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„Das müssen die doch merken, dass ich nicht mehr kann! Sowas spürt man doch!“
Dietmar, ein ambitionierter Jungmanager, der sich im neuen Job völlig verschätzt hat, wirkt ziemlich ausgelutscht. Doch delegiert er die Verantwortung für seinen Zustand auf die Führungsebene und verweigert die Verantwortung für sich selbst: Die, die ihn eingekauft haben, müssen auch dafür Sorge tragen, dass es ihm gut geht. Nur, irgendwie tun sie das nicht. Und da sie sich dieser Aufgabe entziehen, geht es ihm jetzt schlecht: Innerhalb der ersten acht Wochen hat er sich schon aufgearbeitet.

„Seit ich in dem Job bin, schlaf ich auch nicht mehr. Ich lieg´ die meiste Nacht wach, in so nem nervösen Halbschlaf, und ständig geht mir so wirres Zeuch durch den Kopf. Nix konkretes irgendwie, aber ich bin ständig überdreht.“
„Was für Gedanken sind das?“
„Die sind nach dem Aufwachen wieder weg.“
„Was sagt Ihr Hausarzt?“
„Hat mir nen Tranquilizer verschrieben, damit ich runterkomm. Aber sowas will ich nicht.“
Klappe zu.

Es fallen also zwei Dinge auf: (1) Eine infantil-regredierte Anspruchshaltung, die Fürsorglichkeit passiv erwartet, wo sie nur selten zu kriegen ist, während sie den Vorgesetzten gegenüber nicht eingefordert wird. Klare Grenzsetzung unterbleibt. Und dazu (2) ein hochaktiver unbewusster Prozess, der den Klienten nachts stark agitiert, so dass er keine Rekuperation findet. – Dietmar will einen Trick von mir, eine „Methode“ oder „irgendwas, was mein Unterbewusstsein aufräumt“. Möglichst in Form eines Zauberspruchs („Können Sie mich nicht hypnotisieren?“) oder falls kein Zauberspruch, „dann brauch ich vielleicht nen Tritt in den Arsch.“ – Auch hier imponiert die passive Haltung: Er will, dass man aktiv mit ihm „macht“, während er selbst inaktiv bleibt. Zusätzlich wirkt seine Selbsteinschätzung arg unfreundlich: Ich soll ihn treten, um eine Besserung zu erzielen.

Wie geht man hier vor? Fragen nach den Eltern werden beiläufig beantwortet: „Alles okay, mir ging´s da echt gut.“
Vorsichtige weitere Fragen führen dazu, dass ein demütigender betrieblicher Vorfall immer und immer wieder erzählt wird, dessen Analyse jedoch zu keinen Ergebnissen führt: eine klassische Deckerinnerung, mittels derer die im Unbewussten aktiven Prozesse verschleiert bleiben. Nachdem Dietmar mir wortgewaltig versichert, dieser Vorfall sei verantwortlich für seine Schlafstörungen, beginne ich präzise Fragen zu stellen: Welche Gedanken, welche Themen, welche Bilder und nicht zuletzt welche Gefühle bemächtigen sich seiner, auf diesen ruhelosen Nachtreisen? Und, siehe da, entgegen seiner Anfangsaussage sind die morgens „vergessenen“ Bilder und Gefühle wiederbelebbar, und sie liefern eine Fülle an Material. – Womit sich der Verdacht nur bestätigt, dass ihr scheinbares Abtauchen nicht echt war, sondern ein initialer Widerstand gegen ihre Aufdeckung. Doch Widerstand ist meist lösbar, Geduld und Fragetechnik vorausgesetzt.

Die Traumbilder, die Dietmar liefert, zeigen ihn in einer passiv-vereinsamten Position. Begleitende Gefühle von Abgelehntsein, Am-Rande-Stehen, Sich-Verloren-Fühlen, werden nach und nach deutlich und wühlen ihn emotional so stark auf, dass wir mehrmals unterbrechen müssen. Dazu fällt auf, dass er in seinen Träumen seine Reaktionsfähigkeit verloren hat: In den beschriebenen Situationen ist er nicht imstande, die erlebte Erstarrung zu lösen, die Situation aktiv zu verändern, sich letztlich selbst zu befreien. – Eine eigenartige Fesselung, die er bildlich repräsentiert. Als Nachwirkung seiner Träume verbleibt ein Gefühl von Unwert-Sein, das ihn noch geraume Zeit in den Tag hinein verfolgt.

Werden solche Gefühle dazu gebracht, vom Unbewussten ins Bewusste durchzudringen, so schlaucht einen das nicht anders als ein operativer Eingriff. Auch Dietmar geht durch eine harte Zeit, in der die oben beschriebenen Wahrnehmungen mit unerwarteter Heftigkeit in ihm aufsteigen. Zugleich wirkt er verändert.

„Mir ist seit unserem letzten Gespräch klar geworden, dass ich diese Sache da schon mein ganzes Leben mit mir herumschleppe.“
„Welche Sache genau?“
„Das Nicht-verstanden-werden; das Schnauze-halten-und-wegducken; das Nichts-wert-sein.“
So ein Selbstbild entsteht nicht ohne Ursache.
„Aber komisch… Ich bin noch vier Nächte lang wach gelegen. Seither schlaf ich wie´n Stein.“
Lässt vermuten, dass etwas in Bewegung gekommen ist.

Zwei Sitzungen lang tut sich so gut wie gar nichts, wir drehen uns im Kreis. Dann kommen verschlüsselte Andeutungen über „das Leben an sich“. Erst schleppend, dann schneller und eindringlicher, bis zur Feststellung: „Aktuell weiß ich nicht mehr richtig, wer ich bin.“
Es stellt sich heraus, dass auch dieses Gefühl ihn schon sehr lange begleitet.

