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Obwohl ich eine Menge über ihn gehört hatte, hatte ich Landon nie persönlich kennengelernt, aber ich wusste, dass er Menschen getötet hatte. Er war Mitglied einer britischen Spezialeinheit gewesen und hatte eine Reihe verdeckter Einsätze in allen möglichen Ländern des Mittleren Ostens absolviert, an deren Ende stets eine „Zielperson“ das Leben verlor, meist mit Schüssen aus kurzer Distanz. Obwohl in solchen Ausbildungen vermittelt wird, unter allen Umständen Augenkontakt mit dem Opfer zu vermeiden, lässt sich das bisweilen nicht vermeiden. Nach Helens Erzählungen vermutete ich, dass Landon wohl an die zwei Dutzend Menschen in Her Majesty´s Service liquidiert hatte. – Helen schien das geil zu finden: Sie war in einem kleinen Schwarzwalddorf aufgewachsen unter Eltern, die sie eher dressiert als erzogen hatten. Selbstwertgefühl war Fehlanzeige gewesen, denn sie war „nur ein Mädchen“, bis sie nach der Pubertät aufgeblüht war zu einer brünetten Schönheit, die sich vor Verehrern kaum mehr retten konnte. Sie hatte ihr mangelndes Selbstwertgefühl kompensiert, indem sie Männern reihenweise den Kopf verdrehte.

Landon jedoch hatte sie vom ersten Moment an fasziniert, erzählte sie: Sein durchtrainierter Körper, seine harte und entschlossene Ausstrahlung, und nicht zuletzt das Geheimnis, das ihn und sein Leben stets umgab. Sie hatte alles andere ausgeblendet und war sich wie ein Bond-Girl vorgekommen: das kleine Mädchen aus dem Weiler, das nun an einem faszinierenden und gefährlichen Leben teilnehmen durfte. Zumindest teilweise. Denn auch im Bett, so verriet sie mir in einem schwachen Moment, beschränkte er sich auf Andeutungen seiner Tätigkeit, die er mit professioneller Kaltschnäuzigkeit umschrieb. Mitleid war seine Sache nicht: „Was interessieren mich die? Befehl ist Befehl!“ – – Die Beziehung hielt acht Jahre: mal flog Landon in Deutschland ein, mal Helen, eine ehrgeizige IT-Dame, in Heathrow. – Bis Landon schwer depressiv erkrankte und sich kaum mehr meldete.

„Ich durfte ihn nicht mehr besuchen.“, erzählte sie mir, als wir uns auf einen Nachmittagskaffee trafen. „Er klang am Telefon nur noch wie ein Häufchen Elend. Dann verzog er sich nach South Wales, von wo er ursprünglich herkam. Ich hab´ ihm noch ein paar Monate verzweifelt hinterhertelefoniert.“
Leider erfolglos. Denn die letzte Kugel hatte Landon für sich selbst reserviert. Für Helen brach die ganze Welt zusammen. Noch dazu, als sie erfuhr, dass er seit fünfzehn Jahren verheiratet war und zwei Kinder hatte. – Wer Menschen tötet, der betrügt auch Frauen.

Die Geschichte erinnerte mich an eine Begegnung in Abu Dhabi, die mir immer wieder einmal in den Sinn kam: Als ich auf der Etagen-Lounge im Intercontinental meinen Nachmittagsdrink nahm, sprach mich ein Brite namens George an, und wir unterhielten uns eine halbe Stunde, in der er sich drei Tom Collins bestellte, während ich langsam an meinem Gin Tonic nippte. Mir fielen seine gehetzten Gesichtszüge auf und die ruhelos wandernden Finger. Der Mann schien ein Trauma mit sich herumzuschleppen, und es kam mir vor, als würde er buchstäblich nach mir ausgreifen, um seine Geschichte erzählen zu dürfen. Seine Art zu sprechen war teils druckvoll, teils stockend, – wie die eines Mannes, der versuchte, etwas loszuwerden, was er nicht mehr loswerden konnte.

Wir redeten über unsere beruflichen Tätigkeiten, und er erzählte mir, er sei bei der britischen Armee gewesen. – Welche Einheit denn?
„I can´t tell you.“
Doch wenig später sprudelte er mit angstvoll wandernden Augen hervor, er sei als „sniper“ eingesetzt gewesen: Ein Präzisionsschütze also, der mittels seiner „sniper gun“ Menschen aus bis zu vier Kilometern tötete. Als würde er einem mächtigen inneren Druck folgen, berichtete er, er habe regelmäßig im Nahen Osten „Aufgaben erledigt“.
„How many did you kill?“, fragte ich.
„They don´t allow me to tell you.“, war die in Armeekreisen gängige Antwort, während er seinen Tom Collins kippte. – Indirekt also bestätigte er, dass er getötet hatte.
„Memories haunting you.“, sagte ich ruhig, denn nun wurde er immer fahriger. „Bad feelings.“
„How you mean?“
„The faces.“, sagte ich. „You can´t forget the faces.”
Er schoss in die Höhe. “I have to leave.” Und schon war er draußen, ein halbvolles Glas zurücklassend.
“Man bad nerves drink too much.”, meinte Dan, der philippinische Ober, schulterzuckend. – Ich buchte das Gespräch ab als eine dieser Hotelbegegnungen, die so intensiv werden, weil man ja weiß, man sieht sich nie wieder. Doch tauchten die unruhigen Bilder und ein Gesicht, das um Vergebung zu flehen schien, immer wieder einmal in mir auf.

