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„Junge, hier stinkt´s vielleicht!“, sag ich. „Reiß doch mal´n Fenster auf!“
Seit Evi den Horsti verlassen hat, ist er abgetaucht, drum wollte ich mal nach ihm sehen. „Für ´nen Chemiker lebst du ganz schön im Dreck!“ Als Evi noch bei ihm wohnte, war das hier ein ganz normaler Bungalow. Jetzt ist es, mit Verlaub, ein einziger Sauhaufen.

Horsti sitzt und starrt mich hilflos an. Es hat etwas Kindliches an sich, wie er wortlos die Hände hebt. Auf dem Tisch steht das Geschirr von mindestens zwei Wochen. Kopfkissen und zerwühlte Bettdecke auf der Couch. Ein Berg ungeöffneter Post auf dem Fußboden, etwa dreißig Zentimeter hoch, darunter zwei amtliche Zustellungen in leuchtendem Gelb. Als ich den Stapel gebrauchter Klamotten vor der Balkontür beiseite kriege und sie öffne, überfällt einen die Frischluft wie eine Reiterhorde. Horsti sitzt zusammengesunken und beobachtet alles. Auf der Terrasse liegen, Krallen nach oben, Evis drei geliebte Zebrafinken; vermutlich verhungert, verdurstet oder sonst irgendwas. – Risiko Internet: Evi hat einen Archäologen kennengelernt, und weg war sie nach elf Jahren, Horstis große Liebe.

Aufräumen, naja… man bräuchte eigentlich eine Schubkarre. Der Sonntagnachmittag vergeht damit, dass wir versuchen klar Schiff zu machen. Horsti muss ich kommandieren wie ein Kind. Er schlurft energielos durch den Raum, muss sich immer wieder hinsetzen und rasten, schwer atmend. – Wie ein Schwerkranker, aber das ist er ja auch. Im Poststapel finden sich einige Mahnungen und zwei Mahnbescheide, deren Widerspruchsfrist bereits abgelaufen ist.
„Sechshundertzwölf Euro der hier, und der andere vierundsiebzig Euro zwanzig“, konstatiere ich. „Hast Du das Geld?“
„Klar“, zuckt er die Schultern. „Das ist nicht das Problem. Aber ich schaff´s nicht, es zu überweisen. Es ist, als wär ich unter ner Glasglocke und komm nicht raus. Mein Arbeitgeber hat schon zweimal angerufen wegen meiner Krankschreibung. Ich hab die hier irgendwo liegen, aber ich krieg´s nicht fertig, die in ein Kuvert zu stecken. Es ist so, als wär ein elektrischer Draht abgeklemmt. Ich will, aber es geht nicht.“
„Und der überquellende Briefkasten da draußen?“
„Ich steh immer wieder davor und denk mir, ich muss ihn unbedingt leeren. Aber wenn ich den Arm heben will, um ihn aufzumachen, krieg ich´n nicht hoch. Als wär er aus Stein.“ Sagt Horsti und schält sich mit dem gleichen Arm eine Banane.

Was wie eine schlechte Schnurre klingt, ist bittere Realität und für die Betroffenen oftmals eine Katastrophe existentiellen Ausmaßes: Handlungsstörung, bisweilen auch Handlungssperrung genannt. Wer danach googlet, findet eine einzige Publikation von Slaby und Stephan (2012). Faust und Uexküll, die beiden Klassiker der Psychiatrie und Psychosomatik, schweigen sich darüber aus. In Skripten für angehende Heilpraktiker Psychologie findet sich ein knapper Hinweis. – Eine Fußnote des depressiven Krankheitsgeschehens eben, und doch so furchtbar, als würde man jemandem eine Handgranate ins Wohnzimmer werfen.

