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„Es ist echt ein Kreuz mit dem!“, sagt die Klientin.
„Was macht er?“
„Der Mann hat keinerlei Selbstbeherrschung! Sobald nicht alles genauso läuft, wie er sich´s einbildet, verliert er die Kontrolle. Dann plärrt er herum, und meist wird er verbal richtig übergriffig. Außerdem tritt er unangenehm nahe an einen heran!“
Die Klientin ist deprimiert über sich selbst. In solchen Situationen reagiert sie mit Schweigen, Stillhalten und Zittern, anstatt sich zur  Wehr zu setzen. Das nervt sie umso mehr, als die Kollegin aus der anderen Abteilung Wege gefunden hat, den Choleriker charmant abfahren zu lassen und ihn regelrecht handzahm zu machen.

Kollegen und Vorgesetzte, die sich einfach nicht beherrschen können, sind ein echtes Kreuz. Rationalen Argumenten sind sie unzugänglich, und schnell wird klar, dass ihre Ausbrüche eine andere, verborgene Funktion erfüllen: Sie dienen nicht betrieblichen Zielen, sondern höchstpersönlichen. Die dauerhafte Belastung des Arbeitsklimas durch ihre impertinente Selbsterhöhung liegt ja nicht im Unternehmensinteresse, Mitarbeiterdemotivation bis hin zur Erkrankung noch weniger. Also wird man annehmen dürfen, dass es um persönliche Macht geht und damit auch um die Stabilisierung eines schwachen, unsicheren Ichs auf Kosten der Mitarbeiter: Setze ich mich nicht durch, verliere ich meine Machtposition; muss ich zugeben, dass ich falsch gelegen habe, werde ich unsicher, und drängend erhebt sich die Frage, ob ich dann, quasi im „Naturzustand“, noch etwas wert bin, – wenn man mich sieht, wie ich wirklich bin. Droht mir dann nicht Kontrollverlust? Da muss ich schnell draufhauen, um wieder oben zu sein.

„Ich weiß nicht, ob Ihnen schon mal so jemand begegnet ist?“, fragt die Klientin konsterniert. „Ein Mensch, der seine Gefühle einfach nicht bei sich behalten kann?“
„Oh doch!“, sage ich und muss grinsen.

„Es is a Kreuz mit dem Opa, glaubst!“, seufzte meine Oma immer. „Den Opa, den kannst nirgends hinschicken, des geht immer nebennaus!“
„Echt?“, fragte ich, obwohl ich ihn ja gut kannte.
„Sagen mir amal so: Du schickst den Opa zur Krankenkasse, weil er einen Stempel bräuchert. Dann geht er da schon hin…„Naa, naa, des is was, mit dem Mann!“
„Also?“
„Jetzt, wenn der Opa zu dem Schaltermenschen sagt, du pass auf, i brauch jetz da den Stempel, und der wo hinterm Schalter sitzt, der sagt: Du, Früchtl, den Stempel, den kann i dir so net geben… dann packt´n der Opa am Kragen, und dann zieht er´n raus aus´m Schalter, und dann sagt er: WAS kannst du net? Und dann haut er ihm jed´s Mal eine nauf.“
Man durfte ihn nicht reizen, den Früchtl Sepp, da wurde er schnell narrisch.
„Dann haben s´ihn natürlich nausg´schmissen. Stempel hat er auch keinen g´habt.“
Es war, wie man unschwer bemerkt, die Zeit, in der verschiedene Dinge noch nicht online erledigt wurden.

