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So gegen 18 Uhr abends war ich endlich mit dem Frühstück fertig und freute mich auf den frisch angebrochenen Tag. Ich war gegen vier Uhr nachmittags aus meinem vollgeschwitzten Schlafsack gekrochen – er war auf vierzig Grad minus ausgelegt und hier in der Hütte viel zu warm -, hatte den Ofen angezündet und mir ein paar Rühreier mit Salami gemacht, dazu das seltsam teigige norwegische Brot. Dann hatte ich mich in meine Arktisausrüstung hineingearbeitet und war alleine durch das Longyear-Tal und über den Longyear-Gletscher gefahren, das Fardalen entlang, südwestlich Richtung Coles Bay. Es hatte dichte, große Flocken geschneit, und ein paar Mal hatte ich gestoppt und die Maschine abgeschaltet, um ganz alleine die absolute arktische Stille zu genießen, während sich im Westen eine bedrohlich wirkende Wand aus Wolken und Nebel aufbaute. Auf meiner Rückfahrt drei Stunden später ging es wieder durch das Fardalen, und ich äugte voller Unbehagen auf die vollgeschneiten Steilhänge von Haberget und Finnesaksla. Wir hatten Ende April, der viermonatige arktische Tag war in vollem Gange, und die anwachsende Kraft der Sonne ließ den Schnee genauso weich werden wie die Oberfläche der Eisdecke auf den Fjorden. Eine Lawine, dachte ich mir, würde mir hier keine Chance lassen, und so gab ich Vollgas. – Einige Jahre später erwischte es dort einen jungen Mann auf seinem Motorschlitten in dunkler arktischer Winternacht. Er hatte keine Chance, falls er überhaupt noch kapierte, welche Hölle gerade über ihn hereinbrach.

Es ist so, wie die Arktis nun mal tötet: blitzartig und immer von hinten.

Zurück in meiner Hütte am Björndalen („Bärental“) wärmte ich mir die Knochen, kochte mir aus Schnee etwas Tee, in den ich wegen der Mineralien etwas Kochsalz gab, und kritzelte in mein arktisches Tagebuch, das bis heute als Heiligtum in meinem Schreibtisch liegt. Wer in die Arktis geht, der sollte sich freimachen vom Aktionismus des Zivilisationsbürgers. Es kommt nicht darauf an, möglichst viel zu erleben, sondern wie man es erlebt: hinterherjagen oder im Augenblick verharren können. – Übrigens eine Frage, die sich immer verschärfter für die heutigen Arbeitsbedingungen stellt; dabei hatte schon vor sechzig Jahren Konrad Lorenz das gehetzte Arbeitstempo unserer Gesellschaften als unphysiologisch beanstandet. Scheint niemanden zu interessieren.

Ich briet mir zwei Koteletts und aß sie mit den Fingern. Zwei Dutzend davon hatte ich vor meiner Hütte im Schnee vergraben, obwohl man das eigentlich nicht sollte, weil es die Eisbären anlockte, die Fleisch über mehr als dreißig Kilometer hinweg rochen. Satt und zufrieden blickte ich stundenlang auf den Eisfjord hinaus, auf die Tausende von Schollen, die an mir vorbeitrieben, von Raubmöwen kurz besucht, während die Schneeflocken darüber hinwegfegten. Die Robben fuhren oft Taxi auf ihnen, weil es Uber damals noch nicht gab. Der Anblick der Eismassen, die sich dahinwälzten wie ein Raubtier auf Beute, saugte mich magisch ein und die Stunden verstrichen lautlos, während ich dazu eine Pfeife rauchte. Die arktische Nachtsonne wird abends tiefrot und sie gießt unendlichen Zauber über eine tödliche Landschaft, der einen zugleich in Begeisterung und Melancholie versinken lässt. Gegen ein Uhr nachts bekam ich Lust auf einen weiteren Trip und wühlte mich wieder in mein Outfit hinein.

