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Wenn man Charly Lenzen zuhörte, verfiel man unwillkürlich in einen leichten Rausch. Er besaß starkes Charisma und dazu eine Fähigkeit, Visionen zu entwickeln, dass man sich diesen nicht mehr zu entziehen vermochte. Umso weniger, als man schon nach kurzer Zeit Charlys Begeisterung intensiv in sich selber verspürte. Dazu verstand er es, seine Aussagen mit Tatsachen und Zitaten zu untermauern, was einem nicht nur die Gewissheit gab, dass sie Hand und Fuß hatten, sondern auch, dass er gegenüber anderen stets einen beträchtlichen Wissensvorsprung besaß. Es war mein erster Agenturjob, frisch nach dem Staatsexamen, alles neu und aufregend, und ich hielt Charly für ein As. – Ein Jahr später, nach redundanten Erfahrungen mit seinen Schaumgebirgen, hielt ich ihn für einen Kriminellen, der Jeden von oben bis unten belog und dessen „Tatsachen“ reine Phantasiegebilde waren, und ich kündigte fristlos.

Lenzen wurstelte noch ein dreiviertel Jahr vor sich hin, dann brachte er sich um. Er hatte keinen einzigen Kunden mehr, sein gesamtes Team hatte sich abgesetzt, zusätzlich saßen ihm die Banken im Genick. Einerseits, weil er seinen Mitgesellschafter erpresst hatte, ihm seine Gesellschaftsanteile zu verkaufen, und dies mit einem Kredit finanziert hatte, für den er Unterlagen gefälscht hatte. Andererseits, weil er Kundengelder aus den PR-Etats mit vollen Händen in zwielichtigen Etablissements hinauswarf und diese unentwegt mit gefälschten Belegen abrechnete, ihm nun aber keine PR-Etats mehr zur Verfügung standen, nachdem er bei seinen früheren Kunden Hausverbot hatte. Banken mögen es gar nicht, wenn jemand viel Geld ausgibt, der keine Einnahmen hat.

Also stellte Charly zwei Dutzend brennender Teelichter auf den Rand seiner Badewanne und legte sich im schwarzen Anzug hinein. Dann schluckte er eine Hand voll Tabletten und rief seine Freundin an, was darauf schließen ließ, dass er nicht ernsthaft sterben wollte, sondern wieder einen seiner missglückten Auftritte inszenierte. Die Medikamente allerdings wirkten ziemlich schnell, und da er – offenbar schon benebelt – die Privatnummer seiner Freundin gewählt hatte, während diese schon eine Etage tiefer in der Küche ihrer Weinkneipe saß, fand sie ihn erst am nächsten Tag. Zu seinem Begräbnis erschienen genau zwei Leute: sie und ihr Bruder, weil der sie stützen musste.

Es meldeten sich noch zwei verzweifelte Damen bei mir, denen er seine Freundin verschwiegen und im Bett alles Mögliche vorgelogen hatte: unter anderem, dass er erfolgreicher Verleger für zeitgenössische Lyrik sei und die Gedichte der einen groß herausbringen wollte. Der anderen hatte er einen eigenen kleinen Laden in Frankfurt für ihre selbst entworfene Kindermode versprochen. Ich vergaß ihn, nachdem mein beträchtlicher Zorn auf ihn sich gelegt hatte.

Dreißig Jahre später sprach eine Klientin mich auf ihren Ex-Ehemann an. Der nämlich sei ein hemmungsloser Lügner und verspreche allen möglichen Leuten alles Unmögliche, bis er selber nicht mehr aus seinem Lügengespinst herausfinde. „Sie glauben es ja nicht, aber der steigert sich so rein, dass er irgendwann alles selber glaubt! Und immer haut er ab, wenn´s zu heiß wird für ihn!“
Sein Charakterproblem habe inzwischen nicht nur dazu geführt, dass er seinen Geschäftsführerposten verloren habe, sondern auch zu einem ganzen Bündel strafrechtlicher und zivilrechtlicher Maßnahmen gegen ihn. Sie machte sich große Sorgen, denn der gemeinsame achtjährige Sohn vergötterte seinen Vater, dessen Pathologie er natürlich noch nicht durchblickte; würde dieser ins Gefängnis wandern, dann würde die gesamte Welt des Kleinen einstürzen.

„Sie können es sich nicht vorstellen“, seufzte sie, „aber der Typ hat bei allen seinen früheren Kunden Hausverbot!“
„Doch.“, sagte ich. „Kann ich mir vorstellen.“

Tja, das krankhafte Lügen: Lange Zeit wurde es schlicht als Charaktermangel ohne Krankheitswert verkannt, dem man mit entsprechender „Strenge“ zu begegnen hatte. In Wirklichkeit handelt es sich um Schwerkranke, deren Störung inzwischen unter dem Namen „Pseudologia Phantastica“ Eingang gefunden hat in die internationalen diagnostischen Verzeichnisse. Denn ihr Lügen ist nicht boshaft, sondern „habituell auftretend, zwanghaft, unkontrollierbar“ (A. Eckhardt-Henn, Stuttgart). Dabei sind die Betroffenen Opfer ihrer selbst: Sie geben falsche Namen und Adressen an, erfinden völlig unnötig die tollsten Geschichten, brechen permanent Beziehungen ab und enden meist in völliger Entwurzelung und Verwahrlosung.

