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Der „Uexküll“, ein 1300-Seiten-Wälzer und de facto die Bibel der psychosomatischen Medizin, zitiert das eindringliche Beispiel eines Arztes aus dessen klinischer Praxis: Er wird aufgesucht von einer Patientin, die er instinktiv ablehnt, weil ihr „ungepflegtes“ Aussehen, ihre Körperhaltung, Stimme und larmoyante Art der Selbstdarstellung ihm ordentlich auf die Nerven gehen. Je mehr die einfache Frau jedoch aus ihrem bitteren Leben erzählt, von ihren Demütigungen, ihren seelischen Misshandlungen und ihrer Hoffnungslosigkeit dem Leben gegenüber, desto mehr wird ihm  etwas klar: Das, was er fühlt, ist das, was die Frau über sich selber fühlt. Sie hat die lebenslange Ablehnung und Entwertung durch ihre Umwelt übernommen und strahlt sie nun unbewusst als ihre Selbsteinschätzung aus. Der Arzt wiederum hat dieses Gefühl anfangs genauso unbewusst von ihr übernommen und als sein eigenes empfunden. Da er aufgrund seiner Ausbildung gelernt hat sich zu reflektieren, kam er sich selbst und damit auch der Patientin auf die Schliche, wodurch es ihm möglich wurde, ihr empathisch zu begegnen und sie zu behandeln. Nun also fragt er sich nach den Zusammenhängen zwischen sozialer Zurückweisung, psychischer Kränkung und körperlicher Erkrankung.

Es ist ein ebenso illustratives wie erschreckendes Beispiel dafür, wie das Unbewusste der Frau mit dem Unbewussten ihres Gegenübers kommunizierte, und zu welchen Ergebnissen so etwas  zwangsläufig führt, wenn beide Partner NICHT gelernt haben sich selbst analytisch zu reflektieren. – Und das ist nun mal der Regelfall, besonders im Berufsleben, denn die analytische Ausbildung dauert Jahre. Legion sind die Mitarbeiter, die sich von ihrem/r Chef/in miserabel behandelt fühlen und es dennoch nicht schaffen, sich zu behaupten bzw. zur Wehr zu setzen. Ein bestimmter Cheftypus „riecht“ so etwas, und er nutzt es oft genug für seine eigenen narzisstischen Zwecke: Klein machen, um sich nicht selbst klein fühlen zu müssen. Entwerten, um sich über das Gefühl eigener Unsicherheit und/oder Wertlosigkeit hinweg zu retten. – Auf diese Weise wird der Vorgesetzte zur Angstfigur, wird dämonisiert und als übermächtig erlebt, während man selber sich ausgeliefert fühlt, wehrlos und – nicht zuletzt – wertlos. Nicht selten setzt dann noch Selbstverachtung ein, weil man sich das eigene Unvermögen zum Vorwurf macht. Falscher könnte es nicht laufen.

Eine solche Interaktion allerdings benötigt zwei Partner: den Kleinmacher und den, der signalisiert, dass so etwas mit ihm möglich und machbar ist. – Ich stelle dann gerne die folgende Frage: „Warum strahlen Sie nicht etwas aus, das dem anderen signalisiert, dass mit Ihnen nicht gut Kirschen essen ist?“
Die Antwort ist stets ungläubiges Schulterzucken. „Sowas kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“
Dabei ist die Frage essentiell: Wieso lasse ich mich behandeln wie Dreck? Was hemmt mich, den Spieß mal umzudrehen und ein paar klare Pflöcke einzuschlagen? Und nicht zuletzt: Warum verharre ich demütig in einer Situation, die ich als entwürdigend empfinde, und die mich regelmäßig bis in mein Privatleben, meinen Schlaf, meine Träume verfolgt? Manche brechen bei solchen Fragen in Tränen aus, nur Antworten haben sie keine.

Ich habe in einem früheren Essay einmal die These aufgestellt, die äußere Ausstrahlung einer Person sei die Widerspiegelung ihres inneren Zustandes und finde sie in meinen Klientengesprächen immer wieder bestätigt. Halten wir uns vor Augen, dass nur sieben Prozent der menschlichen Kommunikation verbal stattfinden, dann finden nun mal dreiundneunzig Prozent auf der nonverbalen Ebene statt. – Sprich: über unbewusst gegebene Signale. Was aber gibt der/die Betroffene in solch einem Fall von sich? Nichts anderes als seine/ihre meist unbewusste Selbsteinschätzung.  Das Gegenüber erkennt – genauso unbewusst -, dass jemand hier wenig von sich selber hält und freiwillig seine Kehle darbietet. Erzähle mir niemand, der Mensch verfüge über keine Raubtierinstinkte. Die Botschaft jedenfalls lautet: „Du kannst das mit mir machen, ich wehr´ mich schon nicht.“ Na gut, dann mach ich halt.

