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Über Russen, Rechte und Verleugnung.

Zu Anfang war Witalij Witaljewitsch ein reiner Sprechautomat. Der ehemalige KGB-Chef Andropow war sowjetischer Parteichef geworden und hatte Breschnews eisernes Regiment einfach übernommen, so dass Witalij nichts anderes blieb als peinlichst genau die „Ssajawlenie“, also die jeweilige Verlautbarung seiner Regierung, aufzusagen wie ein Weihnachtsgedicht. – Ich lernte ihn im Sommer 1983 in Bonn kennen auf einem Empfang des finnischen Kulturattachés, der ein guter Freund von mir war. Es waren etwa hundert Leute da, die sich miteinander unterhielten, nur der Russe stand alleine und wurde offensichtlich geschnitten. Das kann nicht richtig sein, dachte ich mir und begann eine Unterhaltung mit ihm. Er war 2. Botschaftsrat der Sowjetunion. Hinterher wurde ich aus allen Richtungen davor gewarnt („Das sind alles KGB-Leute!“), und in meiner Unsicherheit fragte ich den legendären Moskauer ARD-Korrespondenten Gerd Ruge, was ich tun sollte.

„Wenn Sie sich informieren wollen, müssen Sie den Kontakt eben pflegen.“, näselte der trocken, und so entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Witalij und mir. Ich lud ihn und seine Frau zu meiner Geburtstagsfeier ein, und sie sangen glücksstrahlend die russischen Lieder mit, die der von mir geheuerte Künstler vortrug. Bald trafen wir uns regelmäßig zum Essen, oder er kam mit seiner Frau und den beiden Kindern zum Nachmittagskaffee vorbei und zu den Abendessen, die ich häufig gab. Unübersehbar genossen die Beiden es, und er revanchierte sich mit einer Einladung zum Tag der Oktoberrevolution in die sowjetische Botschaft, wo der legendäre Botschafter Wladimir Semjonow als Nachfolger Valentin Falins Hof hielt wie ein Duodezfürst, in Anwesenheit der gesamten deutschen Politik- und Wirtschaftselite. Zweimal versuchte Witalij mich für den KGB zu keilen, wobei er jedes Mal da saß wie ein Haufen Elend, so dass ich mir gut vorstellen konnte, dass er auf Befehl seines Vorgesetzten handelte, der später unter Gorbatschow ZK-Sekretär der KPdSU wurde.
„Duu mussst dasss pariiiieren!“, hatte der Finne mir in seinem singenden Akzent gesagt, und ich verwies Witalij grinsend an die Bundeszentrale für politische Bildung, was er eifrig notierte. Beim nächsten Treffen sah man ihm die Erleichterung an, dass wir uns wieder normal unterhalten konnten.

Jurij Andropow, kaum ins Amt gekommen, wurde krank und starb im Februar 1984. Bei seinem Nachfolger Konstantin Tschernenko ging es noch schneller, er verstarb bereits im März 1985. Dann kam Michail Gorbatschow, und mit Witalij ging eine frappierende Veränderung vor sich: Er begann politische Witze zu erzählen, dass wir vor Lachen unter dem Tisch lagen.
„Letzte Woche war Moskauer Parteichef Boris Jelzin bei uns in Botschaft,“ erzählte er, „und chat gechalten Vortrag über neue Politik von Glasnost. In Diskussion, Kollege von mir steht auf und fragt: ‚Und wenn Sie fahren durch Moskau, Polizei sperrt immer noch Straße ab?‘ – Ich bin gefallen von Stuhl vor Schreck!“
„Wie hat Jelzin reagiert?“
„Chat gesagt: Bitte sehr, ich kann nicht machen alles auf einmal!“
„Na bitte!“, grinste ich.
Für seine Kinder war ich inzwischen Onkel Bernd, und als er im Herbst 1987 zurückbeordert wurde nach Moskau, kam er vorbei, um sich zu verabschieden. Wir umarmten uns beide mit feuchten Augen und sahen uns nie wieder.

Zwei Monate später stellte sein Nachfolger sich bei mir vor, Dr. Andrej Issatschenko. Wir gingen öfter mal essen, doch war es ein eher geschäftsmäßiger Kontakt und nicht ansatzweise die Freundschaft, wie sie sich zwischen Witalij und mir ergeben hatte. Gorbatschow räumte auf in seinem Land und schloss Abrüstungsverträge mit Ronald Reagan, und es lag in der Luft, dass sich etwas ändern würde.
„Andrej“, fragte ich eines Tages, „hätten Sie nicht Lust, für uns im kleinen Kreis einen Vortrag zu halten über die neue sowjetische Deutschlandpolitik?“
„Ich brauche Genehmigung.“ – Zwei Tage später rief er mich an und hatte sie.
Es war Ende März 1989, als ich mit gut zwanzig Geschäftsfreunden im Nebenzimmer eines Bonner Restaurants seinen Ausführungen lauschte: Die Sowjets, seit 1985 mit Schewardnadse als Außenminister, bettelten förmlich darum, mit ihrer veränderten Politik ernst genommen zu werden. Es schloss sich eine lebhafte Diskussion an.
„Andrej“, fragte ich, „was sagen Sie denn im Licht Ihrer neuen Politik zur Berliner Mauer?“
„Sie passt nicht mehr in diese Zeit!“

Wir saßen mit offenen Mündern: Die Sowjets ließen ganz unverblümt Honecker fallen. Nur selten hat man das Gefühl, einen geschichtlichen Moment zu erleben. Aus Notizen eines Mitarbeiters von Schewardnadse ging später hervor, dass Gorbatschow und er schon 1987 Erich Honecker gedrängt hatten, die Berliner Mauer abzureißen.

