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Susi war eine Einserschülerin, und als unser Religionslehrer, ein verschlagener kleiner Pfaffe, uns die Klassenarbeit herausgab, hatte sie selbstverständlich die beste von allen geschrieben. Dennoch kritisierte er sie vor der gesamten Klasse für ihre winzige Krakelschrift, die sie erst seit kurzem zeigte und die kaum mehr zu lesen war. Es gipfelte in der gebellten Feststellung: „Sowas zeucht von Geiz!“
Wir lachten brüllend, und Susi, eine pummelige Dreizehnjährige mit verkniffenem Gesicht und anmaßendem Auftreten, sank sichtbar in sich zusammen, ihrer Schrift nicht unähnlich. Das freute uns, denn ihr Strebertum war uns unsympathisch. Allerdings wussten wir, dass sie unter dem permanenten Druck stand, bei allem die Beste zu sein, denn ihre Eltern peitschten sie autoritär und gnadenlos nach vorne. – Ihr Vater war eine angesehene Persönlichkeit der Stadt und ein ziemlich wichtigtuerischer Kommunalpolitiker, der sie – psychoanalytisch gesprochen – bestenfalls als „Erweiterung seines Größenselbst“ betrachtete: Sie hatte seinem öffentlichen Ansehen und dem der Familie zu dienen und hatte die Überheblichkeit ihrer Sippe längst übernommen.

Sofort nach dem Abitur heiratete sie überraschend und gebar ein paar Kinder, – wir staunten nur noch, wie schnell alles ging. Genauso schnell ging die Ehe wieder in die Brüche. Mitte fünfzig war sie schwere Alkoholikerin, und nach einer Reihe von Zusammenbrüchen und Klinikaufenthalten beging sie Selbstmord und wurde neben ihrem Vater zur Ruhe gelegt. Erst dann meldeten sich drei Klassenkameraden bei mir, denen sie wenige Wochen vor ihrem Suizid berichtet hatte, sie komme nicht über ihren Vater hinweg: Dieser habe sie seit ihrem dreizehnten Lebensjahr regelmäßig sexuell missbraucht. – Die plötzliche Krakelschrift, die schnelle Heirat als Flucht aus der Familie, der Alkoholismus und schließlich der Suizid, nun also fand alles seine ebenso logische wie erschütternde Erklärung.

Es gibt wirklich Tage, da schämt man sich Mann zu sein. Der Beruf als Coach bringt es mit sich, dass Frauen, die scheinbar wegen eines ganz anders gelagerten „Jobproblems“ gekommen sind, auf einmal „aufmachen“ und zum ersten Mal über das reden, was sie durchgemacht haben: Als Mittvierzigerin oder Mittfünfzigerin schaffen sie es endlich. Die Kälte, Selbstsucht und völlige Gefühllosigkeit, mit der Väter, Brüder, Stiefväter, Opas, Onkels sich über ein kleines Mädchen oder einen Teenager hermachen, es lässt einen auch nach fast zwanzig Jahren Berufserfahrung immer noch sprachlos und angewidert. Da fällt es schwer, die professionelle Distanz zu wahren: Ein Kind als Beute. Nicht selten kaschieren die Herren ihr Treiben auch noch als besonders liebevolle Fürsorge. Die seelischen Zerstörungen beim Opfer bleiben lebenslang, und nur wenigen gelingt es, sich zu befreien und eine intakte (Zweier-)Beziehung zu führen, sei es zu Eltern, Partner oder Kind. – Fakt ist: Mindestens 80% der Täter sind männlich. Aber auch ein Frauenanteil von ca. 10% gilt heute als gesichert. Die Opfer sind beiderlei Geschlechts. Ich selbst hatte bisher nur mit weiblichen Betroffenen zu tun.

Dabei bezieht die sexuelle Ausbeutung eines Kindes sich nicht „nur“ auf das Körperliche: Die natürlichen Zärtlichkeitsbedürfnisse eines Kindes, sein Wunsch nach einer liebevollen Beziehung, aber auch seine Bereitschaft zum Gehorsam wie auch sein Glaube an die Aussage der Eltern, Großeltern, etc. werden massiv – man muss es so ausdrücken – geschändet. Meist wird auch noch die angeborene Angst eines Kindes vor Zerstörung und Verlust der Familie ausgebeutet, indem man es mit einem Schweigegebot zwingt, niemandem etwas zu erzählen. Nicht selten droht der Täter ansonsten mit der Ermordung der gesamten Familie. (Fischer/Riedesser, Psychotraumatologie).

Die Folgen – hier nur sehr knapp dargestellt – reichen von zwanghafter Sexualisierung über Schuld- und Schamgefühle, Misstrauen, Anklammerungsverhalten, permanente Selbstwahrnehmung als schutzloses Opfer, Kontrollzwang, Rivalitätsverhalten am Arbeitsplatz, ansprüchliches, dominierendes und manipulatives Verhalten, etc. . – Die Liste wäre noch länger.

Nicht selten werden die Missbrauchserfahrungen generationenweise weitergegeben. Nicht nur durch die direkten Opfer, sondern z.B. auch durch Männer, die in ihrer Kindheit solches Geschehen durch Vater, Bruder, Verwandte beobachtet haben. – Gerade hierin zeigen sich die verheerenden psychischen Auswirkungen solchen Verhaltens, denn sie breiten sich sozusagen auf „Unbeteiligte“ aus.

Im Berufsleben mühen die Opfer sich später redlich, den Anforderungen gerecht zu werden. Zu warnen ist umso mehr vor der pauschalisierenden Annahme, dass Verhaltensauffälligkeiten automatisch auf Missbrauchsschädigungen hinweisen. Man sollte sich z.B. bei Kolleg*innen mit auffälligem Rivalitätsverhalten oder mit paranoidem Opfergebaren, mit depressivem oder sexuell herausforderndem Verhalten strikt an die Einschätzung halten, dass eine psychische Problematik vorliegt, deren Ursachen man nicht (!) kennt. Stigmatisierungen können hier Verheerendes anrichten, bei echten Missbrauchsopfern genauso wie bei falsch klassifizierten. Solche Beurteilungen unterstehen nur der fachärztlichen Beurteilungskompetenz.

Auch der Coach muss hier natürlich seine Grenzen kennen und auf die fachärztliche Hilfe verweisen. Das allerdings ist bisweilen einfacher gesagt als getan, wenn die Klientinnen sich dagegen wehren und den Coach nicht loslassen wollen. Hier kann die Betreuung sich nur auf die Bearbeitung der aktuellen Jobprobleme richten und auf die Schaffung der Einsicht, dass diese mit den frühen Traumatisierungen verbunden sind, um doch noch die gebotene Behandlung zu ermöglichen.