Ich entsinne mich, dass mir nur kurz nach dem Erlebnis mit Lenzen eine Berliner Bekannte ihren neuen Partner vorstellte. Der begann sofort von seinem kleinen Hotel auf Ibiza zu erzählen, für das er einen Belegungsvertrag mit der US-Armee habe, und lud mich sehr schnell ein, dort als sein Gast eine unentgeltliche Woche zu verbringen. Er müsse nur die Freigabe durch die US-Armee klären. In mehreren Telefonaten danach nahm er meine persönlichen Daten auf, teilte mir das Okay der Amerikaner mit und stimmte die Woche meines Aufenthalts mit mir ab. Dann brach der Kontakt plötzlich ab. Anschließend meldete seine Freundin sich und deckte auf, was mir ohnehin schon gedämmert hatte: Er war ein arbeitsloser Elektriker, sonst gar nichts, und sie hatte ihn tags zuvor „wegen seiner ewigen Lügerei“ hinausgeworfen. – Auch ohne ihn verbrachte ich eine sehr angenehme Woche im Royal Plaza auf Ibiza, jedoch verzichtete ich wohlweislich darauf, mich in der Nobeldisco „Privilege“ zu einem kostenlosen Feinschmecker-Menü zu melden, als deren angeblicher Miteigentümer er mich großzügig eingeladen hatte.

Dieses Beispiel illustriert gut, worum es psychodynamisch geht: Die eigene Identität wird als so schmerzvoll geringwertig empfunden, dass sie zwanghaft verleugnet werden muss. Zu diesem Zweck werden nahezu unentwegt Geschichten erfunden, „deren Phantasien – ähnlich den Träumen – unbewusstes Material von Wunscherfüllungs-, Abwehr- und Wiederholungscharakter enthalten.“ (A. Eckhardt, Mainz). Auf Deutsch gesagt: Ich fühle mich so elend klein, dass ich mich unbedingt ganz groß machen muss. „Psychopathologisch handelt es sich immer um schwere narzisstische, dissoziale, histrionische und Borderline-Persönlichkeitsstörungen“, schreibt Eckhardt. Nicht zu vergessen, dass bisweilen auch eine begleitende bipolare – also manisch-depressive – Störung unterliegen kann. Jedenfalls: Krankheitselend pur, kompensiert durch besonders großartigen Wortnebel. Vorprogrammiert sind die schweren persönlichen und sozialen Zusammenbrüche, denn das Lügenkonstrukt hält niemals dauerhaft.

Nicht überraschend also, dass die Betreffenden aus sehr schwierigen Familienverhältnissen kommen, in denen Verlusterlebnisse, Inzest, Sucht der Eltern, Kindesmisshandlungen, Delinquenz und Dissozialität die Kindheitsatmosphäre geprägt haben. Die seelischen Schädigungen der Kinder sind so verheerend, dass sie aus diesem Leben massive sogenannte „Desintegrationsängste“ mitnehmen, was nichts anderes bedeutet als die Angst vor dem restlosen Zerfall der eigenen Persönlichkeit.  Und damit die Reproduktion der seelischen Zerstörung, die ihre ersten Jahre geprägt hat. – Was also von außen betrachtet Kopfschütteln und berechtigte Wut erregt, ist innerpsychisch betrachtet ein verzweifeltes Ankämpfen gegen das innere Zugrundegehen. Mit den bombastischen Lügengebäuden, häufigen Beziehungsabbrüchen, schnellen Ortswechseln und oftmals auch mit Substanzmissbrauch versuchen die Betreffenden einem Schicksal zu entrinnen, das ihnen vorgezeichnet ist, denn die Therapiechancen sind nahe null. – Was nicht die vermeintliche „Verstocktheit“ der Betroffenen unterstreicht, sondern das verheerende Ausmaß ihrer psychischen Verstümmelung.

Über Charly Lenzen hatten wir uns oft gewundert: Er kam morgens fix und fertig ins Büro, sah aus wie gespien und verschwand sofort im Bad. Fünf Minuten später kam er angeschossen, überdreht und berstend vor Energie. Klar, jetzt hatte er so viel Schnee in der Nase, dass man dort mühelos Slalom fahren konnte. So schaffte er es, seiner manisch-depressiven Störung wenigstens vorübergehend zu entkommen.

Im Arbeitsleben sollten Mitarbeiter, die derartige Verhaltensmuster aufweisen, unbedingt als solche erkannt und ernst genommen werden. Denn, was ein derart erkrankter Mensch in sich trägt, versucht er unbewusst auf seine Außenwelt zu übertragen. In diesem Fall kann es nur heißen: Zerstörung und Desintegration. Bremst man so jemanden – übrigens zu 80% Männer – nicht aus, können für die Firma tödliche Gefahren entstehen.

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1 Kommentar

Barbara Kruppka – 28. Juni 2017

Guter Text. Ich erinnere mich an Zeiten, da waren „Charly`s Mode in München. Sie wurden gemocht, wegen ihrer Unterhaltsamkeit, Lebendigkeit und Leichtlebigkeit. Das war auch die Zeit von Schnee im Sommer.

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