In beiden Fällen also konstatieren wir eine sogenannte Affektinkontinenz, sanfter formuliert auch als mangelnde Impulskontrolle: Explosionsartiges Anspringen eines Affekts, also einer Gefühlsreaktion auf äußere Ereignisse. Diesen unterliegen wir ja ständig, denn der Alltag macht uns mal traurig, mal froh, mal wütend, mal erschreckt oder sonst noch was. Nur: im Normalfall wird der Affekt durch etwas ausgelöst, führt zu einer „Erregungsspannung“ (so Freud) und baut sich dann ab. Es besteht also ein gewisser sinnvoller Proporz zwischen Erlebtem und Affektreaktion. Springen solche Affekte allerdings aus dem Nichts heraus an, und steigern sich spiralartig nach oben, bis ihre Intensität jeden sinnvollen Bezug zum Anlass überragt, dann wird es für die Umgebung höchst unangenehm. Plärrende Vorgesetzte, die sich in ihre Raserei regelrecht hineinsteigern, gehören dazu ebenso wie familiäre Haustyrannen, geifernde Nachbarinnen oder „launische“ Ehefrauen. – In allen diesen Fällen also liegt ein labiles Gemütsleben vor, das nicht mehr kontrollierbar ist, sobald der Affekt eingesetzt hat: Wut, Weinen, „hysterisches“ Lachen, etc.. Nicht selten kommt es zu Übersprungshandlungen – so beim Boss der Klientin die Verletzung der Körperdistanz als Machtdemonstration -, die impulsiv und unreflektiert ausgeführt werden. Häufig ist das Verhalten dem Betroffenen selber hinterher peinlich, auch wenn dies nicht nach außen gezeigt wird.

Was von der näheren Umgebung als unangenehm oder auch unverschämt erlebt wird, hat in aller Regel eine tiefere Ursache. Es kommen Persönlichkeitsstörungen in Betracht, aber auch hirnorganische Schädigungen, etwa durch Schlaganfall, Demenz, Hirnverletzungen oder auch Substanzmissbrauch (Alkohol, Drogen, Medikamente). – In meiner Gymnasialzeit hatten wir Jahre lang einen Lateinlehrer, der Dutzende zerbrochener Kinderseelen auf dem Gewissen hatte: Er verfiel bei den geringsten Anlässen in eine schäumende Raserei und machte Schüler dann nach allen Regeln der Kunst fertig, einige zerbrachen daran. Es ging das Gerücht, er habe im Krieg einen Kopfschuss erlitten, dafür sprach jedenfalls eine lange, vertikale Narbe von seiner rechten Schläfe bis zur Wangenmitte. Jedenfalls kann rückblickend das Vorliegen einer hirnorganischen Schädigung nicht ernsthaft bestritten werden. Interessanterweise hatte er nicht nur die Schüler eingeschüchtert, sondern auch Schulleitung und Kollegium, denn er besaß in unserer Schule eine unangefochtene Machtposition.

Nach Karl C. Mayers Glossar für Psychiatrie jedenfalls ist das Auftreten pathologischer Emotionsäußerungen immer ein Grund für eine neurologische Diagnostik. Deutlich genug also, aber auch hilfreich: Es unterstreicht die Vergeblichkeit der Versuche, mit solchen Menschen ein „klärendes Gespräch“ zu führen oder auf „gutes Zureden“ zu vertrauen. Dies führt höchstens dazu, dass den Betroffenen ihr Verhalten peinlich ist und sie – nicht selten beobachtet – sich nun exzessiv selbst beweinen. Am nächsten Ausbruch allerdings ändert dies nichts, er kommt so sicher wie Donald Trumps nächster Twitter. Bleibt also nur die fachärztliche Behandlung. Antidepressiva haben sich bewährt, bisweilen auch Dextramethorphan. Und damit ist klar: Das Veränderungspotential liegt ausschließlich beim Betroffenen der Störung. Lässt er sich behandeln, kann die Situation sich bessern. Andernfalls hilft nur ein Jobwechsel, denn niemand unterliegt der Pflicht sich in der Arbeit aufzureiben. Dies übrigens ergab sich schon während weniger Sitzungen für die Klientin: Sie kündigte. Erst danach fand sie die Möglichkeit, sich mit den Problemen zu befassen, die sie an einer adäquaten Verteidigungsreaktion gehindert hatten.