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„I versteh den Aumiller Hanse net!“, schüttelte der Erwin den Kopf. „Is er schwer zuckerkrank, und trinkt er trotzdem jeden Tag seine sieben-acht Halbe Weißbier.“
„ Da wird er innen drin schon auskristallisieren.“, runzelte ich die Stirn.
„Verstehst, is er fast blind vom Zucker, und fahrt er immer noch mit´m Auto! Er kennt die Streck´, sagt er, die is er sein Leben lang g´fahren! So geht´s ja dann doch net!“

Der Aumiller Hanse war ein angesehener Gastwirt in meiner Heimatstadt, passionierter Jäger und Fischer dazu. – Alles strikt alkoholfreie Beschäftigungen, wie man ja weiß. Die öffentliche Bewunderung für ihn resultierte nicht zuletzt daraus, dass er zwei Gehirnschläge überstanden hatte und danach prinzipientreu weitertrank. Seine risikoschwangeren täglichen Autofahrten mit dem alten Opel Rekord führten ihn hinaus zu seiner Jagdhütte, wo er im Rahmen seiner täglichen Grundversorgung eine Zigarre rauchte, drei Flaschl Weißbier einsaugte und mit seinem altersschwachen Jagdhund über seine missmutige Gattin Feli diskutierte, bis er nach drei Stunden wieder zurückfuhr. – Wobei er allerdings einmal die alte Huberin vom Radl geholt und die hysterisch Zeternde anschließend mit dreihundert Euro besänftigt hatte, damit sie ihn nicht anzeigte. Danach überlegte er ernsthaft, sich ein Auto mit „Kollischn Worning“ zuzulegen. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, da der dritte Gehirnschlag ihn erledigte. Der Erwin, seit Jahrzehnten Dauergast in der Wirtschaft vom Hanse, ging zu dessen Beerdigung und übernahm in beispielhafter Freundestreue die Aufgabe mit den täglich sieben-acht Halbe Weißbier, wobei er fortwährend betonte, ER sei schließlich nicht zuckerkrank, bevor sie ihm genau deswegen drei Jahre später den rechten Haxen abnahmen.

Jedenfalls, sechs Wochen nach der Einsegnung vom Hanse starb der Jagdhund, und weitere sechs Wochen später haute ein Gehirnschlag die Aumiller Feli um, die bis dato trauernde Witwe, die schon seit Jahren die Wirtschaft geführt und dazu in der angeschlossenen Metzgerei bedient hatte. Auch sie überlebte, doch allgemein raunte man danach, sie sei jetzt schon sehr komisch geworden. Grantig und barsch hatte ich sie ohnehin in Erinnerung, und auch der teure Verstorbene hatte angstvoll gekuscht vor ihr.
„Schau dir´s nur selber an, wenn´s dich interessiert!“, sagte der Erwin mir, – damals noch vor der Amputation.

Das tat ich. Denn für einige Tage aus Bonn zurückgekehrt, wollte ich mich für die Rückfahrt noch mit zwei Leberkässemmeln aus Hanses Metzgerei eindecken. Im Laden standen mehrere Damen von vorgerücktem Alter und entsprechender Bissigkeit, mit langen Einkaufszetteln und offenbar sehr viel Zeit. Denn sobald sie dran waren, füllten sie die zeitlichen Zwischenräume zwischen den einzelnen Bestellpositionen entweder mit der Schilderung ihrer aktuell unbefriedigenden Lebensumstände („Mit dem bissl Rente, wer soll´n da überleben, ha? Sagen SIE mir des!“), eines hartnäckigen Hautausschlags oder mit einer exzessiven Begutachtung der angebotenen Ware. Ich trat von einem Fuß auf den anderen.

Rechts hinter dem Ladentresen führten fünf rot geflieste Stufen hinauf zur Wirtschaft und natürlich auch herunter, das ist schließlich ihr Beruf. Drum kam jetzt auch die Aumiller Feli herunter, immer noch in Schwarz gekleidet, obwohl das mit dem Hanse mittlerweile anderthalb Jahre her war.
„Gud Morrng!“, blaffte sie barsch, ohne aufzusehen. Was insofern erstaunlich war, als es bereits auf sechzehn Uhr zuging. Keine der Damen reagierte, weder vor noch hinter dem Tresen. Man redete einfach weiter. Komisch, dachte ich mir, war ja immerhin die Chefin. Die Feli schlurfte mit mürrisch gesenktem Kopf bis ans Thekenende, wuselte mit der Rechten im Kalbfleisch herum, drehte sich um und schlurfte die Stufen wieder hinauf, bis die Tür zur Wirtschaft hinter ihr zuschlug.

