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Wenn es etwas gibt, was das Leben von Ira bestimmt, so ist es das „Muss“. Sie muss gute Arbeit leisten, muss eine gute Ehefrau sein, muss dem Kind ein Vorbild sein und muss Vater und Mutter Ehren, was im konkreten Fall heißt: ohne Widerrede, denn die beiden Alten wohnen im gleichen Haus und haben sie nach wie vor im Griff. Auch der Ehemann ist ein beamtischer Muss-Mensch: Wenn etwas zählt, so ist es die Pflicht. Selbst, wenn eine Aufgabe mal nicht Spaß macht, dann geht die Pflicht vor, und „man muss sich eben zwingen.“ Der Zwang als Lustquelle. Kontrolle als Lebensmaxime. Alles im Griff haben. – Nur der permanente Wortschwall seiner Gattin ist inzwischen unkontrollierbar geworden. „Da muss jetzt aber mal was geschehen!“, meint er. –  Muss ja schließlich alles seine Ordnung haben, und ihr ungebremster, zerfahrener Redefluss, bei dem man nie genau weiß, wohin er zielt, stört dieselbe.

Für eine Mittdreißigerin wirkt Ira frühzeitig verwelkt, man könnte sie mühelos auf Mitte-Ende Vierzig schätzen. Sie agiert, als sei sie permanent in einem inneren Ringkampf, und bald wird in den Gesprächen klar: Das schrille Hochgeschwindigkeits-Stakkato ihres Redeschwalls speist sich nicht aus Mitteilungsdrang, sondern aus dem Gegenteil. – Es ist Abwehr pur, soll auf Distanz halten, verschleiern, neutralisieren und im wahrsten Wortsinne gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Zwangshandlung zwar, aber auch ein unbewusster Kontrollversuch, – das Gegenüber beherrschen und bezwingen, um nicht selbst beherrscht und bezwungen zu werden. Denn wenn ich dich mit Banalitäten und Details beschäftige, dann kannst du nicht an das herankommen, was mich tatsächlich kontrolliert und beherrscht: Angst und Schmerz, und – paradoxerweise – nicht zuletzt eine Panik vor dem Spontanen, vor dem Quellenden, vor dem Unkontrollierbaren. Ira hat kein Gefühl dafür. – Für sie ist es eine existentielle Selbstverständlichkeit, andere zu überrollen.

„Ich freu mich immer so auf Donnerstag.“, sagt sie schließlich und stoppt für einen Moment, wobei ihre Augen leuchten.
„Was ist Donnerstag?“
„Nun ja, hihi… jede Woche Donnerstag um neunzehn Uhr dreißig… hihi…“ Ich spare mir den Rest. In der strikt durchkontrollierten Welt Iras ist Donnerstagabend genau um halb acht der Zeitpunkt des amtlich angesetzten ehelichen Reproduktionsgeschehens. Man muss es schon zweimal gehört haben, um es zu glauben: einvernehmlicher Irrsinn. Der Ordnung halber wird um neunzehn Uhr das Kind eine Etage höher bei den Eltern deponiert, bis genau einundzwanzig Uhr. – Ira zeigt sich glücklich und unbefriedigt zugleich: Sie würde sich mehr Gefühl wünschen, mehr Wärme, mehr Leidenschaft, mehr Phantasie, mehr Gefühl geliebt zu werden und dies hören zu dürfen, oft, oft, oft. Doch leider dominiert der Verrichtungscharakter, und „offen gesagt“ fühlt sie sich abgefüttert.

