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Ursprünglich war Horst wegen eines Problems im Job zu mir gekommen, aber heute hatte er restlos die Schnauze voll. Vor drei-vier Monaten war er der Frau seines Herzens begegnet. Dachte er. Sie war intelligent, gebildet, eloquent, schlank, gut gebaut, im Bett ein wahrer Feuersturm und dazu „wahnsinnig nett“, und sie wusste aufgrund ihres Berufs als Schauspielerin überall gut und gewinnend aufzutreten. Er hatte, so erzählte er mir, anscheinend sein großes Los gezogen. – Wenngleich, ein oder zweimal hatte es auch schon ordentlich gekracht zwischen den Beiden. Den Anlass hatte er nicht richtig kapiert, er nahm es einfach als weibliche Eigenheit und als Ausdruck der Tatsache, dass die Geschlechter eben unterschiedlich dachten und fühlten. Man war schließlich offen im Kopf. Aber dann kam er zu mir und war ratlos.

Jeany nämlich hatte ihm halb den Kopf abgerissen. Sie pflasterte ihn förmlich zu mit Unterstellungen, und als er recht sachlich versuchte, die Dinge richtig zu stellen – nicht einmal so, wie er sie sah, sondern wie sie wirklich gewesen waren -, verschärfte sich ihre Wut noch, und sie seifte ihn von oben bis unten ein. Als endlich auch er richtig wütend wurde, kippte sie unerwartet, wurde zärtlich und verschmust, als sei nie etwas gewesen, und umgarnte ihn gurrend.
Horst kam nicht richtig hinterher bei dem Ganzen und war brummelig. Daraufhin explodierte sie erneut und schalt ihn für seine „unmögliche Art“, mit ihr umzugehen.

Ach ja: Anlass des Konflikts war ein gelbes Badetuch gewesen, das Jeanie an die Badezimmertür gehängt hatte. Horst hatte es ihr nach einer gemeinsamen Nacht gegeben, und da er tags drauf gerade eine Trommel vollmachte, hatte er es mit in die Maschine geworfen, nach dem Trocknen gefaltet und ins Regal gelegt.

„Du beseitigst alle Spuren meines Besuchs, du falscher Hund! Ich-wer-de-ge-tilgt!“
„Öhmm…???“
„Glaube nicht, dass du mich täuscht! Du treibst es noch mit einer anderen!“
„Öööhmmm…. Ich hab doch nur die Trommel vollge…“
„Papperlapapp! Such dir eine Dümmere für deine Ausreden!“

Horst, der mir Stein und Bein schwor, Jeany sei „aktuell die Einzige“, war richtig wütend und fühlte sich maßlos schlecht und ungerecht behandelt. Vor allen Dingen war er tief getroffen von der Realitätsferne des Auftritts. „Egal, was ich sage, es wird so gedreht, dass ich am Ende mies dastehe.“
„Yip.“
„Und dann, aus dem Nichts heraus, ist die plötzlich ganz anders und will mit mir in die Heia. Ja wo sind wir denn?“
„Im Bereich der Histrionik.“, grinste ich, nicht frei von eigenen Erfahrungen.
„Wie wo was?“
„Früher nannte man es auch Hysterie.“

Horst war sprachlos. Nicht zuletzt, weil eine Hysterica ihn vor zwei Jahren hatte gegen die Wand fahren lassen: Sie hatte ihn vom ersten Tag an mit Begeisterung und Zärtlichkeit überschüttet, war die leidenschaftlichste Geliebte seines Lebens gewesen, hatte zu ihm ziehen wollen und mit ihm schon besprochen, welche Möbelstücke sie mitbringen und welche sie verkaufen würde. Dann, als es ernst wurde, sandte sie ihm eine SMS, sie habe es sich anders überlegt, und war nie mehr zu sehen. Ein anderer Klient von mir hatte sich einmal in der Begeisterung über seine Lady zu einem Grundstückskauf treiben lassen: Für das gemeinsam zu bauende Haus, zu dem sie ihn überredet hatte und das sie mitfinanzieren wollte. Als er beim Notar gewesen war, war die Dame von einem Tag zum andern verschwunden. Er ging in die Privatinsolvenz.
In beiden Fällen waren die verliebten Wortnebel ohne Inhalt und Verbindlichkeit gewesen: der eigene Auftritt, das Einfordern von Zuwendung, Anerkennung und Bewunderung, war und ist die eigentliche Triebfeder des Geschehens.