„Sooo, Frau Hösl, des wären jetzt zwölf Euro achtundzwanzig, alles mit´ranand!“, flötete die Frau Reindl hinter der Theke.
„Ooh, jössas naa! Ein Pfund Flomen bräucht´i noch! Ja mei, des hätt´ ich jetzt fast vergessen!“
„Aaah geeh!“, flötete die Frau Reindl zurück. „Das hamma gleich!“ – Noch niemals hatte die Höslin in irgendeinem Geschäft der Stadt etwas eingekauft, OHNE etwas vergessen zu haben.
„Gud Morrng!“, kam es barsch von der Wirtshaustür, und die Feli schlurfte sturen Blicks die geflieste Treppe hinunter bis zum Thekenende, wo sie das Kalbfleisch hin und her schob.
Nach dem zwanzigsten Mal – der Laden hatte sich geleert – wurde ich stutzig. „Aaahh, dings… Feli, grüß dich!“ erwiderte ich unsicher auf ihr gebelltes „Gud Morrng!“ Ohne zu reagieren, schob sie die Kalbfleischstücke hin und her.
Die Frau Reindl patschte ihrer Chefin ein paar Mal verzweifelt auf die Hand. „Des Fleisch wird doch net besser, wenn Sie´s andauernd umeinand´ schmeißen!“
Wortlos drehte die Feli sich um und verschwand. Die Frau Reindl rollte verzweifelt mit den Augen, da öffnete die Wirtshaustür sich schon wieder. „Gud Morrng!“
Die Dinzler Evi, die bei der Frau Hösl den Verkäuferinnenberuf erlernte, zuckte hilflos mit den Schultern und zeigte mir mit der Hand den Scheibenwischer. Ich zuckte ebenso die Schultern, zahlte und ging.
„Jaaaa, jetzt lassen S´halt amal des Fleisch in Ruh´!“, hörte ich hinter mir, bevor die Ladentür sich schloss.

Fünfunddreißig Jahre später verbrachte ich ein paar Tage in der Klinik. Nachts um zwei legte man mir noch einen Patienten ins Zimmer. Das Licht war kaum gelöscht, da erhob er sich im Dunkeln von seinem Bett, verließ den Raum und schloss die Tür. Kurz darauf kam er wieder herein, schloss die Tür und setzte sich aufs Bett, wo er herumraschelte. Dann stand er wieder auf und ging hinaus. Dann kam er wieder herein und raschelte auf dem Bett herum, und so fort und so fort. Alles geschah im Dunkeln, doch jedes Mal, wenn die Tür aufging, hatte ich den Lichtschein der Korridorbeleuchtung im Gesicht. Ich nutzte den folgenden Tag, um mein Schlafdefizit auszugleichen, und schon ging es nachts wieder los. Ich ließ mir eine Schlaftablette geben, die unter dem Dauerfeuer allerdings nicht half. Erstaunlicherweise schlief der Mann, ein pensionierter Tropenarzt, auch tagsüber nicht, sondern saß wenigstens zwischendurch still und las etwas. Nachdem er auch die folgende Nacht wieder herumgeisterte, blaffte ich ihn missmutig an, als er wieder einmal im Lichtschein hereinkam.

„Ich hab gearbeitet!“, war die empörte Antwort, und verzweifelt klingelte ich nach der Nachtschwester, die ihn ebenso energisch wie wirkungslos zusammenpfiff. Kaum war sie draußen, war der andere schon wieder unterwegs. Nach zwei wohligen Minuten Stille vernahm ich das gellende Geschrei einer alten Dame, den sonoren Bass des Nachtwanderers und dann die keifende Stimme der Nachtschwester.
„Schwester Roswitha, zum letzten Mal: Stören Sie nicht meine Visite!“, kam es von draußen, dann wurde er ins Zimmer geschoben. Ich raufte mir die Haare und verließ gleich am Morgen die Klinik auf eigene Verantwortung.

Eine gute Gelegenheit also, sich einmal mit dem Phänomen des Bewegungszwangs zu beschäftigen: Hierunter versteht man eine innere Ruhelosigkeit, die Menschen dazu zwingt, unentwegt unterwegs zu sein. Dabei allerdings reicht die Bandbreite sehr weit. – „Nervöse“, also in der Regel neurotische, Unruhe zeigen Menschen, die einem auf den Keks gehen, weil sie diese Unruhe permanent um sich verbreiten. Sie können nicht ruhig sitzen, müssen sich ständig beschäftigen und ständig etwas erledigen und reden einem dazu meist noch die Ohren voll. Man wird eine Zwangssymptomatik vermuten dürfen. Diese allerdings verstärkt sich dann lebensgefährlich bei Magersüchtigen: 40 bis 80% der so Betroffenen treiben exzessiv Sport oder Bewegung, laut einer Veröffentlichung der Schön-Klinik Rosenau. Damit sollen unbewusste Ängste und depressive Zustände abgebaut werden. Im Ergebnis allerdings überleben 10% der Betroffenen diese Krankheit nicht.

„Akathisie“ also nennt die Medizin diese Verhaltensweise, die man darüber hinaus auch bei Parkinson-Patienten erlebt, die ständig ziellos hin- und herrennen. Auch weitere neurologische Erkrankungen kommen in Frage. Nicht zuletzt aber kann diese Störung auch selber eine Nebenwirkung von Neuroleptika sein, die man ja gerade zur Behandlung einer neurologischen Erkrankung verordnet. – Klar also, dass hier nur eine fachärztliche Diagnostik und Behandlung in Frage kommt.

Die Feli übrigens sagte noch ein gutes Jahr lang „Gud Morrng!“ und ging dann ihrem Hanse hinterher. Dort wo einmal ihre Wirtschaft stand, verschandelt jetzt ein Wohnblock die Gegend. Der Erwin hingegen blieb seinen alkoholischen Prinzipien treu und suchte sich eine neue Wirtschaft.