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Als wir Kinder waren, beneideten wir Gordon. Er stammte aus einer erfolgreichen Unternehmerfamilie, trug viel bessere Klamotten als wir und besaß auch ein teures Fahrrad, von dem wir selber nur träumen konnten: Rennlenker und dazu Tacho mit Zeituhr von VDO, das war mehr als ein Statussymbol, eher schon grenzte es uns nach unten ab. Doch war er sehr nett und umgänglich, was vielleicht auch damit zusammenhing, dass sein Vater als harter Hund galt und er emotional nicht gerade überversorgt war. Gordon, der mich meine ganze Schulzeit lang begleitete, entwickelte ein deutlich künstlerisches Naturell, trug als Teenager Seidenschals und verstand es, mit wenigen Strichen Karikaturen hinzuzaubern, die so witzig waren, dass wir oft vor Lachen unter dem Tisch lagen. – In jeder Hinsicht schien er von den Göttern gesegnet zu sein, und wir akzeptierten stillschweigend, dass er in einer anderen Liga spielte. Umso mehr, als er es sich niemals heraushängen ließ.

Doch wurde Gordons Künstlerseele ihm zum Verhängnis: Noch als Abiturient träumte er von einer Karriere als Zeichner und Architekt, baute quirlig seine Luftschlösser und bannte nahezu jeden Lehrer, der an uns vorbeilief, blitzschnell aufs Papier, mit einem unbeirrbaren Blick für das Wesentliche. Doch bekam er als ältester der drei Söhne die knallharte Ansage, er habe nicht seinen Träumen, sondern dem Wohl der Firma zu dienen. BWL-Studium war angesagt. Etwa so, als wollte man einen Kanarienvogel eine Kutsche ziehen lassen. Gordon veränderte sich, wurde ernster und hörte auf zu zeichnen. Versuchte er, an den Humor vergangener Zeiten anzuknüpfen, wirkte es seltsam aufgesetzt. Manchmal trugen seine Züge Anzeichen von Verbitterung. Er wurde still.

Um es kurz zu machen: Es wurde zur Katastrophe. Gordon rauschte durch das Examen. Sein Vater, der gewohnt war, allem und Jedem seinen Willen aufzuzwingen, hatte daraufhin nicht etwa ein Einsehen, sondern schickte ihn an eine englische Privatuniversität, wobei er ihm noch klar machte, dass er aufgrund des „Versagertums“ seines Sohnes jetzt auch noch diese Kosten tragen musste. Für dessen Nöte hatte er keine Antennen. Über dreißig Jahre später, als der Alte gestorben war, würde Gordon mir sagen, er habe nie eine Beziehung zu ihm gehabt.

Auch in England lief es nicht anders: Gordon fand keinen Zugang zum Thema Wirtschaft und war damit in einer doppelten Falle. Einerseits war er gezwungen, seinen eigenen künstlerischen Lebensinhalt zu verleugnen, andererseits war er gezwungen, sein Leben einem fremden Willen und einem für ihn wesensfremden Inhalt zu unterwerfen. – Es kam, wie es kommen musste: Gordon wurde magersüchtig und rauschte ein zweites Mal durchs Examen. Viel später zeigte er mir ein Foto: Sein Vater, ein Despot ohne jedes Anstandsgefühl, hatte ihn nackt im Garten der elterlichen Villa aufgenommen. Ein Gerippe, von Haut überspannt und „gekrönt“ vom Kopf eines Mittzwanzigers, dessen alte und leere Augen das verheerende Ausmaß seiner Depression und Verzweiflung erkennen ließen. – Abfotografiert wie ein Stück Nutzvieh, dachte ich mir; geschlachtet hatten sie ihn schon vorher.

Nach diesem Zusammenbruch erfuhr Gordon nicht etwa Fürsorge, sondern wurde gedrängt, „jetzt endlich mal etwas Vernünftiges zu tun, statt uns nur ständig auf der Tasche zu liegen.“ So schickten sie ihn in das Zweigwerk nach Hannover, wo er nicht viel mehr war als ein Verkäufer hinter der Ladentheke. Redete man mit ihm, schien das in Ordnung zu sein: Gordon hatte sich aufgegeben und ließ die anderen einfach mit ihm machen. Es hörte sich an, als sei er eine Fehlbesetzung im Leben und müsste eben irgendwie durchgebracht werden. – Selbstbewusstsein auf Asphalthöhe. Keine Freundin. Kaum Kontakte. Mit Ende zwanzig fiel er bewusstlos vom Stuhl und wurde im letzten Moment gerettet, nachdem ein Gehirnaneurysma geplatzt war. Kaum genesen, setzte er sich ins Auto, um nach Hause zu fahren, baute einen schweren Unfall und bekam die ganzen Gesichtsknochen verdrahtet. Wir standen hilflos daneben und wussten nicht, was tun.

