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Ich war 32, als ich mit Tor, Kjell und Olav aufbrach zu unserer Inlandeisüberquerung auf Spitzbergen. GPS, Handy und Internet waren noch unbekannt, und man verließ sich auf ein paar Gletscherkarten und auf Tors alten Militärkompass. Oft zuvor war ich zuhause gesessen und hatte voller Beklemmung auf meine Spitzbergen-Karte gestarrt: Eine wild zerklüftete Insel im Polarmeer, durchschnitten von schroff gesäumten Fjorden, die damals noch von meterdickem Packeis bedeckt waren. Zu sehen war ansonsten nicht viel darauf, denn der größte Teil der Insel war einfach weiß markiert: Inlandeis von bis zu tausend Metern Mächtigkeit. Es überstieg meine Vorstellungskraft.

Wir wollten über die Gletscher an die Nordostküste zum Lomfjord, wo eine kleine Hütte namens „Faksebu“ stand, und dann tags drauf weiter bis zur Nordspitze der Insel. Nach Ansage meiner Gefährten hatte das bisher noch kein Deutscher geschafft. Endlose Eislandschaften würden auf mich warten, Temperaturen von bis zu -45°C, Tausende gefährlicher Gletscherspalten. Und wir würden tief ins Eisbärengebiet eindringen.
Der norwegische Presseattaché hatte hartnäckig versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen, doch hatte er meinen Sturschädel unterschätzt.
„Sie können mir´s schwermachen, aber hindern werden Sie mich nicht.“
„Wenn das so ist, geb ich dir ein Empfehlungsschreiben der Botschaft mit.“

Schlafsack, Polaroverall, Ausrüstung, Signalraketen, Gewehr und Munition waren gepackt. Am nächsten Morgen würde es losgehen: Bonn, Frankfurt, Oslo, dort übernachten. Am nächsten Tag Oslo-Tromsö, von wo jeden Donnerstagmorgen um halb zwei eine Maschine nach Spitzbergen startete. Ich blickte auf den Stapel Gepäck auf meinem Wohnzimmerboden, erkannte plötzlich, worauf ich mich eingelassen hatte und verspürte das mulmige Gefühl, jetzt nicht alleine sein zu wollen. Nach kurzem Überlegen rief ich Barbara an, eine gute Freundin, Lehrerin Mitte fünfzig und rheinische Frohnatur. Ihr unerschütterlicher Optimismus würde mir jetzt guttun. – Eine Stunde drauf saßen wir beim Italiener.

Ich war enorm unter Druck, stocherte mit zusammengepressten Lippen in meiner Piccata Milanese herum und kriegte nichts herunter.
„Jung, wat is mit dir?“
„Weißt du, Barbara“, sagte ich gequetscht, „ich hab eine Scheißangst!“
„Dat brauchst du doch nit!“
Als hätte mir jemand Eiswasser über den Schädel gegossen. Ich fühlte mich alleingelassen mit meiner Angst, hatte Verständnis dafür erwartet, etwas Trost vielleicht. Nur nicht das rheinische „Et kütt, wie et kütt.“
Die hat überhaupt nix kapiert, dachte ich mir verärgert auf der Rückfahrt. Alles weggeredet mit seichtem Blahblah, das vor allem eines zeigte: ihre mangelnde Bereitschaft, sich mit meinen Gefühlen zu beschäftigen. Mir aber ging die Muffe. Ich schlief verdammt schlecht jene Nacht.

Wie berechtigt meine Angst gewesen war, würde ich schon wenige Tage später erfahren: Als ich südlich der Mosselbucht mit meinem gesamten Scootergespann einen Steilhang hinunterstürzte und mich zweimal überschlug; als ich auf der Rückfahrt zum Tempelfjord im Eis vor Erschöpfung zu halluzinieren begann und es pausenlos in meinem Schädel hämmerte, ich würde hier nur herauskommen, wenn ich meine drei norwegischen Begleiter erschoss; als ich bei den Russen bei 90 km/h auf ziemlich dünnem Eis vom Scooter flog und sie mir mein aufgerissenes Kinn zusammennähten; als wenige Stunden darauf das Eis des Tempelfjords unter mir nachgab und ich mich auf meinen Abgang vorbereitete, – so einsam wie nie wieder in meinem Leben.
„Dat brauchst du doch nit!“

