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In Otto Prokops Lehrbuch der forensischen Medizin findet sich ein besonders bizarrer Fall eines genau durchgeplanten Suizids: In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ein Mann aus Berlin sich entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Da er unübersehbar großen Wert auf den Erfolg seines Vorhabens legte, hatte er sich für sein Vorhaben ein sorgfältiges System mehrfacher Übersicherung ausgedacht. Also befestigte er ein Seil mit Schlinge am Geländer einer Brücke über die Havel, legte sich die Schlinge um den Hals und überstieg das Brückengeländer. Zusätzlich hatte er eine Pistole dabei, mit der er sich in die Schläfe schießen wollte, um wie vorherberechnet in die Schlinge zu fallen. Um aber auch das letzte Risiko eines Fehlschlags auszuschließen, hatte er mit deutscher Gründlichkeit noch eine ordentliche Hand voll Schlaftabletten geschluckt. Diese wirkten zügig, denn als er, außen am Geländer stehend, die Pistole an seine Schläfe setzte, war er schon dermaßen beduselt, dass er die Waffe nicht mehr richtig halten konnte und sich mit letzter Mühe einen Streifschuss verpasste. Daraufhin verlor er das Gleichgewicht und fiel in die Schlinge. Das Seil allerdings erwies sich als zu dünn, denn es riss durch, und so stürzte er mitsamt der Schlinge in die eiskalte Havel. Infolge des Kälteschocks erbrach er die Tabletten und wurde von Passanten aus dem Wasser gezogen. – Mehr Misserfolg ist ja kaum möglich.

Der Fall ist exemplarisch für die Schattenseiten eines verkrampften Perfektionismus, der am Ende zu nichts mehr führt. Tatsächlich haben diese Menschen eine so ausgeprägte Angst etwas falsch zu machen, dass sie sich permanent in Strategien der Fehlervermeidung verlieren. Am Ende verzetteln sie sich heillos. – Natürlich gibt es eine Gewissenhaftigkeit, die die nichtpathologische Form dieses Grundtypus verkörpert: Eine Sache möglichst gut machen zu wollen, ist schließlich eine positive Eigenschaft. Im Perfektionisten allerdings findet sich nur allzu oft eine lähmende Angst vor dem „Fehler machen“.

Ich erinnere mich an den Produktmanager eines Unternehmens, das ich einmal werblich betreute. Schon äußerlich wirkte er betont „ordentlich“, dazu stets sehr verspannt und in einer Weise überkonzentriert, dass man selber davon nervös wurde. Versuchte man, mit ihm werbliche Maßnahmen zu diskutieren, so verfiel er bald in einen leiernden Monolog, in dem er seine Marktzahlen herauf- und herunterbetete. Damit kamen wir natürlich nicht weiter, denn diese Zahlen interessieren den Konsumenten nicht. Es geschah mehr als einmal, dass ich nach anderthalb Stunden das Unternehmen wieder verließ und nur Zahlen in jeder denkbaren Kombination gehört hatte, nebst allen denkbaren Schlüssen, die für den Markt daraus zu ziehen waren. Nur Entscheidungen über Kommunikationsmaßnahmen waren keine getroffen worden. Das allerdings ist nicht Management, sondern bestenfalls Verwaltung in ihrer starrsten Form, und so war es kein Wunder, dass er ein paar Monate später den Stuhl vor die Tür bekam: Er war so bestrebt, alles richtig zu machen, dass er gar nicht mehr dazu kam, überhaupt etwas zu machen.

Beide Fälle illustrieren eindrucksvoll, dass solche Menschen unbewusst genau das herbeiführen, was sie unter allen Umständen verhindern wollen: Versagen. Und hier kommen wir an die tiefere Problematik des Ganzen. Versagensangst nämlich ist am Ende stets Strafangst und nicht zuletzt auch Entwertungsangst: diese Menschen fühlen sich im Unbewussten ständig von außen beobachtet und benotet. Beginnend mit Elternhaus und Schule, fortgeführt durch Sozialkontakte und Arbeitsumgebung. Eine gewisse paranoide Komponente wird man diesem Empfinden nicht absprechen können.

