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Es war im Februar 1996, als ich als Mitglied einer Delegation des Deutschen Bundestages in Abu Dhabi unterwegs war, wenngleich selbst nicht Abgeordneter. Führer der Delegation war damals der Abgeordnete Hans-Joachim Fuchtel, heute Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium. Wir hatten ein umfangreiches Tagesprogramm absolviert, als uns mitgeteilt wurde, wir würden abends gegen 21 h im Hotel Intercontinental empfangen von Sheikh Khalifa Bin Hamad al Thani, dem im Sommer 1995 von seinem eigenen Sohn gestürzten ehemaligen Emir von Katar. Der deutsche Botschafter Dr. Arndt verließ bei dieser Mitteilung die Szene fluchtartig, und, da ich hier auch als Rechercheur für einen FOCUS-Redakteur unterwegs war, beknieten mich die Abgeordneten, es dürfe von ihrer Anwesenheit keinesfalls etwas nach außen dringen, woran ich mich eisern hielt.

Sheikh Khalifa hatte die kompletten beiden oberen Etagen des Intercontinental für sich und seinen ca. 200-köpfigen Tross reserviert. Das Hotel gehörte ohnehin dem V.A.E.-Staatspräsidenten Sheikh Zayed Bin Sultan al-Nahyan. Französische Fremdenlegionäre in Cerrutti-Anzügen sicherten das Territorium ab. Man hatte einen Thronsaal improvisiert, in dem der Sheikh uns mit seinem gesamten Hofstaat empfing und uns schäumend vor Wut klarzumachen versuchte, dass er an die Macht zurückkehren werde. Der Abgeordnete Ulrich Schmalz (CDU) begegnete seinem Wunsch mit Worten nichtssagenden Verständnisses.

Schon am frühen nächsten Morgen startete – und scheiterte – Sheikh Khalifas Putschversuch: Mit 140 Mann waren sie nachts von Abu Dhabi aufgebrochen, hatten einen schmalen Streifen saudischen Gebiets passiert und an der saudisch-katarischen Grenze bei Salwa einen kleinen Grenzposten bestochen, der sie durchlassen sollte. Der arme Kerl namens Wabran al Kulaib wurde später dafür in Doha zum Tod verurteilt und erst im Juli 2008 auf saudische Intervention hin entlassen, nachdem er bereits 2006 wegen regelmäßiger schwerster Misshandlungen in den Hungerstreik getreten war.

Da der ganze Gegenputsch schon vorher verraten worden war, scheiterte er kläglich. Die 140 Mann wurden verhaftet – eine Mitarbeiterin des Intercontinental hatte mir damals erzählt, Sheikh Khalifa habe zwei Tage vorher kurzfristig 140 Zimmer storniert – und ein riesiger Schauprozess im Mai 2001 gegen 117 Angeklagte führte zu 19 Todesurteilen, 17 mal lebenslänglich und Freisprüchen für die Anderen. Sheikh Khalifas Sohn, Sheikh Hamad Bin Khalifa al Thani, bestätigte die Todesurteile unverzüglich, sie wurden allerdings nicht vollstreckt. Prominentester Verurteilter war damals Sheikh Khalifas ehemaliger Finanzminister, Sheikh Hamad Bin Jasseem, der erst 1999 vom katarischen Geheimdienst aus einem arabischen Land gekidnappt worden war.

Sheikh Hamad bin Khalifa, der putschende Sohn, ist inzwischen auch in Deutschland gut bekannt, nachdem er sich im Juli 2009 als „Retter“ bei Porsche einkaufte.

Auf Empfehlung meines arabischen Beraters und eines hohen, inzwischen verstorbenen, Geheimdienstoffiziers aus dem Umfeld des Kronprinzen in Abu Dhabi, erstellte ich in Nachtarbeit ein Konzept für den Sheikh, das zum Ziel hatte, über gezielte Medienarbeit in westlichen Medien Sheikh Khalifas Machtanspruch aufrecht zu erhalten. Wir veranschlagten ca. 1,5 Millionen Dollar, und es gelang mir damals telefonisch, einen deutschen Staatssekretär a.D. als Transmitter unserer Vorstellungen in die deutsche Politik zu gewinnen, da dieser mir als ausgesprochen geldgierig bekannt war.

Während mein arabischer Berater in der Sache geschickt makelte, hatte ich in Abu Dhabi mehrere Treffen mit Sheikh Khalifas Protokollminister, Dr. Issa G. al Kawari, die schließlich dazu führten, dass man mir mitteilte, man habe sich für uns als Partner entschieden. (Es war noch eine amerikanische Agentur im Spiel gewesen.) Die Vertragsunterzeichnung werde in einigen Wochen erfolgen.

