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Mama hat Silvie dreihundert Gramm frischen Aufschnitt mitgebracht. „Du musst doch was essen!“ Die siebenundvierzigjährige Silvie lebt nach gescheiterter Ehe alleine und ist Vegetarierin. Nach Mamas Besuch, – eher ein gegenseitiges Beharken -, wirft sie dreihundert Gramm frischen  Aufschnitt wütend in den Müll. Danach weint sie vor Wut. Mittsiebzigerin Mama, nach wie vor vital und bestimmend, ruft am nächsten Abend an, um zu kontrollieren, ob das Kind auch gegessen hat. Silvie knallt den Hörer auf, wohl wissend, dass Mama bald wieder mit Proviant auftauchen wird. – Tatsächlich: Zwei Tage darauf bringt sie drei Schweinekoteletts. Familienglück.

Silvie ist eine schwierige Klientin. Sie versucht kurzfristig Termine zu verschieben, kommt bis zu zwanzig Minuten zu spät und beschwert sich, dass wir die versäumte Zeit nicht einfach anhängen. Sie will mir bestimmte Formulierungen untersagen, fährt mich mehrmals heftig an, wenn ihr meine Deutungen nicht behagen und versucht alle möglichen Spielchen mit mir. So gibt sie weiter, was sie erfahren hat: Willkür und totale Kontrolle. – Anstrengend, sowas.

Eigentlich ist sie bei mir, weil sie sich im Job gemobbt fühlt: In der Vertriebsabteilung des Würzburger Unternehmens zieht sie Konflikte an wie ein Magnet die Eisenspäne. Als sie das erste Mal bei mir auftaucht, ist sie präkollaptisch, und ich schicke sie gleich mal zu ihrer Hausärztin, – safety first. Die Ärztin infundiert ihr Aufbaupräparate.
„Ich brauch nur reinzukommen, schon stecken die die Köpfe zusammen. Es ist unerträglich!“
„Wer?“
„Die! Alle!“
„Und worüber reden sie?“
„Über mich! Ich spür es förmlich!“

Was Silvie spürt, sind eigene Ängste, die der Realität vorauseilen: Sie erwartet den Schlag so lange, bis er kommt. Wobei nicht zu ignorieren ist, dass „die andere Seite“ inzwischen ebenfalls stark aufgeladen ist. Silvies unbewusste Verhaltenscodes – neben ihrem primären Verhalten z.B. auch Stimmfärbung, Mimik, Körperhaltung, Gesichtsdurchblutung, Augenglanz, Bewegungsablauf und sogar kaum merkliche Gerüche – bezeichnet man als Signalität. Ziehen wir in Betracht, dass über neunzig Prozent der menschlichen Kommunikation nicht anders als im Tierreich nonverbal ablaufen, dann sind ihre Botschaften: Feindschaft, Abwehr und Angst.  Die Gegenseite reagiert mit Feindschaft, Abwertung und Angriff. Ein Circulus Vitiosus. Doch, während Silvie und ich uns bisher in der Konfliktanalyse bewegt haben und Silvie jede tiefergehende Analyse ihres eigenen Verhaltens blockierte, liefert sie mit dem Mutter-Vorfall erstmals aussagekräftiges Material.

Nicht zu übersehen also Silvies paranoide Wahrnehmung: Die gesamte Außenwelt handelt mit der Absicht, sie zu verletzen. Was nichts anderes heißt als: Erfahrene Verletzungen werden in die Außenwelt projiziert und von dort frisch zurückgeholt. Die Frage ist, wo liegt der Triggerpunkt für das Ganze? Woraus entsteht die reflexhaft schnelle Kränkbarkeit bei Kritik oder auch nur bei nicht-erwartungskonformem Verhalten eines Gegenübers, die unverzüglich in Aggression und Szenen umschlägt, so dass Silvie betriebsintern schon lange als „Zicke“ diskreditiert ist? Bei Silvie, so ergibt die tiefere Analyse des geschilderten Mutter-Vorfalls, liegt von Kindesbeinen an eine permanente Verletzung ihrer Ich-Grenzen vor. Die sture und kontrollsüchtige Mutter, eine inzwischen verwitwete Fabrikantengattin, ist gewohnt sich alles und Jeden unterzuordnen, auch das eigene Kind. Eine Eltern-Unart, die leider nur allzu oft vorzufinden ist: Die eigenen Vorstellungen vom Leben werden in das Kind gewaltsam injiziert, ohne dass dieses eine Chance hätte, überhaupt erst einmal seine Vorstellungen von der Welt zu entwickeln. Persönliche Grenzen des Kindes werden, selbstverständlich zu seinem „Besten“, missachtet und niedergetrampelt. Und so entwickelt sich im Kind die Vorstellung: Was von außen kommt, tut weh, nimmt mir meine Freiheit und zwingt mich zu etwas, das ich nicht will. Folglich dominieren Vermeidungsverhalten, schnelle Kränkbarkeit und ständiges zielloses Um-sich-Schlagen.