Am nächsten Tag rief ich meinen Freund Gerd Langguth aus dem CDU-Bundesvorstand an, um ihn auf das Gehörte hinzuweisen. Danach einen Freund aus dem Auswärtigen Amt und einen Kontakt im Bundeskanzleramt. Man werde das weiterleiten, sagte man mir, was bedeutete, dass es keinen Menschen interessierte. Keine sechs Monate später, als die Mauer fiel, war Helmut Kohl in Warschau und wurde kalt erwischt. Weder gab es Pläne noch Konzepte, Mauerfall und Vereinigung brachen über Deutschland herein und wurden so dilettantisch gehandhabt, dass die Ostdeutschen bis heute zutiefst gekränkt sind. – Ich schreibe dies alles nicht, um mich als Randfigur des Bonner Betriebs wichtig zu tun. Doch will ich zeigen, wie schlecht wir tatsächlich regiert wurden. Wenige Tage vor den ersten gesamtdeutschen Wahlen am 2. Dezember 1990 würde ich in Bonn die erste Talkshow mit Hans Modrow halten, dem letzten SED-Regierungschef der DDR, und es selber noch nicht glauben können.

Zwanzig Jahre später warnten die Experten Jahre lang vor den zu erwartenden Wellen verzweifelter Flüchtlinge aus dem Syrienkrieg, doch wurden sie ignoriert. Als ihre Vorhersage sich realisierte, gab es keinerlei Konzepte oder Vorbereitungen. Genau wie bei der Vereinigung wurde ad-hoc entschieden. Hunderttausende Freiwilliger und nicht zuletzt Polizisten, Rettungsdienste und Feuerwehr mussten herausreißen, was die Politik schon wieder einmal verschlafen hatte.

Als 1973 die nazistische „Wehrsportgruppe Hoffmann“ gegründet wurde und im Wald das Töten von Menschen trainierte, wurde sie als Spinnerhaufen ignoriert. Am 26. September 1980 verübte ihr Mitglied Gundolf Köhler sein Attentat auf das Münchener Oktoberfest mit 13 Toten und 211 Verletzten. Am 19. Dezember 1980 wurden der jüdische Verleger Shlomo Levin, und seine Lebensgefährtin Frieda Poeschke in Erlangen von Uwe Behrendt, einem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, erschossen. Levin hatte zuvor mehrfach öffentlich vor der deutschen Neonaziszene und insbesondere vor Hoffmann gewarnt. Die Tatwaffe, eine Maschinenpistole vom Typ Beretta, gehörte Hoffmann; am Tatort wurde die Brille von Hoffmanns Ehefrau Franziska gefunden. Zwischen 2000 und 2007 dann verübte der nazistische NSU zehn Morde, 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle. Man verdächtigte Jahre lang die türkischen Opfer bzw. ihre Familienangehörigen. Am 2. Juni 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke erschossen, offenbar von einem Rechtsradikalen. Da es sich diesmal nicht um einen „Döner“, sondern um einen Politiker handelte, wurden sofort Erinnerungen an den RAF-Terror wachgerufen, und der gesamte Regierungsapparat sprach auf einmal aufgeregt von Rechtsterrorismus.

Als „Verleugnung“ bezeichnet man in der Psychoanalyse eine unbewusste Abwehrstrategie, die einem Unlust erzeugenden Teil der Realität schlicht die Annahme verweigert und ihn ausblendet. Dies trifft besonders die Realitätsinhalte, die dem bisherigen Selbst- und Weltbild widersprechen. Nicht zuletzt ist auch gedankliche Trägheit einer der Auslöser dieser Abwehrstrategie: Es werden Veränderungen in der Umgebung zwar wahrgenommen, aber ihre reale Bedeutung wird emotional nicht erlebt und rational nicht anerkannt. Ihrer ganzen Natur nach sind Regierungsapparate zwanghaft organsiert und damit per se erst einmal starr und veränderungsfeindlich. – Es ist nur so: die Folgen der Verleugnung sind viel dramatischer und viel schlimmer als die ursprünglich verleugnete Realität.

Ob es sich um die Mauer handelte, die Flüchtlinge oder die braunen Mörder, – die unübersehbaren Anzeichen wurden ignoriert, denn sie hätten gedankliche Öffnung und Umdenken erfordert. Unternehmensführer, die auf diese Weise versagen würden, hätten augenblicklich den Stuhl vor der Tür. Die Braunen sind – und das wurde mir schon 2005 von einem Experten versichert – national und international vernetzt und warten auf ihre Chance. Sie sind dabei, über kurz oder lang eine Realität zu schaffen, die wir nicht mehr werden verleugnen können.

Ich denke noch oft an Witalij.

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