In der Zwischenzeit war noch der Versuch gescheitert, den Gesundheitsminister der neuen Regierung mitten in Doha durch eine MG-Salve zu ermorden. Der gepanzerte Mercedes des Angegriffenen steckte den Kugelhagel lässig weg. Und mein arabischer Berater berichtete mir, der katarische Botschafter in den V.A.E. habe ihm mitgeteilt, man sei am Gespräch mit uns interessiert, und man lade uns herzlich ein nach Doha. – Vermutlich wären wir dort zu Tode gefoltert worden, ich lehnte dankend ab.

Hocherfreut begann ich meine erste Kontaktarbeit – eine Geste des Respekts und Vertrauens gegenüber dem orientalischen Ex-Herrscher – und sorgte unter anderem dafür, dass erst der FOCUS-Redakteur Gunther Schnatmann nach Abu Dhabi flog, später noch die FOCUS-Redakteurin Katrin Sachse. Ich stand gerade in meinem Remagener Haus unter der Dusche, als meine Frau mich ans Telefon rief, der BBC-Worldservice sei dran. Ich erinnere mich noch gut, dass ich tropfnass, ein Handtuch um die Lenden, das Gespräch führte, während mein damals zweijähriger Sohn Kevin laut quiekend vor Vergnügen versuchte, mir das Handtuch wegzuziehen und durch nichts zu stoppen war.

Der BBC-Mann, dessen Namen ich nicht mehr weiß, kam sofort zum Punkt: „Stimmt es, dass Sie für Sheikh Khalifa arbeiten werden, dass Sie 1,5 Millionen Dollar veranschlagt haben, und dass Sie Herrn Staatssekretär a.D. XYZ für die Mitarbeit gewinnen konnten?“ – Um es kurz zu machen: Er hatte eine vollständige Kopie meiner Ausarbeitung nebst Finanzplan auf dem Schreibtisch und plante einen Beitrag für den kommenden Samstag. Kurz darauf erschien auch eine entsprechende Meldung im britischen „Daily Mirror“. – Hocherfreulich, sowas, wenn man in geheimen Verhandlungen steckt.

Auch der FOCUS berichtete. Und, wie ich erfuhr, fand mein Konzept sich Wort für Wort in einer der größten arabischen Tageszeitungen abgedruckt, zweckmäßigerweise gleich mit meiner Bonner Büroadresse nebst Telefonnummer. Meine Frau rief mich verstört im Büro an: Unser Privattelefon klingelte den ganzen Tag, 30-40 mal. Jedes Mal wenn sie sich meldete, herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung. Ich begriff die Botschaft: „Wir wissen, wer du bist und wo du wohnst.“ Es ging tagelang so.

Die Kripo Bonn riet mir zu einer kugelsicheren Weste, die ich mir schnellstens besorgte, sowie zu einem Bodyguard für meine Familie und mich selbst. Außerdem kam ein rheinisch-urjemütlicher Kripo-Kommissar namens Müller zu uns nach Haus, ging durch das ganze Jebäude, und empfahl mir Umbauten im Umfang von gut DM 200.000.-, damit man nicht ins Gebäude schießen und keine Handgranaten hineinwerfen konnte. Mein kleiner Sohn fand das Ganze total spannend und fragte mich, ob „Papa jetzt Pistole bumm macht“. Ein anderer Polizeihauptkommissar, den ich persönlich gut kannte, bestand darauf, dass ich jeden Freitagnachmittag ins damalige Bonner Polizeipräsidium kommen sollte. „Denn wenn einer so gefährlich lebt wie Sie, dann muss er schießen können.“ – Ich beugte mich dem Druck freudig und erhielt auf dem dortigen Schießstand eine ganz hervorragende Schießausbildung für Faustfeuerwaffen und die Maschinenpistole Heckler & Koch MP 5.

Meine Bonner Agenturmitarbeiter sahen das Ganze weniger optimistisch. Sie prüften jeden Morgen beim Aufschließen der Bürotür, ob irgendwelche Pakete oder Tüten herumlagen. Meine eigene Sekretärin beschwerte sich, sie werde neuerdings beim abendlichen Rollerfahren am Beueler Rheinufer – ihre Lieblings-Freizeitbeschäftigung – von arabischen Männern angesprochen und über ihre „unzüchtigen Gedanken“ ausgefragt. Offensichtlich ein Anbahnungsversuch.