„Mom ist nicht meine Mom.“, sagt er schließlich unvermittelt.
„Nicht Ihre leibliche Mutter?“
„Sie war immer gut zu mir. Ich war noch ziemlich klein, als sie zu uns kam. Und ich war sehr froh darüber.“
„Und Ihre richtige Mutter…?“
„Mir wurde immer gesagt, sie ist die richtige. Das ist jetzt deine Mama, und nun ist Ruhe!“
Aber wo ist die richtige Mama? Es kostet ihn große Überwindung, sich an das Thema heranzuwagen.
Mama war an einer nächtlichen Gehirnblutung gestorben, als er dreieinhalb Jahre alt war. Der Vater war am Morgen neben seiner leblosen Gattin erwacht. Sie wurde nicht einmal dreißig Jahre alt.

„Normal ließ mich Emmy, unser Dienstmädchen, morgens immer zu ihr ins Schlafzimmer, aber diesmal durfte ich nicht. Ich war sehr aufgeregt und schrie nach ihr. Mein Vater war bleich und fassungslos. Emmy weinte die ganze Zeit und sagte unentwegt: ‚Jetzt, sowas Trauriges, gell?‘ Und ich verstand nicht, was los war.“
Seine Augen schließen sich, die Hände wandern vors Gesicht, der Atem geht stampfend. – Kinderschmerz, drei Jahrzehnte alt.
„Ich hab sie in Erinnerung… jung,… schön…, herzlich… eine tolle Mama. – – Inzwischen bin ich älter, als sie jemals geworden ist…“

„Hat man sich denn nicht um Sie gekümmert, in dieser Situation?“
„Wer denn? Mein Vater war völlig gaga, dann kamen Männer mit ernsten Gesichtern, die Aluminiumkoffer trugen, und gingen zu meiner Mama. Als sie wieder gingen, weinte mein Vater bitterlich. Ich wollte zu ihm, aber Emmy fing mich ein und trug mich weinend aus dem Zimmer. Ich hab´s damals so erlebt, als… nun ja…. als würde ich bei all dem nur stören. Später kamen dann schwarze Männer und trugen sie in einem Sarg aus dem Haus, ohne dass ich sie nochmals zu sehen bekam. ‚Schau, da is jetzt deine Mama drin!‘, sagte Emmy noch. Da stürzte ich zu ihr, klammerte mich an den Sarg, kratzte und biss einen der Männer in die Hand, so dass mein Vater mich von ihm wegriss. – – – Am Abend vorher noch hatte ich beim Einschlafen mit ihr herumgeschmust, und plötzlich war sie da drin, und sie nahmen mir meine Mama weg.“

In der Folgezeit fiel der kleine Dietmar in Erstarrung: Egal, was man ihm sagte, er reagierte kaum mehr und ließ alles mit sich machen. Nicht schwer sich vorzustellen, dass Schmerz, Trauer und Überwältigung das Kind an den Rand eines depressiven Stupors gebracht hatten.
„Nun ja, mein Vater stürzte sich in Arbeit. Und Emmy kündigte kurz danach, weil sie ihre kranke Mutter pflegen musste. Ich stand nur noch rum und gehörte zu niemandem mehr.“

Zwei Jahre später heiratete sein Vater Tanja, die von ihm eine Tochter erwartete, und Mama wurde – par ordre du mufti –  offiziell vergessen, denn die Neue schien etwas eifersüchtig zu sein. Bilder und Erinnerungsstücke wurden entfernt, auch aus Dietmars Kinderzimmer. Sein schwacher Protest wurde übergangen. Mit seiner kleinen Schwester verstand er sich sehr gut, nahm aber wohl wahr, dass beide Eltern ihr mehr Aufmerksamkeit schenkten als ihm.
„Sie waren schon gut zu mir, aber irgendwie… unsensibel. Die Lücke… in meiner Seele… die blieb halt.“ Er schaut mich verzweifelt an. „Ich kann ja nix dafür!“
„Die anderen können was dafür.“, sage ich. „Sie sind draußen gestanden, ungehört, unversorgt,  allein gelassen. Selbst Ihre Trauer hat man ihnen weggezwungen, damit wieder alles seine Richtigkeit hat.“

Der Gedanke an eine Kindertherapie wäre nahe gelegen, doch hätte dies das Eingeständnis bedeutet, dass etwas nicht in Ordnung war, wo alles wieder in Ordnung zu sein hatte. Offenbar war die Stiefmutter weder willens noch imstande, dem kleinen Dietmar bei der Trauerarbeit um seine Mama zu helfen. – Er lernte, dass er sich zu fügen hatte, wenn er angenommen sein wollte, und dass weder seine Gefühle noch seine Bedürfnisse interessierten. Niemand spürte, wie es ihm ging.

Einem plötzlichen Impuls folgend, fuhr er nach unserer Sitzung zu seinen Eltern und brach – für diese völlig unerwartet – einen Riesenkrach vom Zaun. Sie waren so eingeschnappt, dass der Kontakt für ein Vierteljahr abbrach, dann suchten sie von sich aus das Gespräch. – Es wurde eine Serie abendlanger Auseinandersetzungen, in denen beide Seiten über einander viel Neues erfuhren, bis sie eine neue Basis zueinander gefunden hatten.

Dietmar schläft seither wieder. Jobmäßig hat er sich gut etabliert, sucht allerdings neue Herausforderungen, da ihm die Unternehmenskultur seines Arbeitgebers nicht mehr zusagt.

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