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„Es geht ja genau genommen gar nicht um mich.“, sagt die Klientin, die um einen kurzfristigen Termin gebeten hat. Sie sitzt zusammengesunken, wirkt verschüchtert, mutlos und sehr belastet. „Obwohl ich Sie derzeit auch ganz gut brauchen könnte.“
„Um wen geht es denn?“
„Um meinen Mann. Ich blicke nicht mehr durch. Ich mache mir solche…“ Und schon fließen die Tränen. „Bitte entschuldigen Sie!“
Als ob es da etwas zu entschuldigen gäbe.

Die Klientin ist Anfang Vierzig und im öffentlichen Dienst, ihr Mann ebenfalls. Beide sind seit neun Jahren in zweiter Ehe miteinander verheiratet. Die Beziehung wird als glücklich und intensiv geschildert. Doch was ist nun das Problem?
„Ich hab mir anfangs gedacht, vielleicht hat er eine andere, weil er immer komischer wurde. Oder er ist unglücklich mit mir.“
„Was meinen Sie mit ‚immer komischer‘?“
„Er saß… er sitzt… oft da… und ist ganz weit weg, ich kann ihn überhaupt nicht mehr erreichen. … Und dann sieht er krank aus,… irgendwie mitgenommen… leidend…“
„Hat er gesagt, was ihn beschäftigt?“

Sie zögert lange. „Es muss aber wirklich unter uns bleiben.“
„Nichts verlässt diesen Raum.“
„Also… er hat vorgestern zum ersten Mal mit mir darüber geredet: Er hat Angst, wahnsinnig zu werden. Er war richtig verzweifelt. – – – Und ich natürlich auch. Ich habe ihm gesagt, er soll zum Arzt gehen, aber er befürchtet, dass sie ihn dann einweisen. – Da bin ich auf Sie gestoßen.“

Weitere Fragen ergeben: Der Ehemann, beruflich ein Mitglied der zweiten Führungsebene, hat zusehends öfter „so ein seltsames Gefühl, als wär ich nicht mehr ich selber. Als würd ich neben mir stehen und beobachten, was mit mir passiert.“ Dabei fühlt er sich extrem angespannt. Die heftigen Spannungsgefühle wirken auf ihn, „als kämen sie von einem anderen Stern. Das bin jedenfalls nicht mehr ich.“
„Was meinen Sie, ist mein Mann dabei, wahnsinnig zu werden?“
„Einen Wahn würde er nicht als solchen erkennen, sondern davon überzeugt sein. Er erlebt sich ja eher als gespalten… – Hat er noch weitere Wahrnehmungen?“

Und wieder fließen die Tränen. „Er sagt, wenn er das hat, dann kommt ihm alles um ihn herum unwirklich vor. Als wär die Wirklichkeit auf einmal durchsichtig-grün eingefärbt, sagt er. Alles wirkt fremd und unerreichbar. – Ja, unerreichbar, das hat er gesagt.“

Es war im April 1983, als ich mit drei Norwegern die Nordspitze von Spitzbergen über das Inlandeis erreichte. Auf der Rückfahrt stürzte ich mit meinem Schneemobil einen Steilhang hinunter und überschlug mich zweimal. Ich schlotterte am ganzen Körper, als ich nach einer halben Minute Bewusstlosigkeit wieder aufstand. Von der Gewalttour bereits extrem erschöpft, hatte ich noch einen langen Trip über mehrere Gletscher vor mir, – infolge der Beschaffenheit des Terrains oft ein Rodeoritt. Irgendwann, verloren in der weißen Wildnis, müde, ausgebrannt und benommen, saß ich hinter mir auf der Maschine und begann mich selber von außen zu erleben. Auch die lebensfeindliche Umgebung, die ich durch seltsame Nebelfetzen wahrnahm,  war auf einmal ganz weit weg von mir und begann doch gleichzeitig auf mich einzureden. Eine Kakophonie hämmernder Gedanken und Gefühle, während mein Gehirn mit jeder Bodenwelle auf und ab hüpfte wie ein Stück Butter. Nach vierzehn Stunden Fahrt war ich überzeugt, meine drei Begleiter hätten mich absichtlich hierher gebracht, um mich fertig zu machen, weil sie scharf waren auf meine teuren Kameras, und ich war entschlossen, mich mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. – Kein ungefährlicher Zustand, wenn man eine großkalibrige Waffe am Gürtel trägt. Nach einer Gewalttour von vierundzwanzig Stunden, in denen mir jeder Bezug zu mir selbst und meiner Umgebung entglitten war, erreichten wir schließlich unsere Hütte im Gipstal. Ich brauchte gut drei Stunden, bis die gewaltigen Sturmwellen in meiner Psyche sich halbwegs gelegt hatten, während meine Begleiter längst ausgepowert vor sich hinschnorchelten.