„Nur wer handeln kann, situiert sich in der Wirklichkeit.“, schreibt Slaby. – Anders gesprochen: Wer seine Handlungsfähigkeit verliert, der ist im Leben verloren. Tatsächlich kommt es als Folge einer Depression oder einer schweren Traumatisierung oft dazu, dass ein Mensch in bestimmten Bereichen seine Fähigkeit verliert, aktiv zu werden, während andere völlig problemlos funktionieren: Es ist als hätte jemand die zugehörige Software deinstalliert. Nichts geht mehr. Mir ist ein Fall bekannt, wo jemand außerstande war eine behördliche Anfrage zu beantworten, obwohl die zügige Beantwortung ihm einen finanziellen Vorteil gebracht hätte. Nicht selten betreffen diese Störungen, unbewusst verbunden mit Selbstwertgefühl und Entwertungserlebnissen, wichtige Bereiche der existentiellen Daseinsvorsorge. Dass die basale Erkrankung, – also meist Depression – durch solche Komplikationen noch weiter verschlimmert wird, bedarf keiner Erläuterung.

Da diese Störung weitgehend unbekannt ist, erschöpfen sich Ratschläge des engeren Kreises und der Hausärzte nicht selten in einem banalen: „Du musst dich eben zwingen!“, verbunden mit einem Appell zu mehr Disziplin. – Das ist ungefähr so, als würde man einen Rollstuhlfahrer dafür tadeln, dass er keinen Stabhochsprung betreibt. „Etwas technizistisch könnte man sagen, dass die operative Stabilität der Person vermindert und schließlich mehr und mehr erodiert ist; dazu zählen sowohl die Fähigkeit zu handeln als auch die Fähigkeit zu widerstehen. Als Folge erscheinen selbst routinemäßige Tätigkeiten als Herausforderungen, die größte Anstrengungen erfordern, bis sie irgendwann zur Gänze unmöglich erscheinen.“, beschreibt Slaby es nüchtern.

Freuds altes Diktum, dass die Neurose sich mit allen Mitteln selbst schützt, bestätigte sich leider auch bei Horsti: Jeglichen Vorschlag, sich wegen seiner Probleme behandeln zu lassen, lehnte er brüsk ab. „Ich krieg das schon selber wieder hin. Eigentlich kann ich´s ja auch. Auf´n paar Tage kommt´s ja nun wirklich nicht an.“ – Erst als sie ihm das Konto pfändeten und er plötzlich total blockiert war, rief er mich in heller Panik an. Ich schickte ihn zu einer befreundeten Psychiaterin, mit der er nach einigen Sitzungen einen Riesenkrach vom Zaun brach und wutentbrannt die Behandlung beendete.

Sie war professionell genug, dies nicht persönlich zu nehmen, sondern als Manifestation eines gewaltigen unbewussten Widerstands, der sich seine intellektualisierende Rechtfertigung suchte: Es kommt immer wieder einmal vor, dass bei analytisch orientierten Gesprächen die Klienten massive Ausbruchsversuche unternehmen, für die sie teilweise recht durchsichtige Begründungen konstruieren. Man darf getrost annehmen, dass Horstis Gespräche einen Punkt erreicht hatten, wo es ans „Eingemachte“ ging. – Sprich: einen verdrängten und höchst schmerzvollen Konflikt, dessen anstehende Auflösung einen unwiderstehlichen Fluchtreflex auslöste. Kommt es nach einiger Zeit der Abstinenz dann zu einer Wiederannäherung, so wird die gemeinsame Arbeit intensiv und fruchtbar, wenngleich für den Klienten emotional äußerst fordernd. – Bevor er dann sein Veränderungspotential aktiviert.

Auch Horsti kehrte nach achtwöchiger Abstinenz in seine analytische Beziehung zurück. Es gelang, seine Selbstwertstörung und seine von Evi offenbar als erstickend empfundenen Anklammerungstendenzen so zu bearbeiten, dass er tatsächlich eine sogenannte „Nachreifung“ vollzog. Erst jetzt erkannte er auch, dass Evi schon frühzeitig Signale ihrer Unzufriedenheit gesetzt hatte. – Horsti fing sich wieder, wenngleich in kleinen Schritten. Allerdings hatte er einen Berg aufgestauter Probleme abzutragen. Interessanterweise stand nach fast einjähriger Trennung unerwartet Evi vor seiner Tür: Ihr neuer Partner hatte infantile Abhängigkeits- und Kontrollmechanismen entwickelt, die ihr noch viel mehr zusetzten als die ihres Ehemannes. Anscheinend wies auch sie die unbewusste Tendenz auf, sich solche Partner zu suchen. Sie machten ein paar gemeinsame Sitzungen und probierten es nochmals miteinander. Bisher läuft es. Einigermaßen.

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