„Solche Menschen haben ein Loch im Ich.“, schreibt der  Schweizer Psychotherapeut Kurt Theodor Oehler. „Ein Defizit aus den Kinderjahren oder sogar ein vorgeburtliches. Werden diese Defizite verstärkt, wächst das Loch im Ich.“ – – Als wir das Thema miteinander besprochen haben, springt Silvie plötzlich auf, stürzt ins Bad und übergibt sich mehrmals.

Am nächsten Tag unternimmt sie Erstaunliches: In einer Konferenz entschuldigt sie sich bei den Kollegen für ihr Verhalten und berichtet, sie arbeite mit einem Coach daran. Das Feedback ist überraschend positiv, sie erhält Zuspruch und Ermutigung und durchbricht damit erstmalig den Kreis aus Angriff und Gegenangriff. Zwei Kolleginnen nehmen sie mit zum Mittagessen, eine bis dahin undenkbare Geste. Tags darauf fragt ein Kollege sie unter vier Augen, wie das denn so sei, mit einem Coach. Man tauscht vertraulich Probleme aus und entdeckt, dass der vermeintliche Feind Mensch ist. Silvie leuchtet glücklich, als sie mir in der nächsten Sitzung davon berichtet. Sie liefert nun selbst den Beweis, dass die feindliche Außenwelt eine imaginierte ist, – und damit eine äußere Spiegelung ihres inneren Zustandes.

Die Stabilisierung der Klientin wird massiv erschwert durch ständige Interventionen und Kontrollversuche der Mutter, die mit scharfem Instinkt die Veränderung ihrer Tochter erkennt und alles unternimmt, um diese auf den status quo ante zurückzuzwingen. Emotional allerdings reagiert Silvie nun anders: Sie hat selbst erkannt, dass ihre heftige Reaktion mit mehrfachem Übergeben eine körperliche Manifestation ihrer jahrzehntelang aufgestauten Wut ist, die sie buchstäblich „herausgekotzt“ hat. Nun ist es, als würde jede einzelne Körperzelle an ihr darauf drängen, die Wut nicht mehr selbstschädigend nach innen abzuleiten, sondern sie – so der Fachausdruck – zu externalisieren. Bei einem erneuten Beherrschungsversuch der Mutter erleidet sie einen hysterischen Schreikrampf und wirft die Mutter hinaus. Diese dekompensiert zwei Tage später und wird hospitalisiert. – Eine Aktion mit Appellcharakteristik, die das Ausmaß des ungelebten Konflikts zwischen den beiden Frauen dokumentiert.

Obwohl es ihr sehr schwer fällt, besucht Silvie ihre Mutter nicht. Wochenlang herrscht Kampfschweigen. Dann taucht die Mutter bei ihr auf und bittet (!) um ein Gespräch. Silvie führt es mit ihr, doch inzwischen durchschaut sie die manipulativen und schuldzuweisenden Strategien und kontert diese immer selbstsicherer.
„Soll ICH mich dir etwa unterordnen?“, unternimmt die Mutter einen letzten Versuch.
„Nein. Augenhöhe reicht!“

Das Gespräch dauert vier Stunden. Die Mutter gibt ihre Kontrollversuche auf, wobei unklar bleibt, ob dies aus Einsicht geschieht oder aus nachlassender Kraft. In der Folgezeit bleibt die Beziehung kühl-distanziert, doch gerade damit lässt sie Silvie nun endlich Raum für sich selbst.
Auch im Betrieb vollzieht sich sukzessive eine atmosphärische Veränderung, nachdem das alte Reiz-Reflex-Schema sich schrittweise aufzulösen scheint. Es eröffnet Silvie neue Räume für sich selbst.
Eine Frau, die auf die Fünfzig zugeht, schafft sich erstmalig die Chance, ihr Selbstwertgefühl zu entwickeln.

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