Das ist ein zeitraubendes Ritual, und manchmal nervt es einen auch. Pullover, Nierenschutz, Schal, Polaroverall, Filzstiefel, Überstiefel, Gesichtsmaske, Helm, Gürtel mit Messer und Waffe, Ersatzmunition, Signalraketen mit Abschussgerät, Wollhandschuhe, darüber die Pelzhandschuhe, Gletscherbrille, Notizbuch und Stift, Kompass, Karten, zum Schluss noch die Kameraausrüstung. Ich zögerte einen Moment, ob ich mir den Kamerakoffer antun sollte, doch siegte die Disziplin und ich zurrte ihn auf meinem Anhängerschlitten fest. Mitten auf dem Tisch hatte ich wie vor jedem Trip einen Zettel mit meiner beabsichtigten Fahrtroute hinterlassen. Falls die Arktis mich unerwartet verschlucken sollte, hätte der Suchtrupp einen Anhaltspunkt, wo meine Gebeine zu finden waren. Ich wollte an der Landebahn des Flughafens vorbei, den Adventfjord entlang und tief in das Adventdalen hinein, danach nordöstlich in das Eskerdalen, um mir nochmals in Ruhe  den gefrorenen Wasserfall anzusehen, an dem Tor mich vor ein paar Tagen ungeduldig vorbeigejagt hatte, als wir Richtung Ostküste unterwegs waren, um Eisbären zu fotografieren. Es war eine Strecke von sechzig Kilometern, und um diese Uhrzeit konnte ich sicher sein, dass ich alleine war.

Als illusionäre Verkennung bezeichnet die Psychiatrie eine Sinnestäuschung, die auf einer Fehlinterpretation realer Sinneseindrücke beruht: Es wird etwas Vorhandenes wahrgenommen – aber nicht als das, was es ist. Nachdem ich die ersten zehn Kilometer zurückgelegt hatte bis zur „Hotelnase“, erblickte ich auf dem Eis des Adventfjords ein Rentier in seinem weißen Winterfell, das ich nicht weiter beachtete, weil man ihnen ständig begegnete. Denn ich suchte gerade nach einer Stelle, von der aus man auf das Packeis des Advent hinunter fahren konnte, – gute zweihundert Meter vor dem Rentier, das gemütlich Richtung Siedlung marschierte. Während ich noch das Terrain sondierte, fand das Rentier einen großen braunen Karton auf dem Eis, vermutlich von einer Waschmaschine, hob ihn mit den Vorderpfoten ziemlich weit hoch und drehte ihn dort interessiert hin und her. Das kam mir irgendwie eigenartig vor, als ein erneuter Blick mir zeigte, dass mein vermeintliches Rentier ein Lebendgewicht von gut 500 kg mitbrachte, und dass seine zarten Pfoten einen Durchmesser von vierzig Zentimetern haben mussten. Ich muss unglaublich dumm ausgesehen haben in diesem Moment.

Einem Eisbären in der arktischen Nacht ganz alleine zu begegnen, ist ein überwältigendes Erlebnis, das man bis zum Lebensende nicht mehr loswird. Dazu war es mein erster „eigener“, denn die anderen hatte ich immer in Gesellschaft von Tor und einem weiteren Begleiter aufgesucht. Mein Puls erhöhte sich merklich. Und außerdem stellte ich fest, dass ich direkt vor dem abfallenden Ufer permanent im Kreis herum fuhr ohne es zu merken. Ich interpretierte es als den physischen Ausdruck der Ambivalenz, in die ich geraten war: Eine starke Angst ließ mich unbewusst umkehren, meine Neugier hingegen ließ mich wieder umkehren vom Umkehren. Noch sehr gut erinnere ich mich an das „Soll-ich-oder-soll-ich-nicht?“, das in meinem Kopf hämmerte. Denn wenn ich auf den Adventfjord hinunterfuhr, würde ich nicht weit vor dem Bären landen, der inzwischen unbeeindruckt weitergetrottet war. Richtung Siedlung, und das war gar nicht gut.