„In der Depersonalisation fühlt sich der Mensch in seiner Ich-Wahrnehmung und Identität verändert. Er empfindet sich als fremd, in sich gespalten oder gar gedoppelt, als neben sich stehend oder weit entfernt. Auch die Gefühle können als fremd, wie von anderen gesteuert, erlebt werden.“, beschreibt es der Psychosomatiker Prof. H.H. Studt vom Klinikum Benjamin Franklin in Berlin. „Bei etwa der Hälfte der Patienten tritt auch eine Derealisation auf: Eine Störung der Realitätswahrnehmung, so dass bekannte Gegenstände, Menschen und die weitere Umwelt als fremd und unwirklich wahrgenommen werden.“ – Die Ursachen sind vielfältig, und sie reichen von den Reifungskrisen der Pubertät über Schreckeinwirkungen und schwere Konfliktsituationen bis zu Neurosen, Borderline-Syndrom, beginnender Schizophrenie, endogener Depression, Epilepsie und hirnorganischen Störungen. – Von Drogenwirkungen mal ganz abgesehen.

Es war also mit einiger Besorgnis anzunehmen, dass der Ehemann eine Depersonalisations-  und Derealisationssymptomatik entwickelt hatte. Umso mehr, als er offenbar schon längere Zeit unter extremem beruflichen Druck stand, da er aus parteipolitischen Gründen in seiner Behörde kaltgestellt werden sollte. Von der Ehefrau als eher ruhig und introvertiert beschrieben, schien er unter massivem Leidensdruck zu stehen, den er in einer Mischung aus Gehemmtheit und dienstlicher Loyalität nicht sichtbar werden lassen wollte. Die beschriebenen Zustände jedenfalls waren schon mehrmals aufgetreten. Nach meiner Meinung ein Alarmzeichen.

„Und? Was raten Sie mir?“
„Überzeugen Sie ihn, schnellstmöglich einen Facharzt aufzusuchen. Das hier ist keine Sache für einen Coach.“ Es war dringend abzuklären, ob eine ernsthafte Grunderkrankung vorlag. Erst nach deren Ausschluss konnte überlegt werden, mögliche Fehlhaltungen zu bearbeiten, die zu der persönlichen Belastungssituation geführt hatten.

Es gab, wie ich erfuhr, einen veritablen Ehekrach. Doch wer die Persistenz von Partnerinnen kennt, wird nicht überrascht sein, dass der Gatte sich am Ende einsichtig zeigte. Es wurde eine beginnende psychische Erkrankung diagnostiziert, die sich medikamentös gut einstellen ließ. Sie führte zu einer einjährigen Krankschreibung des Gatten, da Krankheit und Medikation seine Leistungsfähigkeit stark herabsetzten. Danach arbeitete er sich wieder vorsichtig ein und erreichte nach einigen Monaten wieder sein vertrautes Leistungsniveau.

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1 Kommentar

Broz Manuela – 28. August 2017

Grüezi Herr Spaeth

Ich mag Ihre Geschichten und die Art und Weise, wie Sie schreiben! Das wollte ich Ihnen einfach sagen.

herzliche Grüsse Broz Manuela

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