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„Die Katze.“, sagt Henny.

„Klar.“
„Niedlich ist sie ja. Aber manchmal bissl ungezügelt.“
„Kann auch an dir liegen.“
„Blödmann.“
Die selbständige Jenny hat etwas an meiner Website umprogrammiert, ihr Honorar kassiert, und nun blubbert sie noch ein bisschen belangloses Zeug, bevor sie den Rest Streuselkuchen vertilgt und geht. Die vollständig verbundenen Unterarme birgt sie sorgfältig in den Blusenärmeln. Die Katze ihrer Freundin, die sie angeblich so zugerichtet hat, muss Krallen haben wie Filetiermesser.

Ich bin ganz froh, dass es friedlich abging: Ein falsches Wort nämlich, und die zauberhafte und liebenswürdige Jenny rastet unerwartet aus. Empörung wird zu Wut, aus Wut wird ein hassverzerrtes Gesicht, aus dem Schwall anklagender Unterstellungen wird schäumende Rage, der auf keine Art mehr beizukommen ist. – Ein Selbstläufer, zerstörerisch wie eine Schlammlawine. Ungebremst, da unbremsbar, stundenlang, und notfalls bis weit nach Mitternacht. Aki hat es mir erzählt, bevor er aus der gerade erst begründeten Partnerschaft mit der gerade noch so zärtlichen Jenny panisch floh. Eine Zeit lang feuerte sie ihm noch kräftig hinterher.

„Verstehst du, ich hab´s schlicht nicht kapiert. Ich weiß bis heute nicht, wieso das eigentlich losging. – Aber Junge, sowas HAB ich ja noch nicht erlebt!“
Zwei Tage später rief sie ihn an und ritzte sich am Telefon die Unterarme mit einem Teppichmesser. Und, wie er mir erzählte, die Oberschenkel. Sie wollte, dass er es mitbekam, aber Aki legte auf. Hinterher sandte sie ihm per WhatsApp Videoclips ihrer blutenden Schenkel und Arme, untermalt von Jennys heftigem Atmen und Schmerzstöhnen. Offenbar sollte er sich schuldig fühlen. Er blockierte ihre Nummer und ihre Emailadresse.

Als ich in Bonn noch Agenturchef war, betreute ich den Etat eines weltweiten Pharma-Konzerns. Dem Wunsch des Product-Managers folgend, sandte ich ihm ein Angebot über die kurzfristige Entwicklung einer Broschüre, ausnahmsweise inklusive Druck, obwohl dieser normalerweise von einer eigenen Abteilung im Konzern erledigt wurde. Aber es sollte schnell gehen. Ich erhielt den schriftlichen Auftrag und kurz darauf den Anruf eines mir bis dato nicht bekannten Managers aus der Produktionsabteilung namens Langer, der mich im Brüllton für meine „Frechheit“ zusammenstauchte, diese Broschüre doch glatt an ihm vorbei zu produzieren. Als ich ihm antwortete, dies sei der explizite Wunsch seines Hauses gewesen und wir hätten einen schriftlichen Auftrag, brüllte er, bis sich seine Stimme überschlug. Ich schien unwissentlich fremdes Territorium verletzt zu haben. Als ich mich zähneknirschend entschuldigte, nur um den sinnlosen Konflikt nicht völlig außer Kontrolle geraten zu lassen, brüllte er einfach weiter.

Der Product-Manager, dem das Ganze unheimlich peinlich war, organisierte ein gemeinsames Treffen, und kaum dass ich den Mund aufmachte, brüllte Langer schon wieder, brüstete sich mit seinen Kontakten zum Vorstand und erklärte mir mit Schaum vor dem Mund, er werde mich „vörrrrnöchten!“ – Wohlgemerkt: weil wir wunschgemäß eine Leistung angeboten hatten und entsprechend beauftragt worden waren. Mir war ziemlich schnell klar, dass ich hier mit einem ausgewachsenen Psychopathen zu tun hatte. Umso mehr als der Product-Manager mir hinterher zuraunte, das laufe mit dem hier ständig so.

Interessanterweise, aus dem Nichts heraus und ohne jeden Anlass, versiegte das Gebrüll, als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt. Langer wurde zuckersüß und verabschiedete mich so herzlich wie einen alten Freund, wobei er mir interessanterweise nicht in die Augen sah. Der Psychopath, so schien es, hatte sich entladen und war nun wieder friedlich.

Die emotionale Instabilität mancher Menschen, die anlasslos in eine hasserfüllte Raserei geraten, ist für ihr Umfeld nicht dauerhaft zu ertragen, sei es im Job oder in der Partnerschaft. Tatsächlich ist es so, dass sie einem das Leben zum blanken Irrsinn machen können und ein unbewusstes Potential in sich tragen, das nur eine Richtung kennt: alles um sich herum auszusaugen und zu zerstören. Wobei ihnen jedes Gefühl dafür fehlt, was sie anrichten, denn ihre inneren Defizite sind riesig und damit auch ihre Egozentrik: Sie tragen von Kindheit an eine überwältigende Angst mit sich, verlassen zu werden, die so stark ist, dass ihre menschlichen Beziehungen daran scheitern und sie am Ende verlassen oder gar verstoßen werden. Die Borderline-Störung ist eine Hölle: Für die, die sie haben, nicht weniger als für die Menschen im direkten Kontakt mit ihnen.

