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Als es Kahlenborn nach allen Regeln der Kunst zusammenhaute, hatte niemand im Betrieb damit gerechnet. Sie kriegten ihn reanimiert, und nach zwei Wochen Intensivstation und drei Wochen auf Station schickten sie ihn erst nach Hause und dann in die Reha. Insgesamt war er ein halbes Jahr außer Gefecht, und er rechnete es seiner Firma hoch an, dass sie ihm nicht gekündigt hatte. Sie hielten ihm den Job frei, und als er den ersten Tag wieder antrat, gab es sogar ein kleines Fest für ihn, bei dem er vor Rührung Rotz und Wasser heulte. – Niemand kannte die Hintergründe, und so konnten sie nicht ahnen, wie sehr sie mit dieser Geste ins Schwarze getroffen hatten.

Der Chefarzt der pfälzischen Reha-Klinik, für den ich schon einige Vorträge gehalten hatte, hatte ihm meine Kontaktdaten gegeben und ihn mir per Mail avisiert. Es erschien ein Berg von Mittfünfziger, der physisch stabil wirkte, bei dem ich aber den Eindruck hatte, dass er sich psychisch irgendwie nur mit Mühe aufrecht hielt und dies durch ein betont „professionelles“ Auftreten zu überspielen suchte. Er komme, sagte er mir, um die „strategischen Defizite“ seines Zusammenbruchs aufzuarbeiten und „Lösungsstrategien zu erarbeiten“, damit ihm so etwas nicht nochmals passierte. Denn ein zweites Mal, so meinte er, würde die Firma ihm nicht den Job freihalten. – Eine Formulierung, die mich aufmerken ließ, es schien mir eine unbewusste Äußerung über sich selbst zu sein: Es ging demnach nicht um Veränderung, sondern um die Wiederherstellung reibungsloser Funktionsfähigkeit.

„Was treibt Sie an, so rücksichtslos mit sich umzugehen?“
„In der Wirtschaft muss man eben Leistung bringen.“
„Bis zum Defibrillator.“ Immer wieder erstaunlich, wie Menschen sich selbst betrügen können. Leistung als Daseinslegitimation. Ohne Leistung bin ich nichts. Nur durch Leistung kann ich meine Existenz rechtfertigen und mir Wert verschaffen. Denn ich bin weniger wert als meine Arbeit. – So viel zum Thema Selbstwert. Man glaubt es gar nicht, wie viel innerlich zutiefst verunsicherte Menschen auf Führungssesseln sitzen, angstgetrieben, mit perfekter Fassade.

Die nächsten fünfundvierzig Minuten wurden zu einem Referat über die Prinzipien der Marktwirtschaft. – Beginnt jemand allerdings sich in der Darstellung eines ich-fremden Themas festzubeißen, so ist höchste Wachsamkeit geboten: In der Regel deutet dies auf einen unbewussten Widerstand sich zu öffnen. – Ein Ablenkungsmanöver also, das auf Unsicherheit schließen lässt und auf die Angst, ein – noch – unbewusstes Thema anzugehen. Ich hörte erst mal zu.
„Ich muss gut sein. Ich darf nicht enttäuschen. Denn sonst verliere ich meinen Wert.“, sagte ich schließlich.
„Wie bitte?“ Mit einem Schlag war Kahlenberg rot angelaufen. „Was… was… meinen Sie?“
„Es sieht so aus, als hänge Ihr gesamtes Selbstwertgefühl daran, die Erwartungen Anderer zu erfüllen: Siehst du, ich bin doch etwas wert!“
Seltsamerweise kam er ins Stottern.

