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„Hammer, ist die süß!“

Spontan starrte ich auf die großen dunklen Augen, die in Richards Entwicklerbad immer mehr Kontur gewannen. Richard grinste zufrieden im Dunkelrot seiner Laborlampe und belichtete weitere Bögen Fotopapier, um auch diese in die Entwicklerschale zu legen, sie dann zu spülen und sie anschließend im Fixierbad zu platzieren, bevor er sie mit Wäscheklammern an einer Leine aufhing zum Trocknen. – Richard war Pressefotograf. Im Bonner Bundestag und in den Ministerien ging er mit einem Hals voller Nikons ein und aus, um für WELT und ZEIT wichtige Leute aufzunehmen. Vor einem Jahr erst hatte er sich selbständig gemacht und sich schnell einen guten Ruf erworben.

Fasziniert beobachtete ich bei ihm immer wieder, wie die Gesichter von Willy Brandt, Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß, Helmut Schmidt, Rainer Barzel, Herbert Wehner, Hans-Dietrich Genscher, Walter Scheel und vielen anderen Wichtigen und weniger Wichtigen des Bonner Politikbetriebs aus dem Nichts heraus auf das weiße Photopapier wuchsen. Es verkörperte eine besondere Welt für mich, die ich andächtig bestaunte, und von deren Härte und Brutalität ich damals noch nichts ahnte. Erst als ich einige Monate später bei Richard einem jungen Abgeordneten namens Jürgen Todenhöfer begegnete, unmittelbar nachdem Kohl ihn auf der ersten Fraktionssitzung nach der gewonnenen Wahl vor versammelter Fraktion in Stücke gerissen hatte, begann ich meine Naivität abzuwerfen. Todenhöfer war fix und fertig, und ich vermute, es war der Moment, in dem er sich entschloss, der Politik den Rücken zu kehren. Tatsächlich war er ein tiefgründiger und reflektierender Wertkonservativer und zu schade für den Betrieb, den Kohl mit seinen Vasallen gerade installierte.

Während Bundestagspräsidentin Annemarie Renger – die später meine Nachbarin werden sollte – gerade mit der ihr eigenen Strenge im Gesicht von der Leine abtropfte, kehrte mein begeisterter Blick zu dem hübschen Frauengesicht zurück.
„Wie alt ist die denn?“
„Glaub´ dreiundzwanzig. Wird in paar Wochen vierundzwanzig oder so.“
Die junge Dame flankte mit einem strahlenden Lächeln über ein Holzgeländer, vermutlich eine Pferdekoppel. Richard legte mir weitere Motive von ihr hin. Ihre Augen konnten jedes Mannsbild zum Schmelzen bringen.
„Die hat einfach was total Frisches, Sympathisches!“, schwärmte ich und kriegte meinen Blick nicht mehr von ihr.
„Is auch total nett und unkompliziert. Hatte richtig Spaß mit der beim Photographieren. Die hat spontan alles mitgemacht.“
„Echt? Kannst du die nicht mal einladen?“
„Die wär´ so spontan und würd´ das machen, denk ich.“
„Na, dann mach!“
„Wird schwierig.“, sagte Richard bekümmert und fingerte einen neuen Film aus der Rolle.
„Wieso?“
„Das is die Tochter vom Ministerpräsidenten Albrecht. Total süßer Fratz. Heißt übrigens Ursula.“
„Mist!“, sagte ich. „Mist, Mist, Mist!“
Nuja, heute ist sie Verteidigungsministerin.

Man muss Verluste abschreiben können, und die Bonner Jagdgründe ließen uns beide nicht unbeschäftigt, so zogen wir wieder los in die Bonner Studentenkneipen. Vorher allerdings machte Richard ein großes wattiertes Kuvert fertig und fuhr mit mir zum Bonner Hauptbahnhof. Kurz nach 22 Uhr rollte dort ein Schnellzug nach Hamburg ein. Damals gab es noch etwas, das hieß „Bahnpost“. Richard platzierte sich am Bahnsteig, wo der „Bahnpostwagen“ zu halten kam und übergab sein Kuvert an den Bahnbeamten. Schon fünf Stunden später würde es in der Redaktion der ZEIT landen. Atemberaubend schnell, fand ich. An Internet und jpg-files war damals noch nicht zu denken.

Helmut Schmidts Kanzlerschaft neigte sich erkennbar dem Ende zu. Die Konflikte mit der FDP hatten zugenommen, und überall im Koalitionslager verbreitete sich Endzeitstimmung, während auf Unionsseite der Optimismus sprunghaft zunahm. Richard war es letztlich egal. Er war gut versorgt mit Aufträgen, hatte die Granden alle im Archiv, und wenn es neue Gesichter gab, bekam er einen Anruf und musste sie sofort wieder fotografieren.