Seitens der Bonner Polizei wurde mir signalisiert, noch sei die Situation überschaubar. Würde sie sich aber verschärfen, müsse man über einen Waffenschein für mich nachdenken. (Ein Vergnügen, das mir erst Jahre später in Bayern zuteilwurde, als eine Nazi-Organisation ihre Zuneigung für mich entdeckt hatte.)

Während ich also mit solcherart Problemchen beschäftigt war, hatte Sheikh Khalifa ganz andere: Nicht nur war sein Gegenputsch gescheitert, und 140 seiner Leute waren in Haft. Nicht nur, dass die Zeit ohnehin gegen ihn arbeitete, denn wen interessierte, ob er zurückkehrte oder nicht? Nicht nur, dass die russische Mafia ihm das Angebot unterbreitete: „Für 100 Millionen Dollar bringen wir dir deinen Sohn im Käfig.“ All das wäre noch zu ertragen gewesen. Aber es ist die Unerzogenheit der eigenen Kinder, die das Vaterherz bisweilen außer sich geraten lässt: Der Sohn, der seinen Vater so schmählich entmachtet hatte, beschuldigte ihn öffentlich, er habe mindestens zwölf Milliarden Dollar aus der katarischen Staatskasse unterschlagen und im Ausland untergebracht. – Und dort ließ er es Konto für Konto gerichtlich beschlagnahmen, sei es in Paris oder irgendwo in den USA. Innerhalb kürzester Zeit saß der Sheikh in Abu Dhabi und war faktisch ein Sozialfall. – Es gingen allerdings Gerüchte, V.A.E.-Präsident Sheikh Zayed, der nach Insiderinformationen jeden Morgen beim Aufwachen um 65 Millionen Dollar reicher war, habe seinem alten Spezi ein wenig unter die Arme gegriffen. Überhaupt war er großzügig: Er hatte die Regierung des putschenden Sohns innerhalb von Stunden anerkannt, – und dann dem gestürzten und in seiner Schweizer Residenz wutschnaubenden Vater Exil angeboten. Mehr noch: Er stellte ihm einen prächtigen Palast zur Verfügung, den der Vater ablehnte: Er habe nur einen Palast, und der stehe in Doha.

Es kam erst später zu einem geheimen Treffen: Der Sohn, Sheikh Hamad Bin Khalifa al Thäni, besuchte seinen Vater in dessen Residenz in Rom, wo er erst einmal den väterlichen Anschiss seines Lebens erhielt. Dann wurde ein Kompromiss ausgehandelt: Der Vater akzeptierte zähneknirschend seinen Sturz. Dafür wurden ihm seine Konten wieder freigegeben. Außerdem wurde ihm angeboten, in allen Ehren als Vaterfigur nach Katar zurückzukehren, – was er empört ablehnte. Erst im Oktober 2004 fand er sich kurzfristig in Doha ein, um der Beerdigung seiner verstorbenen Gattin Sheikha Mozah beizuwohnen. Er wurde von seinem Sohn nebst Familienanhang mit allen Ehren und den obligatorischen Wangenküssen empfangen, während ein Großteil seiner Getreuen – darunter der gekidnappte Ex-Finanzminister Jasseem – noch den zweifelhaften Komfort katarischer Gefängnisse genoss. „Middle-East-Online“ zeigt ein Bild der Ankunft.

Für mich selbst bedeutete das Vater-Sohn-Arrangement den GAU: Der für August 1996 in London geplante Vertragsabschluss kam nicht mehr zustande, denn man brauchte ihn – respektive mich – nicht mehr. Man hatte sich ja arrangiert. Ich hatte eine beträchtliche Menge Geld in den Sand gesetzt, Vorleistungen erbracht, Sicherheitsprobleme riskiert. Nur, – die Würfel waren gefallen.

Der alte Sheikh führt heute sein zufriedenes und keinesfalls bescheidenes Austraglerleben, vorwiegend in der Schweiz. Mein arabischer Berater macht nach wie vor gute Geschäfte als Makler zwischen westlichen Unternehmen und arabischen Potentaten. Und der ehemalige Protokollminister al Kawari verwaltet das Vermögen seines Sheikhs und ging 2008 durch die Gazetten als Eigentümer einer afrikanischen Diamantenmine, der von der US-Regierung eine bedenkliche Nähe zu Robert Mugabes Regime attestiert wurde. – – Und Sheikh Hamad Bin Khalifa fährt ganz bestimmt gerade den neuesten Porsche.

Diese ganze Geschichte, wenngleich literarisch verfremdet und ins fiktive Emirat Shukran verlegt, ist wesentlicher Handlungsstrang meines neuen Romans.