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„Er sitzt nur und sitzt und sitzt und redet nichts mehr!“, sagt die ehemalige Klientin. „Ich erkenn meinen Mann nicht wieder!“
„Wie lange schon?“
„Seit sie ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt haben. – – Ich hab alles probiert, aber ich erreich ihn nicht. Das ist wie ein völlig fremder Mensch. Nur manchmal, wenn er in meinen Armen liegt, spür ich ihn noch!“

Tja. Erst Deutschland-Chef eines internationalen Unternehmens, dann gerade mal fünf Minuten, um den Schreibtisch auszuräumen. Aus dem Nichts heraus, scheinbar. Als ich ihm ein paar Monate zuvor begegnet war, hatte er mir noch mit professioneller Coolness von seinen Gesprächen in Moskau, Riga und Tallinn erzählt. Der Europachef sei extra aus Madrid eingeflogen, um ihn zu begleiten, und sofort hatten sich mir ein paar Härchen aufgestellt: In der Industrie ist das nicht selten das Zeichen, dass der Obere  etwas an sich ziehen will. – Sie hatten ihn noch benutzt, um ihnen die Kontakte zu den Regierungsspitzen herzustellen, dann hatten sie seine Stelle gestrichen und die Kompetenzen nach Madrid verlagert.

Zu Zeiten Helmut Kohls hatte ich einmal mitbekommen, wie ein enger Freund von mir, Leiter einer wichtigen politischen Institution, vier Wochen vor seiner zugesagten Wiederwahl von ihm fallen gelassen wurde: Von einem Tag auf den anderen ohne Büro, ohne Sekretärin, ohne Dienstwagen, ohne Gehalt, ohne Aufgabe. „Ich bin nur froh, dass wir unser Haus schon abbezahlt haben!“, hatte er blass und verstört geseufzt, als ich bei ihm gesessen war. Einige Jahre später starb er, viel zu jung. Wo Macht ist, geht es nun mal eiskalt zu.

„Ich kann hinreden an ihn, wie ich will!“, seufzt die Klientin. „Es geht da rein und da raus. Und ich kann nichts für ihn tun. Er sitzt nur und starrt.“ Wenigstens geht sie tags darauf mit ihm zum Arzt, weil er unklare Herzbeschwerden hat und darüber klagt, dass jede Bewegung ihm unendlich schwer falle. – Für einen passionierten Tennisspieler und Nordic Walker mehr als beunruhigend. Nebenher erwähnt sie, dass er sich nicht mehr rasiert und die Körperpflege vernachlässigt.

Depressionen, so schreiben Gaust/Hole/Wolfersdorf, werden in ihrer Gefährlichkeit oft unterschätzt. Nicht nur wegen des stets immanenten Suizidrisikos, sondern auch wegen ihrer verheerenden Auswirkungen auf alle Lebensbereiche: Denn sie werden oft nicht erkannt, und die Behandlungsversuche fixieren sich auf die vordergründige Symptomatik statt auf die kausale Erkrankung. Dabei spricht die Fachliteratur von jedem Zehnten bis jedem Dritten,  der mit dieser Erkrankung im Lauf seines Lebens konfrontiert ist. – Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Traurige Verstimmung, Unfähigkeit zur Freude, Apathie, Entschlussunfähigkeit, innere Leere, Hoffnungslosigkeit, Untergangsphantasien sind die bekannteren psychischen Symptome. Dass es auch zu einer depressiven – also nichtorganischen – Denkhemmung kommen kann, ist nicht so geläufig. Auch die sogenannte Pseudodemenz – also eine demenzähnliche Vergesslichkeit und Verwirrtheit – gehört dazu. Während der Demente allerdings nichts von seinem Zustand bemerkt, erkennt der Pseudodemente ihn genau und leidet darunter, wodurch die Depression sich oftmals verstärkt. Zu den psychomotorischen Symptomen gehören entweder innere Getriebenheit und motorische Unruhe (sogenannte Plus-Symptomatik) oder Antriebsverlust, der sich bis zum depressiven Stupor auswachsen kann (Negativ-Symptomatik): Keinerlei Reaktion erfolgt mehr auf äußere Reize, obwohl der Kranke bei klarem Bewusstsein ist.

Im körperlichen Bereich – immer wieder übersehen – manifestiert sich die Erkrankung im Verlust jeglicher Frische und Spannkraft. Nicht selten zu beobachten bei unglücklichen Ehefrauen, die sich „sooo kaputt“ fühlen, während sie ihre Ehekrise hartnäckig verdrängen. Kreislaufstörungen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust können hier ihre Ursache haben, wie auch unklare Schmerz-, Zug-, Bewegungs- und Druckgefühle. – Eigentlich gibt es kaum etwas, das die Depression NICHT in Szene zu setzen vermag. Darum sollte bei organisch nicht erklärbaren Beschwerden auch geprüft werden, ob nicht etwa eine „larvierte Depression“ vorliegt: eine depressive Erkrankung, die sich körperlich manifestiert, während der Betroffene überaktiv und agitiert wirkt, reizbar, nörgelig und schnell explodierend, so dass man nie im Leben an eine Depression denken würde. – Auf jeden Fall gehören solche Menschen in die Hand eines Facharztes.

Dort landete, nach gemeinsamen Anstrengungen von Gattin und mir, auch der Ehemann der Klientin. Er erhielt Antidepressiva und begab sich in eine längere Behandlung. Auch wenn man heute allgemein bei Depressionen eine körperliche Prädisposition annimmt, so sind es meist bestimmte Lebensumstände, die ihren Ausbruch bewirken. Ermutigend allerdings, dass dieses Zustandsbild in der überwiegenden Zahl der Fälle weitgehend bis vollständig abklingt. – So auch bei diesem Betroffenen. Er fing sich nach einigen Monaten und hatte das Glück, dass er bei vollem Gehalt bis zur Mitte des Folgejahres freigestellt war, so dass seine Krankheitsperiode in keiner Personalakte auftauchte. Wiederhergestellt, flog er mit seiner Frau für mehrere Wochen nach Kalifornien, um mit ihr die legendäre Küstenstraße „Route 1“ von San Francisco Richtung Süden zu befahren. Dann übernahm er eine neue Führungsposition.

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1 Kommentar

Stefan – 28. März 2017

Ich will ja nicht meckern, aber wollten Sie Helmut Kohl nie wieder erwähnen?
PS: Sehr interessant die Stelle aus der Wirtschaft mit dem Vorgesetzten. Wenn Sie noch mehr solche Erfahrungen gemacht/erlebt/mitbekommen haben würde ich mich freuen darüber bei Ihnen mehr zu lesen (man kann nie wissen wofür es einmal gut sein wird).

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