„Vorgestern hatt´ ich zwei Typen vom STERN da.“, erzählte er in seiner schnoddrigen Art, deren charmantem Sog kaum eine Frau etwas entgegenzusetzen hatte, schon gar nicht Redaktionssekretärinnen. „Wollte mal sehen, ob mit denen was zu machen ist.“
„Klaro. Und?“
„Naja, waren ganz beeindruckt. Denk ich mir, lädst du die halt mal zum Essen ein drüben in der Altstadt. Geh ich mit denen gerade durch die Joachimstraße, an der Saarländischen Landesvertretung vorbei…“
„Gibt´s da ´n Restaurant?“
„Drüben, auf der anderen Seite der Bahn.“ – Entweder es regnet in Bonn, oder du bist müde, oder die Bahnschranken sind zu, hatte John le Carré einmal geschrieben.
„Und weißte, was dann passiert?“
„Nö.“
„Kommt auf einmal´n  schwarzer Dienstmercedes an, stoppt neben uns mit quietschenden Reifen, dass ich denk, Junge was los, kann ich grade gar nich gebrauchen!“
„Nu erzähl schon!“
„Fliegt die hintere Tür auf, Loki Schmidt springt raus, fällt mir um´n Hals, drückt mich, gibt mir´n Kuss auf jede Wange. Fliegt zurück in ihren Mercedes und ab. Hat keine fünf Sekunden gedauert. Die Typen vom STERN kriegten den Mund nich mehr zu.“
Loki, die von allen geliebte Gattin des Kanzlers Helmut Schmidt. Selten, dass in dieser von Intrigen strotzenden Szenerie eine Politikergattin so rundum geschätzt wurde. Nicht zuletzt für ihre Spontaneität: Wen sie mochte, den herzte sie. Wen sie nicht mochte, der kam bei ihr auf keinen grünen Zweig. Sie verbog sich nie und blieb echt. Richard eben herzte sie spontan, obwohl sie gar keine Redaktionssekretärin war.

In allen diesen Fällen also geht es um spontanes Verhalten. Doch was eigentlich ist Spontaneität? – Eigenartig, dass die großen psychiatrischen Fachbücher auf Definitionen verzichten, aber sie befassen sich halt mehr mit der kranken Psyche als mit der intakten. Und zuallererst einmal ist Spontaneität „die Fähigkeit, nicht unter dem Einfluss eines äußeren Rahmens zu handeln, sondern in Übereinstimmung mit dem inneren Zustand einer Person.“, so formuliert es die Persönlichkeitspsychologie. Eine Eigenschaft demnach, die einen Menschen unwillkürlich reagieren lässt auf äußere Reize, und die signalisiert, dass der/die Handelnde im inneren Einklang mit sich selbst ist. Innere Vorgänge also werden wahrgenommen und umgesetzt: Ein spontanes Lächeln gehört dazu ebenso wie eine spontane Umarmung oder auch einmal spontaner Ärger bzw. eine spontane Ohrfeige. So sprechen wir letztlich von der Kongruenz einer Person mit sich selbst, auch wenn diese für die Umwelt gelegentlich anstrengend werden kann: Der Verbindungskanal zwischen innerem Impuls und äußerer Präsentation ist arbeitsfähig. Eine Grundvoraussetzung seelischer Gesundheit.

Bezeichnend ist, dass etwa zwanghafte Charaktere, die einem rigiden inneren System von Regeln und Selbstkontrolle unterliegen, nicht mehr spontan handeln können, weil sie kaum bis gar nicht mehr spontan empfinden, sondern alles kontrollieren und planen müssen. Ihre inneren Impulse ersticken in einem Netzwerk aus Ge- und Verboten, heraus kommen blutleere Bürokratentypen, die Spontaneität im Zweifel eher bekämpfen. („Wo kämen wir denn hin, wenn Jeder…!“) Negativ wirkt Spontaneität sich dagegen aus bei Personen mit mangelnder Impulskontrolle: Hysterische Charaktere zum Beispiel, die ihren übersteigerten inneren Impulsen nachgeben und fortwährend ihre lautstarken Auftritte inszenieren, gehören dazu genauso wie die Egozentriker, die nur noch ihren spontanen Regungen folgen, keine Termine und Abmachungen mehr einhalten und für ihre Umwelt nicht mehr verlässlich sind. Hochpathologisch aber wird die Spontaneität bei Psychotikern, die während ihrer Krankheitsschübe jegliche Selbstkontrolle verlieren können und dann gewalttätig oder sogar richtig gefährlich werden.

Aus meinen fast 20 Jahren Coachingerfahrung weiß ich, wie sehr übermäßiger Druck im Job zu Spontaneitätsverlust führen kann. Die Betroffenen sind so darauf fixiert, externen Ansprüchen gerecht zu werden, dass sie ihre innere Beweglichkeit einbüßen und spontane Regungen nicht mehr wahrnehmen. Damit allerdings nehmen sie sich selbst (!) nicht mehr wahr. Dies führt nicht nur zu einem großen Flexibilitätsverlust, sondern auch zu einer dramatischen Einbuße an Handlungsoptionen: Ihre innere Fesselung wirkt sich im Job aus, indem sie zu einer angstinduzierten Erstarrung führt und damit zu einer mittelfristig gefährlichen Verfassung, aus der Erkrankungen entstehen können. Darüber hinaus jedoch wird auch der private Bereich tangiert, bis hin zur Sexualität, die entweder mangels Spontaneität erlischt oder – mindestens genauso schlimm – mittels übersteigerter sexueller Aktivität als Kompensationsmittel für die inneren Schädigungen „zweckfremd eingesetzt“ wird. Auch dies eine Form von Erstarrung im Zwang.

In aller Regel gibt es bei unseren Sitzungen einen Punkt, wo man als Coach merkt, dass der/die Klient/in beginnt, wieder „reagibel“ zu werden und auf Lebenssituationen nicht mehr mit einem erstarrten Regelwerk, sondern mit spontanen Empfindungen und Verhaltensweisen zu antworten. Seltsamerweise muss man die Klienten dann erst darauf hinweisen, denn sie selbst haben es noch gar nicht wahrgenommen. Jedenfalls ist das für Coach und Klient/in einer der beglückenden Momente solch einer Gesprächsserie, denn er indiziert, dass man den Turn-Around erreicht hat: Das Lebewesen Mensch, das über eine Millionen Jahre alte Vorgeschichte als Alge, Fisch, Reptil und Säuger verfügt, zeigt einmal mehr, dass es deren spontane und meist blitzschnelle Reaktionsmechanismen niemals abgeworfen, sondern sie nur verschüttet hat.
Ihre Freilegung ist ein Stück Befreiung im besten Sinne.

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