Oft muss man Verhaltensweisen vorsichtig anstupsen, die der Klient / die Klientin als selbstverständlichen Persönlichkeitsbestandteil betrachtet: „So bin ich, das hab ich noch nie anders gemacht.“ Nun sind wir ja alle – frei nach Wilhelm Reich – die „Summe unserer Reaktionsbildungen“. Fragwürdig wird es halt, wenn es zu massiver Selbstschädigung führt. In den weiteren Sitzungen kostete es einiges an behutsamer Frage- und Deutungskunst, bis Kahlenborn so weit war, seine Glaubenssätze in Frage zu stellen. Immer bedrückender jedenfalls wurde erkennbar: Da hatte jemand einen eisernen Zuchtmeister im Nacken, den nichts interessierte außer Disziplin/Leistung/Funktionieren/Ergebnisse.
Zusammenbruch? Nebensache! „Am Ende zählt die Punktzahl.“
Irgendwie ja verwirrend, dass ein intelligenter und gebildeter Mann an dieser Stelle einen weißen Fleck hatte. Noch verwirrender, dass er eine Überzeugung, die ihn fast das Leben gekostet hätte, mit äußerster Verbissenheit verteidigte: Er selbst war sozusagen der statistische Ausreißer, der durch sein „Versagen“ den allgültigen Glaubenssatz diskreditiert hatte. Das machte es nur noch schlimmer für ihn.

So etwas ist ein gutes Beispiel für die Richtigkeit der Aussage meines Hypnose-Ausbilders Richard Clarke: „Everybody is right. In everything he does. IN HIS OWN WORLD.“ – Bedeutet: Jeder ist subjektiv von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt, weil seine innere Welt sich nun mal so gebildet hat, einschließlich seiner Zwänge. Zu fragen ist nun allerdings: Wer oder was hat dazu geführt? – Kahlenborn meinte erst mal, darüber brauche man nicht zu reden, denn es sei alles in Ordnung. Allerdings wurde er zusehends fahriger.
„Wen dürfen Sie nicht enttäuschen?“ Es arbeitete in ihm. „Wer hat Sie so entwertet?“
Plötzlich legte er das Gesicht in die Hände.

Er blieb minutenlang still. Bis sein ganzer massiger Oberkörper sich zu schütteln begann und er bitterlich schluchzte.
„Entschuldigung!“, flüsterte er schließlich, als er sein Gesicht aus den Händen hob. Es war das Gesicht eines kleinen Jungen: unsicher, bittend, verstört.
„Also, was ist wirklich los?“, fragte ich leise.
„Kann ich nen Espresso haben?“
„Klaro.“

„Papa war Vereinsmeister.“, sagte er schließlich. „Tennisverein.“
„Mhm.“
„Er hatte da einen unmenschlichen Ehrgeiz.“
„Im Hinblick auf Sie?“
„Yip. Er bildete sich ein, ich müsste genauso gut werden wie er und später ein echter Tenniscrack. Profi. Das war sein Ziel. Dem hat er alles untergeordnet.“
„Es war SEIN Ziel. Dem hat er SIE untergeordnet.“
„Meine gesamte Kindheit. Nur Drill. Nur Schleiferei.“ Er rang nach Atem. „Nur Runter-gemacht-werden: ‚Ich bin sehr enttäuscht von dir! Du strengst dich nicht genug an!‘ Jeden Tag. – – Jeden Tag!“

„Und Ihnen war nie nach Tennis?“
Stumm schüttelte er den Kopf. Unsere Gespräche hatten einen Mann mit sensiblen und musischen Seiten gezeigt. Mit einer gewissen Zartheit sogar, die man bei diesem Riesenmannsbild erst einmal nicht vermutet hätte.
„Je-den Tag Training. Je-den Tag Anschiss. Je-den Tag Vorwürfe, dass mir die richtige Einstellung fehlt. – – Meine ganze Kindheit lang. Ich kam kaum dazu Kind zu sein.“
„Sie hatten seine Ansprüche zu erfüllen, sonst wandte er sich ‚enttäuscht‘ von Ihnen ab. Es ging nur um ihn. Ein reines Erpressungssystem.“