Der Gatte gilt im Kollegenkreis als Musterbeamter: sorgfältig, pünktlich, zuverlässig, akribisch genau. Bevor er spätnachmittags das Büro verlässt, kontrolliert er zweifach, dass Rollschrank und Schreibtisch abgeschlossen sind und dass Stifte nebst Notizpapier im vorgeschriebenen Winkel zueinander liegen. Irgendwie sieht er auch so aus. Nichts was abweicht oder aus der Form geht. Auch nach acht Stunden Arbeit sitzt die Krawatte noch wie frisch gebunden, – Trevirakrawatte selbstredend, man will ja nicht auffallen. Umso unangenehmer, dass er dieses heftige, krampfartige Augenzwinkern nicht loswird, das ihn durch den Tag begleitet, und das niemandem entgeht. Kommt er abends nach Hause, wechselt er die Hose (mit Bügelfalte) gegen eine andere (auch mit Bügelfalte) und gräbt eine Ecke seines Gartens um, wozu er die Krawatte nicht etwa abnimmt, sondern sie zwischen zwei Hemdknöpfe – öhmmm, zwischen den dritten und vierten von oben – steckt, damit sie nicht stört. Denn die Störung der geregelten Abläufe an sich ist etwas, das in diesem Hause nicht geduldet wird.

„Zwängen und Zwangshandlungen ist der Verlust der Handlungsfreiheit gemeinsam.“, schreibt der Münchener Psychiater Werner Mombour. „Zwänge sind imperative Erlebnisse, die sich mit dem Gefühl der Unausweichlichkeit und Machtlosigkeit des eigenen willentlichen Widerstrebens aufdrängen, obgleich sie als unsinnig oder unangemessen erkannt werden.“ – Kling gut. Nur, nach meiner beruflichen Erfahrung dauert es eine ganze Weile, bis dieses hermetische Zwangssystem nicht nur als unsinnig, sondern sogar als schwer schädlich erkannt wird: Für die Lebensqualität, für die Gesundheit, für die Arbeitsatmosphäre und nicht zuletzt für die Beziehung. Denn Zwang ist das Gegenteil von Freiheit, von Spontaneität, von Phantasie. Er ist ein internalisiertes Unterdrückungssystem, das sozusagen etwas Rundes, Pulsierendes in etwas Eckiges sperrt. Klar, dass es dann irgendwo durchbricht, und sei es im Redeschwall, – klinisch nicht gerade zufällig bezeichnet als „Logorrhoe“.

Wobei nichts gesagt werden soll gegen ordentliche Menschen, die sich mit Überlegung ein strukturiertes Leben schaffen. Die Augenbrauen gehen erst hoch, wenn das Gesamtsystem von außen starr und erstickend wirkt und sich Symptome bilden, die nicht selten im Interesse des großen Ganzen weggelabert werden. Konfrontation mit den Tatsachen bedeutet Reflexion. Reflexion führt fast zwangsläufig zu Veränderungen. Der Zwanghafte aber fürchtet nichts so sehr wie Veränderung, gerade wenn sie zwangsläufig ist.

„Das ganze Leben verläuft im großen und im kleinen wie nach einem vorgefassten, unumstößlichen Programm.“, schreibt Wilhelm Reich. „Stellt dieser Zug einerseits eine Förderung der Arbeitserledigung dar, …so schränkt er andererseits die Arbeitsfähigkeit hochgradig ein, weil er keine plötzliche, unerwartete Wendung in der Reaktion zulässt.“ Man könnte „Arbeitsfähigkeit“ getrost durch „Lebensfähigkeit“ ersetzen. „Pedanterie, Umständlichkeit, Neigung zur Grübelsucht und Sparsamkeit, die sehr oft bis zum Geiz entwickelt ist, leiten sich sämtlich aus einer einzigen Triebquelle ab: aus der Analerotik; sie stellen direkte Abkömmlinge, größtenteils Reaktionsbildungen gegen die kindlichen Tendenzen dar, die der Zeit der Erziehung zur Reinlichkeit angehören.“ – Wer jetzt erst einmal schluckt, der schluckt zu Recht.

