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„Ich bin wegen Ihrer Essays auf Sie gekommen.“, sagt der Klient, als er sich das erste Mal auf der Couch niederlässt. „Aber Sie schreiben doch hoffentlich nichts über mich, oder?“
„Bestimmt nicht.“, sage ich, und dann glaubt er mir´s auch.

Wenn es eines beim Coaching gibt, was nicht mal unter Folter zur Disposition stehen darf, so ist es die absolute Vertraulichkeit des Gesagten. Es wird die vier Wände unseres Besprechungszimmers niemals verlassen. Ich mache mir nicht einmal Gesprächsnotizen, denn sollte mir einmal etwas zustoßen, wird nichts zu finden sein, was eine/n Klienten/in in irgendeiner Weise bloßstellen könnte. Aus Buchhaltungsunterlagen sind nur die Umsätze zu erschließen, und das ist gut so.

Sind die Essays demnach „erfunden“, oder, wie jemand meinte, „erlogen“? Klares Jein, denn es hängt von der Sichtweise ab und davon, was mit ihnen beabsichtigt ist. Bei intaktem Verstand wird Jeder nachvollziehen, dass es nicht verantwortbar wäre, die Geschichte eines Coachingverlaufs 1:1 wieder zu geben. Deshalb werden diese Kasuistiken selbstredend in ein völlig neues Setting gebracht. Ob der Akteur Mann oder Frau war, wo er/sie gewohnt und was gearbeitet hat, etc. , das alles ist – und zwar bewusst irreführend – anonymisiert, so dass Rückschlüsse auf diese Jahre zurückliegenden Fälle keinesfalls möglich sind. Die psychologische Grundkonstellation hingegen sowie die daraus resultierende Dynamik und ihre Folgen sind genau so authentisch wie die damit verbundenen seelischen Nöte, denn nur darum geht es. Und auch darum, wie eine psychoanalytisch orientierte Intervention in ein menschliches Leben eingreifen kann: nachhaltig, positiv und Fesseln lösend.

Tatsächlich kann ein psychoanalytisch orientiertes Coaching zu einer unglaublichen Befreiung werden, ich erlebe es dauernd. Nämlich dann, wenn es gelingt, eingrenzende unbewusste Prozesse zu entdecken, die einem Klienten als scheinbar selbstverständlicher Teil der eigenen Persönlichkeit erscheinen, denn “das war noch nie anders.“ – Heißt aber gar nix. Gerade diese „normalen“ Reaktionsweisen sind Teil der Persönlichkeit, wie der Klient sich selbst erlebt. Oder, wie Wilhelm Reich es definiert, seine „Summe der Reaktionsbildungen“. Das heißt nichts anderes als: die Summe dessen, was ich als Kind und Jugendlicher während meiner Persönlichkeitsbildung erfahren habe, und die Summe dessen, was ich an zulässigen (!) Reaktionsmöglichkeiten erlernt habe, um im Zweifel mich selbst zu schützen und mir das Aufwachsen zu ermöglichen.

Es ist eigentlich naheliegend, dass Reaktionsweisen, die von einem Kind aus Kindersicht zum Schutz des eigenen Kindseins erlernt werden, im Erwachsenenleben zu massiven Problemen führen müssen. Denn ihre unbewusste Beibehaltung indiziert, dass der gesunde Reifungs- und Entwicklungsprozess an dieser Stelle blockiert wurde, um sich vor seelischen und nicht selten auch körperlichen Verletzungen zu schützen. Hier setzt die analytische Arbeit ein: Wann mache ich mich klein? Wann trete ich mit meinen Bedürfnissen zurück zugunsten anderer? Wann verteidige ich meine Grenzen aggressiv, wann lasse ich Grenzüberschreitungen zu? Wieviel verdrängte Wut, wieviel abgekapselte Trauer trage ich in mir, die ich niemals äußern durfte, weil es mir als Kind z.B. eine autoritäre Zurechtweisung (oder gar Misshandlung) eingebracht hätte? Weil niemand bereit war, mich wahrzunehmen, mir zuzuhören?

