ an!, tät er zu mir sagen! Fass mi´ an! – Mir tät´s ja sauber grausen! Früher, da hätten s´ die nach Dachau, und dann wär´ gleich a Ruh´ g´wesen!“
„Ja schon…“ wagte ich einen vorsichtigen Einwand.
„Die g´hören weg! Alle miteinander g´hören s´weg! Gar net erst lang ein´ Prozess machen! Gleich nach Dachau, sag i!“

Der Franzi war gegen Mitternacht von seinem Lieblingskroaten nach Hause gegangen, als ihm ein Mann hinterherkam, der ihn schon im Lokal unentwegt gemustert hatte. Nach einiger Zeit hatte er ihn eingeholt und raunte ihm unentwegt zu: „Geh her, i brauch dich jetzt! Fass mi´ an!“ – Nicht gerade die eleganteste Art der Anmache, aber wir waren Mitte der 60er Jahre und da wurde solche „Abartigkeit“ mit Gefängnis bestraft, bekanntlich um das deutsche Volk zu schützen, und Heimlichkeit war oberstes Gebot gewesen. Der Franzi hatte erst so getan, als hörte er nichts. Dann plötzlich schnellte er herum, verpasste dem anderen einen seitlichen Faustschlag an den Kiefer und packte ihn fest am Kragen.
„Dann hab i ihn mit´m G´sicht gegen die Hauswand ´drückt und bin immer wieder rauf und runter g´fahren, bis er a Ruh´ ´geben hat!“, sagte der Franzi voller Abscheu. „Normal tät i so einen ja gar net ang´langen!“ – Dem Blutenden hatte er noch einen Tritt in den Unterleib verpasst und ihn dann stehen lassen.

„Und was glaubst, komm i am nächsten Vormittag beim Installateur Gruber in die Werkstatt, wer lauft mir als Allererstes über´n Weg? Der schwule Sauhund da, mit seinem grindigen G´sicht! G´freut hat´s mich ja doch, wie er ausg´schaut hat! – – Sag i zum Gruber, ja weißt denn du, was du da für einen bei dir in der Werkstatt hast? – Natürlich hat der Mann von gar nix g´wusst, der Gruber is ja ein anständiger Kerl! Jedenfalls, wie ich ihm des g´sagt hab´, da hat er den andern auf der Stell rausg´schmissen! Auf der Stell, sag i! Und des Allerhöchste war ja dann, dass der noch g´weint hat! Da hört sich ja alles auf!“

Deutschland vor einem halben Jahrhundert, gerade mal. Schwule waren Freiwild, gesellschaftlich geächtet, („Obwohl, also so rein menschlich is des ja ein sehr feiner Mann!“) und in übelster Nazi-Tradition kriminalisiert. Bezeichnend, dass bis heute keine genauen Zahlen bestehen über die in den KZs umgekommenen Homosexuellen, die mit einem auf der Sträflingskluft aufgenähten rosa Winkel selbst dort noch stigmatisiert wurden. Erste vorsichtige Schätzungen liegen bei mindestens 10.000 Verschleppten, mit einer Todesrate von 50 bis 60 Prozent. Dabei wurde zwischen angeblich „Verführten“ und sogenannten „Verführern“ unterschieden. Während die „Verführten“ über die normale Strafverfolgung nach § 175 StGB auf den ‚rechten Weg‘ kommen sollten, wollte man die „Verführer“ offiziell „aus der Volksgemeinschaft ausscheiden“. Menschen als Ausscheidungen, man glaubt´s ja kaum.

Ein Freund von mir, Film- und TV-Regisseur und immerhin Filmpreisträger, ist selber schwul und seit langen Jahren glücklich mit seinem Partner verheiratet. Er schrieb ein faszinierendes Filmdrehbuch über das Schicksal deutscher Homosexueller im KZ. Nach meiner Meinung hatte es Hollywood-Qualität. Mein Versuch allerdings, deutsche Produzenten dafür zu gewinnen, ging ziemlich schief: Das Thema sei „zu heiß“ bzw. „uninteressant“ bzw. „passt derzeit ja überhaupt nicht in die Landschaft.“ – Eines der Kapitel deutscher Geschichte eben, die man besser nicht anrührt. Der von den Nazis verschärfte § 175 StGB galt noch bis 1969, erst 2002 hob der Deutsche Bundestag die NS-Urteile gegen Schwule auf. Bis dahin waren sie verurteilte Kriminelle. Lieb Vaterland, magst ruhig sein… – Noch immer ist Homophobie ein Thema bei uns.