„Wir hatten eine Theatertruppe an unserer Schule. Als ich elf war, hätte ich da sooo gerne mitgemacht. Für ihn war das ‚Killefitz‘. Mein Vater machte seine Zustimmung davon abhängig, dass ich irgendein Vereinsturnier gewann. Ich hab´ nur den vierten Platz belegt, da war das Thema wieder mal gegessen. ‚Zur Strafe für dein Versagen!‘ Verstehen Sie? Ich hab ihn GEHASST dafür!“ Der ganze Mann bebte.
„Er hat Sie als Geisel genommen für sein eigenes Geltungsbedürfnis.“
Es gibt Väter, die aus lauter Egozentrik und Verbohrtheit die wertvollsten Seiten ihrer Kinder auszulöschen versuchen. Die Kinder werden zu Gefangenen der väterlichen Entwertungsängste.

„Als ich vierzehn war, hab ich wieder so´n wichtiges Match verloren. Da hat er erst eine volle Stunde mit mir herumgebrüllt, dann hat er mich hochoffiziell ‚aufgegeben‘ und mich aus seinem Training verstoßen und mir gesagt, dass ich seine ganze Mühe nicht wert war. Danach hat er zwei Wochen lang nicht mit mir geredet.“
Er weinte wie ein Kind. Ich weiß nicht, wie viele Klienten ich schon hatte, die vom Ehrgeiz oder den Ängsten ihrer Eltern buchstäblich zertrampelt worden waren. Kahlenbergs Schluchzen rüttelte den ganzen Mann durch. – Erinnerungen, so dachte man früher, seien im Gehirn gespeichert. Seit Bruce Lipton wissen wir, dass sie in jeder einzelnen Körperzelle abgespeichert sind: als Bilder mit den zugehörigen Gefühlen. Mir schien, als wollten Milliarden an Körperzellen sich nun gleichzeitig entladen.
„Noch´ n Espresso?“ Bittend hielt er mir die Tasse hin.
„Klaro.“

Es war ein Vulkanausbruch. Nun endlich begann er zu reden und zu reden und zu reden. Sportgeile Väter, die ihre Kinder missbrauchen, um sich selbst damit zu dekorieren. Stur, uneinsichtig, wichtigtuerisch, kalt. Und auch noch stolz darauf. Schon einmal hatte ich solch einen Fall gehabt, wo ein Manager die väterliche Kälte auf seine Mitarbeiter übertrug und das gesamte Betriebsklima ruinierte. Alles, was sich in über fünfzig Jahren in Kahlenberg aufgestaut hatte, brach sich nun Bahn. Das Wechselspiel zwischen fortwährender Demütigung, Angst zu enttäuschen und panischem Erfolgszwang, es zeigte sich wie unter Laborbedingungen. Und eine misshandelte Kinderseele forderte endlich ihr Recht.

Als die zwei Stunden zu Ende gingen, bat Kahlenberg darum, die Sitzung zu verlängern. Da es mir zeitlich möglich war, willigte ich ein. Für Kahlenberg war es das erste Mal, dass er über seine innersten Nöte reden konnte, und dass jemand sie annahm, ohne ihn dafür herunterzumachen. Es stellte sich heraus, dass auch seine eheliche Beziehung auf der Kippe stand, weil seine Frau sich darüber beklagte, sie komme nicht an ihn heran. Seine dritte Ehe.
„Sie wissen ja, wie das ist. Mit dem Schwäche-zeigen.“
„Ich vermute, Ihre Frau wäre glücklich, Sie zu sehen, wie Sie wirklich sind.“
Nach vier Stunden Sitzung, vier Espresso für ihn und zwei Cappuccino für mich waren wir beide wie ausgewrungen. Kahlenberg hatte viel geweint. Er wirkte befreit.
„Jetzt fahr ich nach Haus und red´ mit ihr. Das hat sie verdient.“
Es war Kahlenbergs Turning-Point. Zwischendrin schickt er immer wieder mal eine Mail.

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