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„Rosenstein ist eigentlich ein Top-Mann.“, sagt der HR-Manager auf meiner Couch. „Wenn Sie den auf ´nen Kunden ansetzen, kommt der nie ohne Auftrag zurück. Der findet für alles ´ne Lösung!“
„Aber?“
„Na, wie soll ich´s sagen…“ Lippen schürzen sich nervös. „Er ist jetzt ein gutes halbes Jahr bei uns und hat ziemlich eingeschlagen. Aber er macht sich immer wieder unbeliebt. Und ich hab Sorge, dass mir da irgendwann das Team nicht mehr mitspielt.“
„Was macht er denn?“
„Sie halten mich aber nicht für verrückt, oder?“
„Bestimmt nicht.“

Da überlegt einer, sucht nach Worten, würgt.
„Also… die Beschwerden häufen sich, dass der… dass der… immer wieder so seltsam ausrastet. Dann wird er total albern, lacht wie irre herum… nuja, ich genier mich ja fast: dann grunzt er! Rempelt Kollegen an! Und wird richtig aufdringlich und impertinent! Und hampelt dazu mit den Armen. – Anders kann ich´s echt nicht sagen.“
„Und ist nicht zu bremsen?“
„Der reagiert auf NIX! Gar nix! Bis es auf einmal wieder vorbei ist. – – Die Leute haben sich damit eingerichtet, aber glücklich sind sie natürlich nicht damit. Haben Sie denn eine Erklärung?“

Nun ja, Georges de la Tourette scheint zu grüßen. Das weitere Gespräch vertieft den ersten Eindruck.
„Und dann schleudert der Kerl die ordinärsten Ausdrücke durch die Gegend und schneidet dazu noch Grimassen! – – Aber wie gesagt: beruflich eine echte Granate, sonst hätt ich ihn ja schon längst hinausgesetzt!“

Als Teenager hatte ich einen Schulkameraden namens Harry, mit dem ich viel Zeit verbrachte, bis ich am Ende die Lust dazu verlor. Man konnte gute Gespräche mit ihm führen, teilte die Begeisterung für Cream, Jimi Hendrix, Spencer Davis, John Mayall und Fleetwood Mac und versuchte gemeinsam, die Gitarrengriffe der neuesten Hits von „The Who“ herauszufieseln. Bis er unversehens anfing zu grimassieren, auf unangenehmste Weise Körperkontakt zu suchen, indem er einem den Ellenbogen buchstäblich in die Körperseite trieb und dazu völlig überdreht lachte. Verbat man sich sein Benehmen, so ignorierte er dies. Schließlich prustete er ordinärste Ausdrücke des Gossenslangs hervor, eine sexualisierte Fäkalsprache, die ihm auf den Lippen förmlich explodierte. Es wurde mir schließlich so unangenehm, dass ich den Kontakt zu Harry abbrach. Dennoch war er bei Vielen gut angesehen, denn er war ein exzellenter Rock-Bassist voller toller Einfälle, um den sich damals viele Bands rissen. – Bis sie ihn wegen seines schwierigen Naturells und seiner Ausfälle am Ende wieder hinaussetzten. Harry studierte Volkswirtschaft nach dem Abitur. Als einer aus unserem Jahrgang ihm fünfundzwanzig Jahre später begegnete, war er Taxifahrer. Erst viel später las ich in der wissenschaftlichen Fachliteratur über das Tourette-Syndrom.

In der Tat ein eigenartiges Syndrom, das man klinisch bei den sogenannten „Tic-Störungen“ einordnet: Vermutet werden Stoffwechselstörungen im Gehirn, wohl vorwiegend im Striatum, einem zentralen Element der sogenannten Basalganglien, die einen elementaren Stellenwert für den frontalen Teil des Gehirns haben, und die das Zusammenwirken von Motivation, Emotion, Kognition und Bewegungsverhalten auf neuronaler Ebene realisieren. „Tics“ begegnet man immer wieder mal, sei es als krampfartiges Augenzwinkern, Schulterreißen, Kopfbewegungen oder Lautäußerungen, über die der Betroffene keine Kontrolle hat. Betroffen sind 0,3 bis 0,9% der Kinder, Jungen weit häufiger als Mädchen. Zu einem geringen Anteil verliert sich das Störungsbild im Erwachsenenalter. Die Umwelt reagiert oft sehr verärgert auf die hingeworfenen Obszönitäten, eine sogenannte Koprolalie. Nicht weniger nervt den Uninformierten, wenn er veralbert und nachgeäfft wird (sog. Echopraxie).

Dabei sollte man nicht vergessen: die Betroffenen sind nicht Vorsatztäter, sondern Kranke. Und sie sind in der misslichen Lage, dass es bis heute noch keine kausale Therapie für ihre Störung gibt. So müssen sie nicht nur mit dieser leben, sondern auch mit den oft recht feindseligen Umweltreaktionen. Doch meist hat ein Ding ja zwei Seiten: Beim sogenannten „phantasmagorischen Tourette-Syndrom“ sind die Betroffenen mit einer weit überdurchschnittlichen Kreativität gesegnet, die sie als Musiker oder auch auf anderen künstlerischen Gebieten befähigt. Schnelle Bewegungen, etwa als Drummer in einer Rockband („Heavy drums“), dienen der Spannungsabfuhr; die besondere Fähigkeit, Abläufe x-mal fehlerfrei zu wiederholen, schienen Harry´s Begabung am Bass zu prägen: „Der Bass, der läuft wie eine Maschine!“, war ein häufig zu hörender Kommentar. Typischerweise auch hatte er während der Vorstellungen keinerlei Anfälle, denn die Musik ermöglichte Harry die Abfuhr seiner destruktiven Energien.

Auch Rosenstein schien eine phantasmagorische Begabung zu haben, denn er war ein unschlagbarer Vertriebsmann, der den Verkaufsprozess so internalisiert hatte, dass er ihn förmlich lebte. Kollegen sagten, er sehe den Verlauf eines Verkaufsgesprächs und die Kundeneinwände regelrecht voraus. Bezeichnenderweise gab es niemals auch nur den Hauch einer Beschwerde von Kundenseite, denn dann war er in seinem Element und baute die innere Anspannung ab, die ihn während der internen Betriebsabläufe immer wieder zum Ausklinken brachte, so seltsam einen das auch anmutete.

„Also, was raten Sie mir?“
„Zuallererst einmal zu menschlichem Respekt.“
„Wie bitte?“
„Wenn er einen Unterschenkel verloren hätte, wäre es leichter für ihn. Das würde jeder erkennen.“

Es gab ein vertrauliches Gespräch Rosensteins mit seinem Vorgesetzten, in dem sichtbar wurde, wie sehr er selber unter dem litt, was er anrichtete. Man verständigte sich darauf, ihn von internen Abläufen so weit wie möglich zu entlasten. Die Betroffenen KollegInnen hingegen über sein Syndrom zu informieren, verbat er sich, er empfand es als zu entblößend. So blieb er immerhin noch anderthalb Jahre, in denen er sehr gute Ergebnisse zeigte, bevor er einem neuen Angebot folgte und die Firma verließ.

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