Aus dieser Erfahrung habe ich etwas für mein ganzes Leben mitgenommen: Jede/r ist es wert, so angenommen zu werden, wie er/sie hereinkommt. Nichts wird beanstandet, Naserümpfen, Sarkasmus, schlaue Belehrungen oder eitle Selbsterhöhung verbieten sich von selbst. – Nicht jede/r Coaching-Klient/in nämlich ist auf Anhieb sympathisch, manche geben einem schon beim Eintreten ein seltsames Gefühl: graue Maus; Angeber; Egozentriker; Lusche; etc. – – – Während im Alltagsleben diese Eindrücke die Kommunikation bestimmen und man das Gegenüber dann meist auch entsprechend behandelt, nehme ich bereits diese Außenwirkung für mich an, als erste Information: Der Klient wirkt mutlos wie jemand, der sich absolut nichts zutraut; die Klientin wirkt verschlossen und „dicht“ und ist auch äußerlich um Unscheinbarkeit bemüht, etc.  – – – Mit einiger Sicherheit darf man annehmen, dass sich hinter solcher Außenwirkung ein Problem beträchtlicher Dimension verbirgt. Vielleicht hat man dem mutlosen Klienten jeden Mut genommen. Vielleicht ist die Klientin unbewusst bemüht, als Frau gar nicht erst wahrgenommen zu werden, weil „Weiblichkeit“ für sie schon früh zum Gefährdungsfaktor wurde.

So also wird der erste Eindruck auch zur ersten Mitteilung: Hilf mir, ich fühle mich mutlos, und das nimmt mir alle Motivation im Job. Hilf mir, ich mag mich nicht als Frau fühlen, denn meine Weiblichkeit wurde mir schon früh zum Verhängnis. – Keinesfalls darf hierbei übersehen werden: Die Gefühle, die ein/e Klient/in beim Coach auslöst, sind die Gefühle, die er/sie unbewusst über sich selber hat. Genau hierin aber liegt der Schlüssel zum Erfolg der Zusammenarbeit: Bin ich willens, mein Gegenüber als einen Menschen in Not wertschätzend zu behandeln und meine negativen Empfindungen als Teil des Gesamtproblems und damit als Lösungsansatz zu reflektieren? Kann ich mit der dahinterstehenden Lebensgeschichte achtungsvoll umgehen? Kann ich die Belastungen und Probleme dieses Menschen annehmen, auch und gerade WEIL sie in mir unangenehme Gefühle auslösen? Manifestiert sich darin das zentrale Problem, weil die Arbeitskollegen nicht anders empfinden als ich, sich aber NICHT mit den biographischen Ursachen befassen (können)?

Ein Klient von mir, erfolgreicher Enddreißiger, stand kurz vorm Burn-Out. Unfähig, der Umwelt und sich selbst Grenzen zu setzen, verausgabte er sich restlos. Sein übersteigerter Wunsch, vor allen gut dazustehen und „leistungsfähig“ zu wirken, ließ ihn überdreht wirken und unecht, und er führte zur regelmäßigen Verletzung der persönlichen Grenzen seiner Kollegen. Diese folglich gingen auf Distanz zu ihm, stellten sich gegen ihn und verweigerten ihm Respekt, „obwohl ich doch schon mit allen per du bin!“ Nach mehreren Sitzungen, in denen er seine Außenwirkung und den ständigen Druck, den er auf andere ausübte, reflektiert hatte, berichtete er plötzlich tief bedrückt von seiner unglücklichen Partnerschaft, deren Entfremdung und verdrängte Aggressivität dazu geführt hatten, dass er seit Monaten keinen sexuellen Höhepunkt mehr erreichte. Das sorgfältig gepflegte Macher-Image kollabierte, er fühlte sich als Versager, litt wie ein Tier darunter und kompensierte es nach außen durch gesteigerte „Performance“ und – ohne es zu merken – durch Abwertung der anderen. Wenigstens im Job noch High Performer sein, damit´s niemand merkt! Panische Versagens- und Entwertungsängste hetzten ihn.
„Ich hab meinen Hausarzt gefragt, was ich machen soll.“
„Und?“
„Das wär alles gar nicht so schlimm (!). Ich soll mich einfach mehr entspannen, dann gibt sich´s schon wieder.“
Bingo. Sowas hilft garantiert.

Wirkliche Ergebnisse bewirkt hier nur ehrliche Annahme. „Du kannst jemandem nicht helfen, ohne dass du ihm ein Stück von deinem freundlichen, warmen Herzen schenkst.“, sagte mir die Bonner Psychiaterin, die mich analytisch ausbildete. Besser kann man es auch nicht ausdrücken: Angst vor Sexualität ist genauso anzunehmen wie Angst vor Versagen in der Sexualität. Angst vor Leistung nicht anders als Angst vor Versagen im Job. Angst vor der eigenen Weiblichkeit nicht anders als Angst vor der Männlichkeit und – gar nicht selten – Angst vor dem Erwachsensein. Es gibt KEINE Angst, die für den/die Betroffene/n nicht berechtigt wäre, und deshalb wird sie keinesfalls weggeredet, nur weil sie beim Gesprächspartner eigene (!) Ängste aktiviert.

Als Ergebnis unserer Gespräche jedenfalls beendete der Klient seine Beziehung einvernehmlich und begegnete Monate später einer Frau, die ihn glücklich machen konnte. Die persönliche Erfüllung, die die seine neue Beziehung ihm schenkte, verbesserte auch sein Verhalten als Führungskraft und entspannte die Arbeitssituation merklich.

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