Der US-Psychoanalytiker Otto Kernberg, zu Recht als Borderline-Papst betrachtet, hat brillante Arbeiten zu dieser Störung veröffentlicht, deren Diagnose weitaus diffiziler ist als der zum Modewort degenerierte Gebrauch der Bezeichnung für menschlich schwierige Fälle. Die auffallend geringe Angst- und Frustrationstoleranz mit entsprechend niedrigem Selbstwertgefühl benennt er hier ebenso wie die fehlende Impulskontrolle und die fehlende Empathie. Nicht zuletzt auch ausgeprägte Paranoia sowie Größen- und Omnipotenzphantasien („Wenn ICH hier etwas zu sagen hätte, …“) stehen einer panischen Angst vor Zurückweisung gegenüber, desgleichen die Neigung zu Machtspielen, exzessiver Kontrolle (heimliches Schnüffeln auf dem Handy und in Emails!) sowie manipulativem Verhalten: Da ein Borderliner nicht vertrauen kann, muss überwacht, kontrolliert und gesteuert werden. Fehlt noch das Gefühl innerer Leere, das die Sinnkrise bis zum appellativen Suizidversuch steigern kann.

Schockierend sind oft die selbstschädigenden Aktionen wie z.B. Ritzen, Kopf gegen die Wand schlagen, Faustschläge gegen Türrahmen, Substanzmissbrauch, Geldverschwendung und Risikosucht wie etwa halsbrecherisches Autofahren. Oft werden sie begründet mit dem Wunsch, sich selbst zu spüren, und dennoch sind sie auch von unübersehbarer Appellcharakteristik: Sieh mich an! Spür mich in meiner Verzweiflung! Ich muss an die Extreme, denn nur dort spüre ich etwas wie Leben in mir!

Am prägnantesten aber bleibt das blitzartige Kippen der Stimmung in eine Orgie aus Hass, die sich nicht selten bis in präpsychotische Zustände steigert: Der Betroffene wandert dann tatsächlich auf der „Borderline“ zwischen Neurose und Psychose, verliert sich im Wahnhaften, kehrt aber nach einiger Zeit wieder zurück. Umso verblüffender, dass solche Menschen in ihrem weiteren sozialen Umfeld oft sehr geschätzt werden für ihre Freundlichkeit und ihr Engagement: ihre dunkle Seite, ihre Maßlosigkeit, die richten sie auf den engsten Zirkel, – den Partner, die Familie und bisweilen auch die Arbeitskollegen. Je näher, desto größer die Verlustangst, könnte man sagen.

Was also führt zu solch einer Störung, die noch bis vor wenigen Jahren von Psychiatern als „infaust“ betrachtet wurde, als nicht behandelbar? Schwierig. Obwohl teilweise eine Vererbbarkeit angenommen wird, sind Borderline-Gene bisher nicht identifiziert worden. Eine Metaanalyse von Studien mit Gehirnscans aus 2014 wies auf Unterfunktionen im präfrontalen Cortex; Hippocampus und Amygdala zeigten ein tendenziell reduziertes Volumen.

Eine Langzeitstudie von über 6.000 Kindern Anfang der Neunziger ergab, – wen wundert´s -, dass feindseliges Verhalten der Eltern und deren Streit die Wahrscheinlichkeit von Borderline bei den Kindern erhöhen: Letztlich also wird Wut von einer Generation auf die nächste übertragen. Sehr interessant, wenn man sich Kernbergs schon 1975 veröffentlichte These ansieht: Danach verfügen Borderline-Patienten über „sowohl ein negatives Vater- als auch Mutter-Introjekt.“

Ein Kind, das sich geliebt fühlt, nimmt im Wege der Identifikation dieses positive Bild von Mama und Papa als lebenswichtiges Element in seiner kleinen Seele auf: Mama ist lieb, Papa ist auch lieb, mir geht´s gut. Beide also sind positiv besetzt und ermöglichen eine gesunde seelische Entwicklung. Sind Mama und Papa aber streitsüchtige oder kalte, herrische, gewalttätige Monstren, dann verursachen sie große Angst. Doch mit jemand, der mir so Angst macht, identifiziere ich mich nicht als Kind, sondern halte inneren Abstand. (Eine lebenslange Haltung übrigens, die Distanz und der schnelle Kontaktverlust.) Die liebevolle Identifikation also entfällt, stattdessen werden das Mutter- und Vater-Imago in die kleine Kinderseele regelrecht hineingerammt: introjiziert. (Lateinisch introicere: hineinschießen). Die Seele entwickelt sich nicht mehr nach Bauplan, sondern wird so beschädigt, dass sie verkrüppelt und wesentliche Funktionen des psychischen Apparats ausfallen. – Remember: Das ist nur einer der Faktoren, die zur Borderline-Störung führen, aber nach meiner Überzeugung ein eminent wichtiger.

Seit 2009 gibt es nun vier Behandlungskonzepte, die als vielversprechend gelten. Wenngleich eine Heilung nicht erzielt werden kann, wird die Krankheit spürbar vermindert, insbesondere reduziert sich die Selbstschädigung. – Eine ermutigende Entwicklung! Denn, wenn etwas mich an Borderlinern stets berührt hat, dann war es ihre offen liegende Verwundbarkeit, gerade in Situationen der Rage. Wut und steter Schmerz, Hass und Verzweiflung, und der Blick auf offen liegendes Fleisch, – nicht nur körperlich nach der Selbstverletzung, sondern seelisch de facto als Dauerzustand. Sie sind die Leidenden erster Ordnung.

2 Kommentare

Wolfgang Meixner – 25. Oktober 2017

Interessanter Beitrag. Könnten Sie Literaturhinweise zu den erwähnten vier Behandlungskonzepten geben, die es seit 2009 gibt. Herzlichen Dank! Wolfgang Meixner

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