Es konnten auch um diese Tageszeit ein paar Leute unterwegs sein, eventuell sogar Kinder, die bestimmt unbewaffnet waren, wenn das Tier zwischen den Häuserzeilen nach Fressbarem suchte.

Als Ambivalenz bezeichnet man es, wenn der psychische Apparat gleichzeitig zwei Gefühle produziert, die einander diametral entgegen gesetzt sind: Angst und Neugier. Liebe und Hass. Kränkung und Vergebung. Ehrgeiz und Versagensängste. – Letzteres fast ein Dauerthema bei Führungskräften, wo es oft genug zum Selbstläufer wird und die Leute kaputt macht. Wenn sie dann nicht mehr können, landen sie auf meiner Couch. Meist haben sie ihre Entscheidungsfähigkeit verloren.

Über dem Fjord riss plötzlich die graue Wolkendecke auf und durch das kleine Loch am Himmel ergoss sich eine Flut roter Nachtsonne, die eine rosa leuchtende Lichtlake auf die Eisdecke zauberte. Der Eisbär trottete gerade darauf zu, und als er mittendrin stand, drückte ich auf den Auslöser. Es war nachts um halb zwei. Unter meinen Tausenden von Aufnahmen gehört diese immer noch zu meinen Lieblingsmotiven.

Obwohl mir arg blümerant war, gab ich mir einen Ruck und fuhr hinunter auf das Packeis des Adventfjords. Bald stand ich keine zweihundert Meter vor dem riesigen Tier, das verdutzt den Karton fallen ließ und mich anstarrte. Nicht aggressiv, sondern eher freundlich-interessiert, wie ich es – vielleicht auch aus Selbstschutz – empfand. Ich ließ die Kamera weg, denn ich wollte diese Augenblicke einfach genießen, und noch immer gehören sie zu den stillsten und intensivsten meines Lebens. Aber ich musste auch die Bewohner von Longyearbyen warnen, so wendete ich, gab Gas Richtung Siedlung, – und stoppte nach fünfzig Metern wieder, um rückwärts zu drehen und zu gucken. Der Bär beschnupperte neugierig meine Scooterspur, dann hob er den Kopf und wir hielten eine lange, lautlose Zwiesprache miteinander, in der zwei völlig fremde Welten sich zu bestaunen schienen. So wiederholten wir es noch mehrmals in Dreißigmeterschritten, – er und ich alleine auf dem Adventfjord, während das Wolkenloch sich wieder geschlossen hatte und erneutes Schneetreiben einsetzte.

Es war nach zwei Uhr morgens, als ich aufgeregt hechelnd bei Tor auftauchte, der mit zwei Besuchern vom Festland und einer Flasche Whisky in seinem Wohnzimmer saß. Mit drei Motorschlitten jagten wir dem Tier entgegen, das panisch kehrtmachte und Hals über Kopf den Fjord hinaus flüchtete, in Richtung meiner Hütte. Tor haute mir mit schiefem Grinsen die Pranke auf die Schulter: „Dank you! You will have a nice visitor, today!“ Dann rauschten er und seine Gäste davon. Ich fuhr mit einem ziemlich ausgeprägten Kloß im Hals zurück. Als ich den Übergang des Advent zum Eisfjord erreichte, sah ich weit draußen meinen ersten eigenen Eisbären nach rechts davonrennen, als ginge es um sein Leben. Er verlor sich im Weiß, und ich bog links ab.

Die Freiheit der Arktis besteht darin, Entscheidungen treffen zu können; ihre Gnadenlosigkeit besteht darin, dass sie diese oft erzwingt. Die Unfreiheit unseres aktuellen Arbeitssystems besteht darin, dass Individuen nicht selten verwaltet anstatt geschätzt und gefördert werden. Ich sehe es immer wieder bei Klienten, die sich aus einer belastenden Arbeitssituation nicht  mehr befreien können und sich darüber selbst verbrauchen. Man kann der Angst nachgeben und stillhalten, oder man kann das Risiko der Veränderung akzeptieren, um Neues und möglicherweise Einmaliges zu erleben.

Nichtstun ist die schlechteste aller Lösungen.