Tatsächlich ist eben diese Phase eine zentrale und charakterbildende: Ich kenne viele Eltern, die ihre Kleinkinder mit liebevoller Ermutigung – etwa einem eigenen kleinen Toilettensitz – und mit viel Zeit und Geduld zu einem Leben ohne Windeln hinführen und ihm damit sozusagen die stolze „Eroberung“ einer neuen Lebensphase ermöglichen. Bestehen bei den Eltern und insbesondere bei der Mutter jedoch andressierte (Anal-)Ängste aus der eigenen Kindheit, so ist das Risiko einer Reduplikation nahe hundert Prozent: Es wird nicht erobert, sondern erzwungen. Festhalten oder Loslassen; Verkrampfen oder Freigeben; Zurückhalten oder Herausgehen; Zusammenpressen oder Aufmachen; das sind in diesem Stadium die prägenden Erfahrungen des kleinen, unfertigen Menschen, die sich nicht zuletzt mit Schuld oder Anerkennung und damit indirekt mit dem frühen Selbstwertgefühl verknüpfen. Je massiver der Druck und der Zwang der Eltern – in der Regel der vorgeprägten Mutter – für das Kind spürbar werden, desto massiver die Folgen: einerseits eine extreme Beherrschtheit schon im frühen Alter; andererseits, darunterliegend, ein mächtiger Zorn über die ständigen Eingriffe in eine höchstpersönliche Körperfunktion, der sich als „mächtiger analer Trotz“ (Reich) bis zum typischen analen Sadismus steigern kann. – Eine Eigenschaft, die man von manchen Bürokraten sattsam kennt. Dass unter einem so internalisierten Zwangssystem Emotionalität nur selten ausgelebt werden kann, erklärt die oft beobachtbare „Affektverflachung“, die für viele zwanghafte Charaktere kennzeichnend ist, und unter der offenbar auch Ira stark leidet.

So offenbart sich also eine pedantische Verkniffenheit dieses stets kontrahierten Menschentypus, die regelmäßig  dazu führt, dass die Betroffenen sich heillos verzetteln: „Das Kennzeichnende dabei ist die Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit beim Denken je nach der rationalen Bedeutung des Gegenstandes hier zu verschärfen und zu konzentrieren, dort hingegen keinen unnötigen Energieaufwand zu treiben; die Aufmerksamkeit ist mehr oder minder gleichmäßig verteilt; nebensächliche Fragen werden nicht minder gründlich durchdacht wie andere, die im Zentrum des beruflichen Interesses stehen.“ (Wilhelm Reich). – Fazit: Die Trias aus Pedanterie, Geiz und Trotz wird zum unüberwindlichen Hindernis, für den Betroffenen genauso wie für die Partnerin.

Iras kindliche und eheliche Anpassungsleistungen – seit jeher erzwungen, denn von Natur her war sie ein eher impulsiver und sanguinischer Charakter – forderten einen bitteren Preis: nicht nur im Symptom eines seltsam verschlüsselten Affektdurchbruchs, der mittels eines Redeschwalls auf ihr Elend hindeutete, andererseits aber, bestimmt von heftigen Schuldgefühlen, jegliche Aufdeckung verhindern sollte. Auch ihre vorzeitige Alterung kann in dem Sinne interpretiert werden, dass sie an der Heftigkeit ihrer verdrängten Konflikte schwer zu tragen hatte. Freud schreibt jedem Symptom zwei Komponenten zu: (1) Konfliktentlastung, – hier unübersehbar die Vermeidung der Ablösung von dem autoritär beherrschenden Elternhaus; und (2) den sogenannten „Sekundärgewinn“, der darin zu sehen ist, dass Ira mittels ihres Redeschwalls genau jene Zuwendung erzwang, die sie in ihrem emotional verflachten und zwanghaften Elternhaus verzweifelt entbehrt hatte. Unbewusst das eigene Elend reproduzierend, hatte sie einen Mann geehelicht, der ihr das pathogene Elternhaus – ebenso unbewusst – ersetzte. Nachdem sie die tiefere Ursache ihrer Problematik durchschaut hatte, zog sie die Konsequenz und ließ sich scheiden. Als nächstes verließ sie das elterliche Haus. Als ich ihr später wieder begegnete, war sie aufgeblüht.

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