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„Ach, nu´ hören Sie mir auf mit dem Quatsch!“
„Nö.“
„Das wollen Sie mir doch jetzt nicht ernsthaft erzählen?“
„Es ist IHR Job, nicht meiner.“
„Blödsinn, sowas!“
„Sie haben doch die Ergebnisse, was brauchen Sie noch?“
‚Verstand‘, liegt mir auf der Zunge. Aber man bleibt ja höflich. Jedenfalls ziemlich lange.
„Ich kann mir das einfach nicht vorstellen!“
„So egozentrisch, wie Sie sind, kein Wunder.“
„Heut´ geben Sie mir aber die volle Ladung, oder?“
„Worauf Sie sich verlassen können.“

Im Umgang mit narzisstischen Charakteren hilft gelegentlich nur der Vorschlaghammer. Man muss sich durcharbeiten, durch diese Wand aus Selbstbezogenheit. Der provozierte narzisstische Absturz ist bisweilen Voraussetzung dafür, dass sich überhaupt etwas bewegt. Denn die Vorstellung, mal kurz zum Coach zu gehen, um die Leute besser klein halten zu können, ist weder realitätsnah noch zeugt sie von Verantwortung.

Nur, bei Günther bewegt sich erst mal gar nichts. – Das sollte es allerdings, denn der HR-Manager sitzt in der Tinte: Seit er den Job vor zweieinhalb Jahren übernommen hat, ist der Krankenstand in der Firma gestiegen. In letzter Zeit häuften sich Beschwerden über seine Art mit Mitarbeitern umzugehen. Günthers Patentrezepte für Probleme sind einfach zu buchstabieren: Druck und Abwertung. Manche Chefs poltern ja; Günther hingegen macht es mit eisiger Distanz und demonstrativer Uninteressiertheit am Gegenüber als Mensch. Er hat eine Aufgabe zu erfüllen, sagt er, und die erfüllt er nun mal, der Rest lässt ihn kalt. – Er macht die Leute krank, sagt der Betriebsrat, und Günther weist das natürlich empört zurück. Aber Krankenzahlen sind Fakten, und die Fakten besagen, dass irgendetwas ziemlich schief läuft in der Firma. Nun macht der Vorstand Druck, will Ursachen und Lösungen. Günther ist als Überflieger ins Unternehmen eingestiegen und fliegt gerade gegen die Wand.

„Also mach´ ICH die Leute krank? Lachhaft! Die sollen sich nicht so anstellen!“
Die stellen sich aber an, meist beim Betriebsarzt, und der schickt sie nach Hause. Infektanfälligkeit, Magenprobleme, Blutdruck, Herzstolpern, Kurzatmigkeit, Insomnie, – was „Simulanten“ sich halt alles so einfallen lassen.

Die berechtigte Frage ist natürlich, ob schlechte Behandlung – also das bewusste Übersehen elementarer seelischer Bedürfnisse im Arbeitsleben – jemanden krank machen kann, oder ob er/sie sich nur „anstellt, um nicht arbeiten zu müssen“. Ich persönlich wundere mich oft, wie wenig manche Unternehmen sich um ihre Betriebskultur kümmern. Tatsächlich könnte ich aus dem Stand heraus eine ganze Reihe von Firmennamen aufsagen, wo mich schon fröstelte, als ich am Empfang stand. In einem Falle gab es sogar bestimmte Worte, deren betriebsinterne Nennung tatsächlich verboten war. („Damit machen Sie sich hier keine Freunde, wenn Sie das sagen.“) Nun steht es Jedem frei, seine Mitarbeiter klein zu halten und sie als reine Nutzgrößen zu betrachten, die nach Verschleiß beliebig ersetzt werden können. Ob es Ausdruck vorausschauenden Unternehmertums ist und ins 21. Jahrhundert gehört, lassen wir mal offen.

Dem Volksmund war immer klar, dass eine schlechte Arbeitsatmosphäre einen Menschen genau so krank machen kann („Sein Vorgesetzter, der hat ihn auf dem Gewissen!“) wie eine unglückliche Partnerschaft („Die Frau, die hat ihn ins Grab gebracht!“) Allerdings ist die Frage berechtigt, ob es darüber hinaus auch wissenschaftlich belegbare Aussagen gibt. – Und die gibt es seit einiger Zeit. Das noch relativ junge Forschungsgebiet, das allerdings schon erstaunliche Ergebnisse zutage brachte, heißt Psychoneuroimmunologie.