„Himmel nochmal, ich hab extra drauf gesehen, dass ich nicht wieder an ne Hysterikerin gerat´, aber bei ihr war nichts in der Richtung wahrzunehmen! Sie war intensiv, warm, liebevoll, hat mich gefesselt mit ihrer Begeisterung. – Is ja auch schön, wenn eine Frau von mir richtig begeistert ist…“
„That´s it.“, runzelte ich die Stirn.

Die Hysterie ist getrieben von der panischen Angst vor Schuld und Verantwortung. Etwas anders, aber im Ergebnis auf dasselbe hinauslaufend, bezeichnet Fritz Riemann sie als „Angst vor der Notwendigkeit“, – also davor, die eigenen Fantasien durch Realitätsbezug zu ersetzen. Hysterikerinnen sind stets ambivalent und haben gerade in ihren Beziehungen mit massiven unbewussten Ängsten zu kämpfen: Die eine Seite zieht zum Partner hin, die andere zieht genauso stark von ihm weg, denn sonst müsste man ja Verantwortung übernehmen: für die eigenen Worte, für das eigene Verhalten, für den Partner an sich. Wird es dann ernst, setzt eine Schreckreaktion ein, die zu blitzartiger Flucht veranlasst: der eben noch mit Liebesschwüren überschüttete Partner wird von einem Moment zum anderen fallen gelassen. Die halt doch nur hysterische Inszenierung der Anfangszeit entpuppt sich nachträglich als innerer Konflikt, der mittels der Heftigkeit der Empfindungen lange verdrängt wird. – Bis er am Ende doch durchbricht und schwere seelische Verletzungen hinterlässt.

Zumindest unbewusst aber nimmt die Handelnde wahr, was sie anrichtet, und so stellen sich massive Schuldgefühle ein, die unbedingt bekämpft werden müssen. Häufig, indem der abgeworfene Partner schlecht gemacht wird und er nun nichts mehr tun kann, was ihm nicht zum Nachteil ausgelegt würde. Da ein derartiges Verhalten allerdings logisch nicht erklärbar ist, wird eine unerbittliche Art von Alogik bemüht, um eigenen Schuldgefühlen zu entkommen und den verlassenen Partner zum Schuldigen zu machen. Hieraus erklären sich die oftmals wirren und weit her geholten Anwürfe, bei denen Schlüssigkeit durch Heftigkeit ersetzt wird. Wer nun den Fehler begeht, sich auf diese Art von Disput einzulassen, ist chancenlos. Häufig wird dann eine Geringfügigkeit bemüht, um den Partner endgültig abzuservieren, weil man sich „so etwas nicht bieten lassen“ könne: Der Schuldtransfer ist gelungen.

Wohlgemerkt: es liegt keine bewusste Gemeinheit vor, sondern ein unbewusster Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen, also ambivalenten, Bedürfnisrichtungen. Die mit bombastischem Auftritt erzeugte – nur scheinbare – Nähe dient in erster Linie der Befriedigung eigener Bedürfnisse nach Außenwirkung und bedient sich dazu einer Intensität, mit der die die andrängenden unbewussten Konflikte übertönt werden sollen. Da die inszenierte Nähe aber keine echte ist, löst sie unterschwellig Angst aus, Aggression und Fluchtverhalten. Auch die Hysterica leidet dann unter der abrupten Trennung, wobei sie sich selbst jedoch als Opfer inszeniert, dem keine andere Wahl geblieben sei. „Es ging einfach total nicht mehr.“

Geht eine Hysterica doch eine feste Partnerschaft ein, dann wird das Drama zum Regelfall: Hinter der Außeninszenierung für „die Leute“ als glückliches Paar ist die Beziehung durchsetzt von Szenen, Anklagen, Versöhnungen, Brüchen, Ausbrüchen, und nicht selten Zusammenbrüchen. Erstaunlicherweise können solche Partnerschaften sehr stabil sein: Bei derartigen „Komplementärneurosen“, in denen beide Partner die Erfüllung ihrer neurotischen Bedürfnisse finden, sind die krankhaften Bindungen so stark, dass keiner der Beiden den Ausstieg schafft, selbst wenn er darüber zugrunde geht.

Ich kannte ein Paar, bei dem die Frau mir stets nur voller Hass und Verachtung von ihrem Mann berichtete. Sie spuckte seinen Namen nur mit einem Unterton von Verachtung aus. Dennoch sind sie seit über 40 Jahren verheiratet, wenngleich ganz bestimmt nicht glücklich.
„Hysterische Persönlichkeiten leben in einer Pseudorealität.“, schreibt Riemann. „Die Frage der Echtheit ist ihr zentrales Problem, – es ist die innere Spiegelung ihres Ausweichens vor der Realität in ‚Rollen‘…. So bleiben sie in vielem kindlich-unreif, naiv und wundergläubig.“

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