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„Ich fühl mich mit Birgit sehr wohl. Die hat alles, was ich brauch´. Trotzdem werd´ ich natürlich auch in Zukunft nix anbrennen lassen.“, raunt Eric mir in vertrauter Selbstgefälligkeit zu und hebt das Glas. Fein, denke ich mir, immerhin sitzen wir hier auf seiner Hochzeitsfeier, und auch die ist schon für seine dritte Ehe. Vorsichtshalber schweige ich. Auch, als ich später den deutlich angetrunkenen Eric mit Birgit und seinem halbwüchsigen Sohn aus erster Ehe nach Hause fahre.

„Sag… deina… Mutta, die Ehe… hält länga…!“, lallt er gereizt.
„Aber hallo!“, sagt Birgit empört. „Fängt ja echt gut an!“
„Soll ich ihr das wirklich sagen?“, wendet der Junge sich verwirrt an die weiß gekleidete Birgit, und die drückt ihn an sich. Als wir ankommen, hat jemand den gesamten Vorgarten mit Klopapier dekoriert. Unerwartet passend, denke ich mir.

Und die Ehe hält, und Eric lässt, wie er immer wieder betont, nichts anbrennen. Auch als Birgit mit der gemeinsamen Tochter schwanger geht, und auch während sie sich liebevoll um die Kleine kümmert. Bei unseren gelegentlichen Treffen schwärmt Eric mir von seinen Affären vor, als seien sie die Trophäen seines Selbstwertgefühls, und erweist sich als völlig resistent gegen kritische Einwände. Seine Angst auf seine „Freiheit“ zu verzichten ist genau so groß wie seine Angst, dass er auffliegen und Birgit verlieren könnte. So sammelt und rammelt er weiter, was das Zeug hält. Bisweilen frage ich mich, ob und warum Birgit, – eine feine und sensible Frau – nichts mitbekommt. Irgendwann legt Eric mir ein Exemplar eines Romans von mir vor und bittet um eine Widmung: „Für Margot“ soll ich schreiben, und das geht mir dann doch zu weit.

„Ich muss höllisch aufpassen!“, seufzt Eric verschwörerisch. „Birgit kennt alle meine Tricks. Schließlich weiß sie, wie ich mit ihr damals meine zweite Frau hinter´s Licht geführt habe, damit ich mit ihr zusammen sein konnte.“
„Wird dir das nicht zu anstrengend?“
„Nö.“, kommt es wie von einem trotzigen Kind. „Ich brauch das eben.“

Und in Margot, einer Koblenzer Juristin, findet er dann seine Meisterin. Erst betreiben die beiden eine lebhafte und wilde Affäre, und Eric schwärmt mir von Margots außerjuristischen Qualitäten vor. Dann leiht Margot ihm ein paar tausend Euro. Kurz darauf allerdings findet sie, während Eric sich in ihrem Bad frisch macht, ein zärtliches Brieflein von Steffi in seiner Sakkotasche und holt ihn sich gleich mal aus dem Bad. Und nun ist sogar Erics Repertoire an Lügen und Ausflüchten erschöpft, sie wirft ihn hochkant hinaus.

„Macht nix.“, verkündet er frei von allen Selbstzweifeln. „Findet sich immer was Neues.“
Schon, aber als er das Geld nicht zurückzahlen kann, pfändet Juristin Margot ihm sein Gehalt, und das wiederum kann er Birgit nicht richtig erklären und muss die Hosen runterlassen. So wird aus dem Götterweib Margot nun also eine „miese Schlampe“, nur reicht diese Erklärung gegenüber dem Arbeitgeber nicht richtig aus. – Margot war eine gute Kundin des Möbelhauses, als dessen Niederlassungsleiter Eric fungiert. Erst ruft Birgit mich an und kotzt sich lange bei mir aus. Dann ruft Eric mich an mit der Standardeinleitung: „Du bist doch Coach.“