Als ich hörte, dass er geheiratet hatte und Vater geworden war, freute ich mich umso mehr für ihn. Später lud er mich zu sich nach Hause ein – er lebte nun in der Villa der verstorbenen Eltern -, um mir seine Frau vorzustellen. Sobald er mit mir in den Hausflur trat, schiss sie ihn vor mir wegen einer Nichtigkeit zusammen wie einen Rekruten. Mehrmals danach rief er mich an, um mir zu sagen, er halte es kaum mehr aus mit ihr, doch änderte er auch nichts. – Unbewusst hatte er sich die Fortführung seines Elternhauses organisiert, die strenge Herrschaft über ihn selbst und die Unterordnung unter einen rabiaten äußeren Willen.

Dann starb seine Frau überraschend, und ich hoffte, Gordon würde nun wenigstens als Mittfünfziger zur inneren Freiheit finden und vielleicht auch zu einer Partnerin, die ihn liebevoller behandelte. Stattdessen zog er sich völlig zurück. Gemeinsame Bekannte berichteten mir, er habe seine Frau zur Heiligen erhoben und sie in einer Weise idealisiert, die der Wirklichkeit nicht ansatzweise gerecht wurde. Idealisierung ist eine unbewusste Abwehrstrategie und letztlich eine Möglichkeit, sich die Auseinandersetzung mit verdrängten Aggressionen und verdrängtem Hass zu ersparen. Auch fünfzehn Jahre später – seine Kinder waren längst aus dem Haus – blieb er darin gefangen und war unzugänglich für alle Empfehlungen, sich therapeutisch behandeln zu lassen, bis er nun ebenfalls schwer erkrankte.

Gordons Geschichte ist ein besonders krasses Beispiel dafür, wie verheerend es sich auswirken kann, wenn die innere Ablösung von einem tyrannischen Elternmilieu niemals gelingt. Rein materiell betrachtet, hatte er die weitaus besseren Startchancen ins Leben, verglichen mit einer Angestelltenexistenz. Da er sowohl mit hoher Intelligenz als auch mit beträchtlicher Kreativität ausgestattet war, hätte man also mit einem erfolgreichen und erfüllten Leben rechnen können. Jedoch zeigen bereits seine Katastrophen der Studentenjahre – Magersucht, Depression, Aneurysma, Autounfall – eine solche Anhäufung negativer Lebensereignisse, dass man sich fragen muss, in welchem Ausmaß hier eine unbewusste Tendenz zur Selbstschädigung, respektive zum indirekten Suizid, aktiv war.

„Krankheit bei uns allen ist nicht anonym wirkender Zufall, sondern Krankheit ist Reaktionsmöglichkeit des erlebenden Individuums in hilfloser Lage.“, schreibt es Alexander Mitscherlich in seinem Klassiker „Krankheit als Konflikt“. Und er reflektiert: „Vieles Leiden ist zunächst schmerzende Lebenserfahrung, Erlebnis von Gefühlskälte, Härte, Einsamkeit, Angst, Enttäuschung, Scham, Erlebnis von Wünschen, welche die Mitwelt mit allen Mitteln verfolgt.“ Übersetzt bedeutet das: Das Individuum in hilfloser Lage – hier ein autoritär beherrschter und manipulierter Sohn – steht im permanenten inneren Konflikt seines von der Geburt her bestimmten „immanenten Lebensentwurfs“ (so C.G. Jung) mit den von außen brutal durchgesetzten Zwängen. Wird die Fremdbestimmung so groß, dass vom eigentlichen Persönlichkeitskern des/r Betroffenen nichts mehr übrigbleibt, stellt sich unvermeidbar ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit ein, wenngleich meist verdrängt. Dieses Gefühl allerdings ist nach Mitscherlich sozusagen der Trigger für die Umsetzung des inneren Erlebens in krankhaftes körperliches Geschehen. „Minderung der Organleistung und/oder Gewebeveränderung“, wie er es formuliert: „Was von der Pathophysiologie gilt, trifft auch auf die Pathopsychologie und beider Verzahnung zu. Nur dass wir es bei den Erlebnisvorgängen mit vielleicht noch komplexeren Geschehnissen zu tun haben.“

In meiner Coachingpraxis sehe ich relativ häufig solche Konstellationen: ein Arbeitsumfeld, dessen Druck und Erniedrigungen Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Resignation und Selbstaufgabe vermitteln. Im Laufe der Gespräche ergibt sich dann häufig, dass das Beziehungsumfeld ähnlich strukturiert ist. Und so gelangen wir an den Persönlichkeitskern eines Menschen, der schon in frühen Jahren nicht zu Selbständigkeit und Eigeninitiative geformt wurde, sondern zu Gehorsam, Unterwürfigkeit und letztlich Wehrlosigkeit. Es gehört zu den schönsten Erlebnissen eines Coaches, wenn es gelingt, dieses Gefängnis aufzubrechen und der eingesperrten Persönlichkeit Freiräume der Selbstbestimmung zu eröffnen.

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