Es gibt reichlich Fachliteratur und wissenschaftliche Theorien zu diesem Phänomen. In Patientenstudien wurden erhöhte Perfektionismuswerte in Zusammenhang mit DepressionenZwangsstörungen und Essstörungen gebracht. Depressive Verstimmung, Ängstlichkeit und oft auch gestörtes Essverhalten zählen zu den Begleiterscheinungen. Und nicht zuletzt natürlich kommt eine Zwangsstörung in Frage: Rigideste Selbstanforderungen, bei denen die Kluft zwischen „Ist“ (der Mensch in seiner Realität) und „Soll“ (das internalisierte System von „hohen Standards“) für jeden Außenstehenden als unrealistisch weit erscheint, verbinden sich mit den genannten Ängsten und machen den Menschen zu einem innerlich gehetzten Individuum (so sinngemäß der österreichische  Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli.) Eklatant ist im Umgang mit solchen Menschen deren augenfällige Blindheit für die Realitäten, die eher verschrecken, weil sie nun mal die Begrenztheit menschlicher Anstrengung erlebbar machen.

Man fragt sich zu Recht, woher dieses gnadenlose System der Selbstausbeutung stammt, das unweigerlich zu „Aussetzern“ – also Fehlern – führen muss, und das ja letztlich die durch den Perfektionismus erhoffte Selbstbestätigung in Trümmer fallen lässt. Aufschlussreich ist hier der Fragebogen, den Frost/Marten 1990 in der Zeitschrift „Cognitive Therapy and Research“ veröffentlichten. Wie kaum anders zu erwarten, ergibt sich hier eine enge Verknüpfung von Perfektionismus und Elternhaus. Verkürzt dargestellt: Es waren Kinder, die einem gnadenlosen Ehrgeiz und Ordnungszwang ihrer Eltern ausgeliefert waren. Sie hatten überall die Spitzenposition zu besetzen, wurden bei ausbleibender Perfektion bestraft und erlebten, dass ihr „Wert“ existentiell abhing vom Erreichen der von außen gesetzten Ziele. Bezeichnend ist auch, dass diese Menschen es niemals schaffen, sich selbst zu genügen. Man könnte drastisch formulieren: Ein Selbstwertgefühl, das sich nicht aus der perfekten Erledigung einer Aufgabe speist, das ist keines. – Umgekehrt wäre es eher richtig: Ein intaktes Selbstwertgefühl schärft den Blick für das, was zur gewissenhaften Erledigung einer Aufgabe erforderlich ist.

Tatsächlich ist mir eine Reihe von Fällen bekannt, in denen anfangs die Eltern, dann die Betroffenen selber sich zu Höchstleistungen zwangen. Schulisch, sportlich, beruflich, akademisch, – stets gilt der gnadenlose Satz: Wenn du nicht vorne bist, dann bist du NICHTS. Unbestreitbar gibt es Menschen, die auf diese Weise beträchtliche Erfolge anhäuften und die damit korrespondierende soziale Stellung erreichten. Legion allerdings ist die Zahl derer, die am internalisierten Zwang und damit an sich selbst scheiterten. Und auch die Hochgestiegenen schlagen hart auf, wenn der dauerhaft überforderte psychische Apparat unbewusst in die Verweigerung gleitet: Dann geschehen „unerklärliche“ Fehler. – Legendär ist hier Oliver Kahns „Patzer“ im WM-Finale 2002 gegen Brasilien in Yokohama, wo der bis dahin mit sensationeller Präzision haltende deutsche Keeper einen eher durchschnittlichen Ball von Rivaldo nicht festhielt, sondern ihn buchstäblich wieder losließ, so dass er via Ronaldo ins Tor gelangte. Mein erster Gedanke war damals: der Perfektionismus bricht.

Fazit: Menschen, die sich selber so gnadenlos nach vorne treiben, können ihr Leid über beträchtliche Zeit verdrängen und es über das Erreichte kompensieren. Dennoch erinnern sie mich an eine Songzeile von Peter Sarstedt: „But I know you still bear that scar…“ – Es würde Sinn machen, das eigene getriebene Verhalten zu reflektieren und seine unbewussten Wurzeln aufzudecken. Die Narbe könnte aufhören zu schmerzen.