Da er sich bekanntlich nichts vorzuwerfen habe, soll ich Birgit coachen, „damit die langsam mal wieder vernünftig wird.“ Denn Birgit will sich scheiden lassen. Eric allerdings meint, ich soll sie so hinmodellieren, dass sie seine Dauerexkursionen „versteht“.
„Wenn hier überhaupt über etwas geredet wird, dann nur mit dir und über deinen promisken Zwang.“, sage ich.
„Was´n Zwang?“, fragt er empört. „Mich zwingt doch keiner, ich brauch das eben. Oder glaubst du echt, ich lass deswegen jetzt was anbrennen?“
„Deine Frau brennt schon.“, sage ich. Vier Wochen später hält er ihr amtlich zugestelltes Scheidungsbegehren in der Hand, als er unangekündigt bei mir auftaucht.

Man kann nun über Eric sein moralisches Urteil fällen und sich damit bequem aus der Affäre ziehen. Fakt aber ist: Irgendwo tickt er nicht richtig. Nicht nur sein suchthaftes Hetzen nach Affären fällt auf, auch deren Unverzichtbarkeit für die Aufrechterhaltung seines Selbstwertgefühls, die narzisstische Ausblendung all dessen, was er in der Seele seiner Partnerin anrichtet, nicht weniger auch die hermetische Abwehr von Verantwortung. Am auffälligsten allerdings ist ein immer wieder aus dem Nichts heraus durchbrechender Groll, den er in sich trägt, und den er vordergründig gegen die „Jordanplantscher“ richtet, – zusammenhangloser Antisemitismus also, der genauso resistent ist gegen Rationalität wie dieser gesamte Persönlichkeitsbereich.

Mein Coaching pflege ich normalerweise anzubieten und die Entscheidung darüber dem Klienten zu überlassen. Eric allerdings verdonnere ich dazu. In den ersten drei Sitzungen stoße ich nur auf betonierte Abwehr: Ich bin eben so, ich brauch das eben, ich hab das immer so gemacht, wieso soll ich damit jetzt aufhören, ich hab doch alles im Griff. (Übrigens eine Lieblingsfloskel von Coachingklienten.) Immer sichtbarer wird, dass es bei Erics Affärensucht um eine psychische Überlebensstrategie geht: Er braucht diese „Erfolge“, denn nur damit kann er etwas zudecken, das er nicht (mehr) ansehen und noch weniger spüren will.

„Sexsucht“ ist der Titel eines hervorragenden Werks von Kornelius Roth, in dem er die psychischen Hintergründe dieses offensichtlichen Zwangsverhaltens ausleuchtet. Die unübersehbare Symptomcharakteristik von Erics Verhalten legt die Vermutung nahe, dass es sich um ein viel breiter ausgelegtes Problem handelt, als er auch nur ansatzweise einräumen will. Folgerichtig zeigt sein Verhalten auch und gerade eine sogenannte Appellcharakteristik: den Hilfeschrei eines kleinen Jungen. Er heißt: Ich bin unfähig, dauerhaft Vertrauen zu empfinden; weder zu mir selbst noch zu anderen, und schon gar nicht zu Frauen. Ich kann mich nicht fallen lassen, denn das macht mich verwundbar. Allgemein kann ich mit Menschen nur manipulativ umgehen, denn so kontrolliere ich sie. Und nur wenn ich zu jeder Frau auf Distanz bleibe, fühle ich mich sicher. – Bloß, der unerfüllte Wunsch geliebt und angenommen zu werden, der sich in seinem dauerhaften Groll offenbart, bleibt auf diese Weise offen und treibt ihn weiter an. Von Affäre zu Affäre zu Affäre. In die anstehende dritte Scheidung, und – wie sich kurz darauf zeigt – in den Jobverlust, weil offenbar noch andere Kundinnen ihn bei der Geschäftsleitung angeschwärzt haben.