„In den letzten drei Jahrzehnten wurde klar, dass Psyche, Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem nicht unabhängig voneinander betrachtet werden dürfen, sondern im Hinblick auf ihre wechselseitigen Abhängigkeiten zu untersuchen sind.“, formulieren es Schubert/Zänker/Niggemann/Schüßler. – Genau genommen ein harter Bruch mit der herkömmlichen, eher mechanistischen Sichtweise der klassischen Medizin. Diese Wissenschaft hat sich „in den letzten zehn Jahren verstärkt mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit psychosozialer Stress den für eine angemessene Immunabwehr notwendigen Differenzierungsprozess in Th1 und Th2 stören kann und wie sich dies auf die Entwicklung verschiedener Krankheiten auswirkt.“ – Eingedeutscht: Inwieweit Stress, Schikane, Niedergeschlagenheit und das Gefühl von Ausgeliefert-Sein das Immunsystem an der Bekämpfung von Erregern und Entzündungsprozessen hindern.

Nachdem der amerikanische Psychologe Robert Ader 1974 experimentell nachwies, dass das Immunsystem mit dem zentralen Nervensystem zusammenarbeitet und lernen kann, ist die Psychoneuroimmunologie zu einem der bedeutendsten Gebiete moderner medizinischer Forschung geworden. Botenstoffe des Nervensystems wirken auf das Immunsystem, und Botenstoffe des Immunsystems wirken auf das Nervensystem, und zwar über die  Schnittstellen Gehirn/Hypophyse, Nebennieren und Immunzellen. So docken Neuropeptide an Immunzellen an und beeinflussen die Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung von Makrophagen. – Damit also wird eine Erklärung für die anfangs so vielgeschmähte Psychosomatik möglich: Warum und wie wirken psychologische und psychotherapeutische Prozesse sich nachweisbar (!) auf körperliche Funktionen aus?

Die Antwort: Das „Open-Window-Phänomen“. Chronischer Stress führt beispielsweise zum Absinken der Konzentration von sekretorischem Immunglobulin A im Speichel und zur vermehrten Ausschüttung von Glukokortikoiden, die die Immunabwehr dämpfen. Kortikosteroide hemmen die Zytokin-Produktion. Sie vermindern darüber hinaus die Reaktivität von T- und B-Lymphozyten und die Aktivität der natürlichen Killerzellen. – Ergebnis: Gesteigerte Infektionshäufigkeit durch das so entstehende „Open Window“ im Immunsystem. Virale Infektionskrankheiten, Wundheilung, Allergien, Asthma, Autoimmunkrankheiten, Rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose, Lupus erythematodes, Zahnfleisch, Herz, Krebs, – es liegen wissenschaftliche Ergebnisse vor, die den Zusammenhang nahelegen. Man staunt und zugleich doch wieder nicht, denn irgendwie hat man´s ja immer gewusst: Mehr Krankheiten infolge verschlechterter Immunabwehr. Verschlechterte Immunabwehr infolge von psychischer Belastung. Mehr psychische Belastung durch schlechte Behandlung am Arbeitsplatz.

Günther musste einen langen Weg gehen. Wir konnten herausarbeiten, dass die kalte Verachtung, mit der er seine Mitarbeiter behandelte, der kalten Achtlosigkeit entsprach, mit der seine beiden ehrgeizigen Eltern ihn behandelt hatten: Kein Kind, sondern ein Dekor, das den Status hob und sich ansonsten einzuordnen hatte – sprich: bedürfnislos unterzuordnen – in die Karrierepläne von Vater und Mutter, deren gemeinsame Anwaltskanzlei reüssierte. Sie hatten Erfolg und wurden groß. Das seelisch vernachlässigte Kind, dessen Wut nie jemand hörte, nahm später seine Rache an denen, die nun endlich von ihm abhingen. Als Günther die Zusammenhänge nicht nur erfasst, sondern auch unter großem Schmerz emotional verarbeitet hatte, erkannte er die eigene Schwäche und verlor seine panische Abneigung gegen Schwäche und Abhängigkeit, deren Kehrseite sein eisiges Verhalten stets war: Er wollte sich nicht davon berühren lassen, weil es in ihm selber viel zu viel berührte. – Dennoch, die Situation im Betrieb war schon so verfahren, dass er sich erschöpft zu einem Ausstieg entschloss, – und darüber hinaus zu einem Sabbatical, während dessen er sich selber neu sortieren wollte.

Wäre ich Personalchef, so wäre ich peinlich darauf bedacht, dass es meinen Leuten gut geht. Es senkt Krankenstände und allgemeine Betriebskosten, reduziert die Fehleranfälligkeit, steigert die Produktivität, verbessert die Arbeitsatmosphäre. Und nützt damit nicht zuletzt der Gesundheit und Karriere des Personalchefs.