Aber gerade hier wird es ja spannend: Ausgewachsene, fachlich kompetente und im Beruf erfolgreiche Managerpersönlichkeiten beiderlei Geschlechts strecken die Flügel, weil sie anders „nicht können“. Sie stecken weiter ein, obwohl es sie gesundheitlich bis an die Bruchgrenze bringt. Sie leiden lieber anstatt sich zu behaupten. Finden sich erstarrt und haben alle Handlungsoptionen verloren. Und stützen damit den, der sie schädigt. Aber wieso denn, bitte schön?

Analysiert man die Verhaltensmuster dieser Klienten, zeigt sich eine deutliche sogenannte „aggressive Hemmung“: Das anmaßende Auftreten des Vorgesetzten müsste ja eigentlich wütend machen, doch in aller Regel wird diese Wut verdrängt. Ist genügend Wut verdrängt, schlägt sie regelmäßig um in eine depressiv-resignative Stimmung bis hin zur Erschöpfungsdepression. Abgesehen davon beginnt der/die Betroffene nicht selten, körperliche Beschwerden zu entwickeln: Vom Bluthochdruck bis zum HWS-Syndrom, von Magenbeschwerden bis zur Neurodermitis, von Frauenbeschwerden bis zum berüchtigten „Ring um die Brust“, sprich Atembeschwerden. Spätestens jetzt müsste eigentlich klar sein, dass da jemand in einem inneren Gefängnis sitzt und nicht mehr herausfindet. Dramatisch.

Bleibt also zu fragen: Warum? Was liegt auf dem Klienten wie eine Betonplatte, dass er/sie sich so passiv-defensiv verhält? Hinterfragt und analysiert man diese Muster, so finden sich ausnahmslos Kindheitserlebnisse. In aller Regel allerdings sind es nicht traumatisierende Einzelereignisse, sondern quasi die „Aufzuchtbedingungen“, die die heutige Haltung bewirkt haben: Diese Klienten haben früh gelernt, dass Fügsamkeit, zerknirschtes Schweigen und passives Hinnehmen die richtige Überlebensstrategie für ein Kind sind. Müßig also zu betonen, dass solche frühkindlichen „Erkenntnisse“ ihre Ursache darin finden, wie das Kind seinerzeit behandelt worden ist.

Sehr häufig finden sich autoritär-cholerische und affektinkontinente Väter, deren Erziehungsmethoden genau darin bestanden: Das Kind klein machen, sich selber aufblasen. Dem Kind Anerkennung und Wertschätzung verweigern und seinen Wünschen und Bedürfnissen mit Aggression, Drohung und anmaßender „Belehrung“ begegnen, die in Wirklichkeit nichts anderes ist als eitle Selbstinszenierung. Die Rolle der Mutter wird meist als passiv-beschwichtigend beschrieben, soweit sie nicht aktiv an den autoritären Exzessen teilgenommen hat. Man könnte auch sagen: die Mutter hat ihr Kind verraten.

Bei nüchterner Betrachtungsweise haben diese Kinder sich sehr klug verhalten. Mit dem kindlichen Instinkt für Überlebensnotwendigkeiten haben sie erkannt, was geht und was eben NICHT geht. Liebevolles Annehmen („Nie in den Arm genommen worden!“), Wertschätzung für die kindlichen Leistungen („Nie gelobt worden, immer nur runtergemacht!“), Respekt für die kindlichen Bedürfnisse („Leiste erst mal was, bevor du Forderungen stellst!“), alles Fehlanzeige. Mit kindlichem Pragmatismus wird erkannt, dass Stillschweigen, Folgsamkeit und duldend-klagloses Hinnehmen die Herabwürdigungen wenigstens reduzieren und eine seelisch verarmende Kindheit noch einigermaßen erträglich werden lassen. – Oder anders formuliert: Selbstgefällige Ärsche als Eltern sind alles andere als eine Seltenheit.

Und so kommt es, dass die bewährten, als Überlebensregel Nummer 1 ins Unbewusste übernommenen, kindlichen Muster im erwachsenen Berufsleben zu Problemen führen. Denn dort muss man sich wehren und Grenzen setzen: Respekt erwirbt man nur, indem man ihn sich verschafft.

Gelingt es allerdings, diese stets höchst individuellen Zusammenhänge aufzudecken und sie nicht nur vom Kopf her erklärbar, sondern auch von der Seele her erlebbar zu machen, stellen sich unweigerlich heftigste Gefühle ein, die ein Leben lang aufgestaut wurden. Sie zuzulassen und wahrzunehmen, wenngleich schmerzlich, ist der erste wichtige Schritt zu einer Veränderung zum Positiven. Diese allerdings kommt mit fast  absoluter Sicherheit und mit oftmals dramatisch positiven Ausmaßen.

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