Bin ich als Erwachsene/r bereit, mich ebenfalls dauernd zurückzunehmen und eigene Empfindungen zu verdrängen, so gerate ich unweigerlich in Schwierigkeiten. Lebe ich die Kindheitserfahrung aus, dass ich sofort angreifen muss, wenn ich kritisiert werde, dann habe ich in der Arbeitswelt ebenfalls einen schweren Stand. Und, und, und, und…. Auch nach über fünfzehn Jahren Coachingpraxis begegne ich immer wieder Neuem. Und DAS sind die psychischen Probleme, die dargestellt werden sollen. Anscheinend funktioniert es, denn in der Masse der Zuschriften überwiegt, von vereinzelten Stimmen abgesehen, bei weitem die Zustimmung: Ich habe etwas Neues gelernt und verstehe bestimmte Dinge jetzt besser! Endlich begreife ich jetzt einen Fall aus meinem persönlichen Umfeld! Etc.  – Nun ja, genau das ist ja auch der Sinn der Sache.

Natürlich vollzieht eine derartige Aufdeckungsarbeit sich in der Praxis nicht ohne Anstrengung, und – das muss von vorne herein klar sein – sie schlaucht auch mal. Denn es ist nicht angenehm, einen Teil seines vertrauten Selbstbildes loszulassen und zu realisieren: Das bin ja gar nicht ich! Das ist ja meine ganz persönliche, reaktiv angeeignete Schutzhaltung! – Hier versuchen manche Klienten auch, schlicht zu kneifen. Die Liste der Ausflüchte ist lang, und am Ende bedeuten diese stets: unbewusster innerer Widerstand wird aktiv, denn jede Fehlhaltung verteidigt sich mit Klauen und Zähnen gegen ihre Aufdeckung. Klar, denn danach überlebt sie nicht mehr lange.

Wer allerdings Spektakuläres erwartet, liegt falsch: Die Veränderungen eines Klienten vollziehen sich auf Taubenfüßen und beginnen stets mit etwas scheinbar Banalem, vom Betroffenen selbst meist nicht realisiert. Es ist wie eine positive Infektion, die sich sukzessive ausbreitet und plötzlich den gesamten Lebensbereich neu bestimmt. Dies ist der Punkt, wo die Klienten auf einmal neue Energie und neue Selbstsicherheit ausstrahlen: Zum ersten Mal habe ich mich gewehrt; einen Konflikt abgefangen anstatt ihn eskalieren zu lassen; Grenzen gesetzt anstatt mich selbst auszubeuten; mich von einem Mitarbeiter getrennt anstatt mich seinen neurotischen Spielchen weiter zu fügen; mir erlaubt mich wohl zu fühlen anstatt mir unentwegt Leistung abzupressen. Etc., etc., etc. …

Damit verändern sich Lebensentwürfe vom hilflos Erduldeten zum autonom Gestalteten. Jedes Mal wieder ist es auch für den Coach faszinierend. Dass diese Möglichkeit ganz real besteht und nicht nur als Wunschvorstellung, das zu verdeutlichen ist der Sinn dieser Essays. Gerade deshalb werden auch die Negativbeispiele nicht ausgespart, bei denen Verdrängung und Abwehr so massiv sind, dass sie Einsicht und Änderung blockieren. Aus der psychoanalytischen Fachliteratur wissen wir, dass neurotische Zustände, die über Jahrzehnte gelebt werden, fast unvermeidbar zu körperlichen Beschwerden und/oder Erkrankungen führen. Uexküll/Wesiack haben diesen Mechanismus in ihrem Klassiker eindrucksvoll verdeutlicht und sogar belegt, dass die Interaktion eines Individuums mit seiner Umwelt sich bis auf seinen genetischen Code auswirken kann. Zwar nicht in einer Veränderung der Gene, wohl aber in der Entscheidung darüber, welche Gen-Schalter aktiviert werden und welche mittels Methylierung abgeschaltet werden. Stichwort Epigenetik. Viel zu wenig bekannt.

Doch auch wenn langfristige körperliche Schädigungen als Folge gelebter Fehlhaltungen ausbleiben, so sind die Folgen für das eigene Leben nicht selten verheerend: Dirk aus meinem letzten Essay „Über das Alleinsein“ ist so ein Beispiel, und auch einige andere habe ich dargestellt, sie sind auf meinem Blog nachzulesen. Ausnahmslos handelt es sich dabei um die realistische Darstellung beobachteter Fälle aus meinem Umfeld. Gerade sie sollen verdeutlichen, welch schwerwiegende und nicht selten existentielle Folgen sich aus mangelndem oder blockiertem Veränderungswillen ergeben. Dabei besteht eine reale Alternative, die auf dem psychoanalytischen Ansatz basiert. Man muss sie halt wollen.

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