Es ist naheliegend, dass man in solchen „Berufen“ eine Menge Verdrängungsarbeit zu leisten hat: Die eigene Angst im Einsatz muss ebenso beiseitegeschoben werden wie die Wahrnehmung der Angst des Opfers, die eigene Schuld, das Mitgefühl für das Opfer und dessen Angehörige, dazu die eigenen Versagensängste und die Angst vor den militärischen Vorgesetzten, aber auch die Angst ergriffen zu werden, die Angst vor den Folterkellern, etc. etc. – Insgesamt also eine Höchstbelastung für den psychischen Apparat, der auf Dauer bestenfalls nur völlig abgestumpfte Individuen gewachsen sein können.

Von Abspaltung oder Dissoziation spricht man, wenn ein erheblicher Teil der Gefühle – in aller Regel die negativen – nicht wahrgenommen werden darf, weil es den psychischen Apparat in einer konkreten Situation überfordern würde. Sowohl Landon als auch George hatten offenbar die heftigen Gefühle, die sich unweigerlich aus der Tötung eines Menschen ergeben, abgespalten und im Unbewussten abgekapselt. Landons Kaltschnäuzigkeit jedenfalls ist ein klassisches Beispiel für eine Pose, die in Wirklichkeit nur Abwehrstrategie ist: (1) Wird die Realität = Tötung verleugnet und als professionelle Arbeit dargestellt und (2) wird offensichtlichen Schuldgefühlen durch Abwertung der Opfer entgegengewirkt. – Es bestätigt sich aber die alte Erkenntnis: Realität bleibt Realität, auch wenn sie verleugnet wird. Dies gilt selbstredend auch für die oft unterschätzte psychische Realität.

Extremsituationen können die Psyche so sehr überfordern, dass sie später jegliche Erinnerung verweigert und das Geschehen komplett verdrängt. Gelöscht ist das Ereignis dadurch aber nicht. Es ist nur vollkommen vom Bewusstsein abgespaltet. Das Diagnostische Manual DSM 5 spricht von einer „Unterbrechung der normalerweise integrativen Funktionen des Bewusstseins“. Durch diese Spaltungsvorgänge wird also vermieden, dass emotional miteinander unvereinbare Inhalte zusammentreffen, denn dann müsste man einen massiven inneren Konflikt zulassen und austragen. Es ist nachvollziehbar, dass Männer wie Landon oder George all die negativen Gefühlsinhalte, die mit einer derartigen „Tätigkeit“ verbunden sind, gar nicht zulassen konnten, denn sonst hätten sie ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können. Praktisch gesprochen, lässt sich Abspaltung als besonders intensive Form der Verdrängung innerer Vorgänge bezeichnen.

Der psychische Apparat allerdings muss erhebliche Energie darauf verwenden, die abgespalteten Inhalte bewusstseinsfern zu halten. Energie, die dem Gesamtsystem Mensch an anderer Stelle fehlt, und deren „zweckfremde Verwendung“ sich mittel- und längerfristig gegen den Menschen selbst richtet. Man kennt es von Folteropfern, die sich zwar an das Eintreten des Folterers erinnern und an den Wasserguss ins Gesicht am Ende, nicht jedoch an die grausamen Vorgänge dazwischen. Nicht anders bei Vergewaltigungsopfern, die scheinbar keine Erinnerung mehr an das Verbrechen haben. Oder auch bei Angestellten, die Spannungen, schlechte Behandlung, Diffamierungen und Demütigungen durch Vorgesetzte verleugnen und die zugehörigen heftigen Gefühle ins Unbewusste abschieben, um im Job überleben zu können und sich dann zu „arrangieren“. Der Durchbruch der abgekapselten Inhalte erfolgt oft erst nach Jahren, dann aber mit zerstörerischer Heftigkeit.

Auch bei Helen musste man sich ja fragen, ob sie in der Beziehung zu Landon nicht eine Menge an Angst, Zweifel und vielleicht sogar Abscheu im Interesse ihrer sexuellen Intensität und ihrer vermeintlichen Aufwertung durch die Gunst eines exquisiten Partners verdrängt hatte, so dass ihr jähes Erwachen am Ende und der damit verbundene schmerzhafte Durchbruch der Realität umso heftiger waren. Generell sollte man davon ausgehen, dass jeder Mensch eine kreatürliche Seite besitzt, deren Reaktionen auf die Umwelt im weitesten Sinne instinkthaft und unbeeinflussbar sind: sie verkörpern die tierhafte Seite des Menschseins und damit ein seit Jahrmillionen bewährtes System der Wahrnehmungsverarbeitung. Der Frankfurter Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich hat gut beschrieben, wie solche psychischen Wahrnehmungen sich mittel- und langfristig auf den Körper auswirken können, bis hin zu chronischen Erkrankungen.

Landons Zusammenbruch letztlich war ein klares Zeichen, dass die Abspaltung seiner negativen Gefühle sein Gesamtsystem dauerhaft überlastet hatte. Georges Leben zwischen seinem verzweifelten Mitteilungsdrang, der auf massive Schuldgefühle schließen ließ, und dem dienstlichen Sprechverbot schien ihn innerlich förmlich zu zerreißen, so dass er erkennbar dabei war, psychisch vor die Hunde zu gehen.
Helen jedenfalls lernte aus ihren Erfahrungen, und da sie auf die Fünfzig zuging und sich selbst einen beginnenden Attraktivitätsverlust attestierte, band sie sich glücklich an einen Handwerker, dessen Lebensrisiken ihr als überschaubar erschienen.

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