Roth zeigt nachvollziehbar auf, dass solche Charaktere über zutiefst zerrüttete Elternbeziehungen verfügen, selbst wenn der äußere Anschein Anderes suggeriert und die jährlichen Familienrituale brav eingehalten werden. So auch bei Eric: der störrische und trinkfreudige Vater, ein rigider Katholik, der dem Kind jeglichen Körperkontakt verweigerte, neigte zu Ausbrüchen, vor denen Eric sich in eine besonders intensive Beziehung zur Mutter flüchtete. – Diese sich allerdings auch zu ihm, und so wurde der Vater zu einer randständigen Figur, die von beiden abfällig behandelt wurde und als positives Identifikationsobjekt für Eric völlig ausfiel. Als Eric von seiner Mutter spricht, laufen dem alten Haudegen unerwartet zwei Tränen über die Wangen. Für den Vater, „der meine Grenzen nie geachtet hat“, empfindet er nur Verachtung.
„Deine Mutter auch nicht.“, sage ich.
„Was?“
„Auch sie hat deine Grenzen verletzt. Eure Beziehung hatte und hat etwas von einer symbiotischen Notgemeinschaft. Du hast Dich bis heute nicht abgelöst von ihr.“
„Ich soll meine Mutter aufgeben?! Hast du ein´ an der Waffel?!“

Ich würde Eric gerne zu einem Düsseldorfer Spezialisten für Sexualstörungen schicken, das verweigert er strikt. Jetzt wird die Situation brenzlig: Macht er mich unbewusst zum Vater, dem er sich rachehaft verweigert, weil der ihm die Mutter wegnehmen will, dann kommen wir in schwieriges Fahrwasser. Ich muss lange über meine eigene Rolle nachdenken und bitte mir Bedenkzeit aus.

„Du verdammter Hund, du hast Recht!“ eröffnet er die nächste Sitzung.
„???“ – Man kommt ja auch nicht immer gleich mit.
Dann sprudelt es aus ihm, ein eruptiver Redeschwall mit gehetzter Stimme und verzerrten Zügen, geschlagene siebzig Minuten lang, während derer es in seinem Brustkasten arbeitet wie in einem Kraftwerk. Nebenher leert er die ganze Kaffeekanne.

Bilder stehen im Raum: Der Vater, Kriegsgeneration, emotional schwerst gehemmt, hat ihn kein einziges Mal in den Arm genommen, nur beim Strafen war er zuverlässig. Die Mutter, bepöbelt und häufig zusammengeschrien, fühlte sich abgewertet und benutzt, wollte längst weg, „aber sie blieb nur wegen mir“. Und so klammerten beide sich aneinander ohne zu merken, dass sie sich gegenseitig überforderten: Die Mutter konnte Eric den Vater nicht ersetzen, und Eric ihr nicht den Partner. Aber er genoss es, wie er sich plötzlich erinnerte, wie warm und angenehm ihr Frauenkörper sich anfühlte, wenn er als Elfjähriger mit ihr im Bett kuschelte, auch wenn er sich dabei etwas schuldig fühlte. Doch Mama genoss es auch und drückte ihn eng an sich. – Bis der Vater aus der Kneipe kam und Eric zurück musste ins eigene Bett, weg von der zärtlich streichelnden Mutter. Sobald er von ihr spricht, wird die machohaft-flache Stimme weich und warm. Und es wird erkennbar, wieviel Einsamkeit und Abwertung er kompensiert durch sein unentwegtes Jagen nach Erfolg bei Frauen.

Eine gesunde psychische Entwicklung jedenfalls ist unter solchen Umständen nicht möglich. Es wird ein Gemisch aus seelischer Vernachlässigung, unterdrücktem Hass, Grenzverletzungen und nicht zuletzt unterdrückten inzestuösen Wünschen, – und zwar durchaus beidseitig. Nach zwei weiteren Sitzungen willigt Eric ein zum Spezialisten zu gehen und bittet Birgit um Verzeihung. Entgegen meiner Erwartung nimmt sie an. – Sage mir einer noch etwas über die Geheimnisse einer Frauenseele.
Ein Jahr später haben sich die Situation und Erics Ehe tatsächlich wieder stabilisiert. Eric, so scheint es, beginnt das erste Mal eine Frau zu lieben.