Homophobie also bezeichnet eine gegen Lesben und Schwule gerichtete soziale Abneigung oder Feindseligkeit. In den Sozialwissenschaften gilt sie als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Berücksichtigt man die simple Tatsache, dass es einem ziemlich egal sein kann, wer mit wem einvernehmlich ins Bett geht, stellt sich ja schon die Frage, woher diese heftigen emotionalen Reaktionen kommen, die immerhin bis zu physischen Vernichtungsphantasien reichen; wobei es für rund 10.000 im KZ Ermordete eben gerade NICHT bei der Phantasie blieb. Und in islamischen Staaten droht ihnen heute noch dieses Schicksal.

Die Sozialpsychologie geht aus vom sozialen Erwerb von Stereotypen und Vorurteilen, so dass während der Sozialisationsphase eines Menschen letztlich dem äußeren Anpassungsdruck entsprochen wird. Dann wäre allerdings zu fragen, wo die Stereotypen herkommen und woher der Anpassungsdruck. Eine Antwort darauf finden wir in der Psychoanalyse: Ursache der Homophobie ist die Angst. Angst vor der Infragestellung sozialer Normen und Wertvorstellungen, Angst vor dem Verfall des gängigen Männlichkeitsideals durch z.B. „tuntige“ Schwule oder „Mannweiber“ sowie Angst vor dem Abweichenden schlechthin. All diese Ängste allerdings lassen eher ein Unbehagen erkennen, erworbene Vorstellungen zu verändern. – Gibt es also noch etwas anderes? Etwas, das vielleicht noch viel tiefer sitzt?

Antwort gibt uns eine wissenschaftliche Untersuchung von Prof. Henry E. Adams, die er 1996 an der University of Georgia durchführte: Er testete eine nach eigenen Angaben rein heterosexuelle Männergruppe auf Homophobie und teilte sie in zwei Gruppen Homophob/Nicht-Homophob ein. Dann spielte er ihnen Porno-Videos mit schwulen Männern vor und maß dazu – pardon! – mittels Phallographie die Reaktion ihrer Schwellkörper. Von den 35 homophoben (!) Probanden reagierten 54% heftig und 26% immerhin noch mäßig auf die Porno-Darbietungen. Bei den 24 nicht-homophoben Probanden lagen die Zahlen bei 24% bzw. 10%. Kaum eine Erregung zeigten bei den Nicht-homophoben 66%; bei den Homophoben hingegen nur schlappe 20%. – Da staunt man ja schon.

Adams´Untersuchung zeigt uns den wichtigsten Aspekt verborgener Ängste auf: die Angst vor den eigenen, oft unbewussten homosexuellen Anteilen. Oder, um es mit C.G. Jung zu sagen: bei Männern vor der Anima, bei Frauen vorm Animus, – also dem jeweils gegenteiligen Persönlichkeitsanteil, der in jedem Menschen existiert, selbstverständlich auch mit entsprechenden sexuellen Anteilen. Mit diesen Anteilen also existieren im Manne auch genuin weibliche, also „weiche“, Anteile, in der Frau entsprechend männliche, also „harte“. – Drum wird es kaum verwundern, dass gerade der Machismo mit heftiger Homophobie kombiniert ist, denn er verkörpert nichts anderes als die Unsicherheit über die eigene Identität, verbunden mit großer Angst vor als weiblich empfundener Schwäche. Also: Unsicherheit führt zur Überkompensation. In einer US-Untersuchung (Willer, 2004) zeigten Männer mit verunsicherter Identität eine deutliche stärkere Unterstützung für Verbotsforderungen gleichgeschlechtlicher Ehen. (Übrigens zeigten sie auch mehr Zustimmung zum Irakkrieg.)

Homophobie also ein Ausdruck eines schlecht entwickelten männlichen Selbstwertgefühls? Tiefenpsychologie und auch gesunder Menschenverstand legen den Schluss nahe. Es wird noch dauern, bis die Vernunft über die Vorurteile siegt.