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Als die Kugel in den Erdwall rauscht, keine dreißig-vierzig Zentimeter rechts an mir vorbei, gucke ich erst mal interessiert hinterher. 357 Magnum, die reißt einem ja doch ganz schöne Löcher in den Bauch.

„Hoppala!“ sagt der Manni freudig. „Ja, da schau her!“
Ich schenke ihm einen müden Blick. „Langsam könntest das mal lassen.“ Immerhin war´s jetzt das zweite Mal. Letzte Woche auch schon.
„Da war glatt noch eine in der Trommel!“
„Jetzt nimmer“, sage ich, „die anderen fünf sind eh raus.“
Der Manni guckt interessiert auf die rauchende Mündung. „Da is er rauskommen!“, sagt er, „Gell? Aber i hab ja eh daneben ´zielt!“
„Good for you.“  Für einen Schießtrainer ist er ja manchmal etwas zerstreut, der Manni. Auch für einen ehrenamtlichen.

Solche Dinge passieren, wenn man sehr lange zielt, dabei die Konzentration verliert und deshalb die Waffe wieder sinken lässt, während man mit einem leichten Druck des Zeigefingers den Abzug auslöst – den Daumen fest auf dem Abzugshahn – und sie so wieder entspannt. Dann geht der Hahn kontrolliert nach vorne, ohne den Schuss auszulösen. Die nicht verschossene Patrone allerdings wird durch die Bewegung des Abzugshahns in der Trommel weiterbewegt, als wäre sie jetzt leer. Hat man die Trommel durchgeschossen, rotiert die noch scharfe Patrone wieder in Abschussposition. Wenn dann jemand abdrückt, geht die Kugel raus. Es empfiehlt sich, in solchen Momenten nicht davor zu stehen.

„Ma´ darf halt nie auf jemand´ zielen!“, sagt der Manni voller Inbrunst. „Des is schon wichtig.“
„Zielen nicht.“, sage ich gereizt. „Mitzählen wär´ schon nicht schlecht.“
Manni hatte mir die Waffe aus der Hand genommen, um mir nochmals den weichen Druck der Fingerkuppe gegen den Abzugsbügel zu demonstrieren: So sanft, dass der Schuss praktisch von selber bricht. Die Mündung hatte knapp an meinem Körper vorbeigedeutet, als Mannis Theorie sich in die Praxis umsetzte. Vorige Woche auch schon. Beide Male fand ich zuhause ein paar Schmauchspuren seitlich auf dem Hemd.

„Da hätt´st g´schaut, wenn i dich daschossen hätt´!“, lacht der Manni etwas zu laut und wechselt die Papierscheibe aus. Als ich ihn hinterher bei einem Capuccino auf seinen Fehler anspreche, lacht er nochmals jovial: „Ah was, i hab ja net auf dich ´zielt, sondern extra daneben! No risk, no fun!“ – Sein Verhalten deckt sich mit mir bekannten vereinzelten Stimmen seiner Kunden, die mit der Leistung seiner Installateursfirma unzufrieden waren: Es wird alles weggelacht, und es bleibt das Gefühl von ein bisschen zu viel Show. Wie man überhaupt bei Manni stets das Gefühl hat, dass er etwas arg viel Aufmerksamkeit braucht und sein Verhalten immer etwas aufgesetzt wirkt. Oft bekommt man das Gefühl: Da ist noch irgendwas dahinter, was er nicht zeigen will.

Was er nicht zeigen will, ist Betroffenheit, denn die wäre ein Schuldanerkenntnis, – das Eingeständnis eines Fehlers also. Für die Histrioniker nämlich ist Schuld gleichbedeutend mit Untergang: sie ertragen sie nicht, nicht einmal den Gedanken daran. – Und bisweilen, wenn man sieht, wie verzweifelt sie sich dagegen wehren, kommen einem instinktiv die Bilder eines kleinen Kindes, das sich vor Angst einnässt.

Womit wir also zu tun haben, ist Schuldabwehr, die histrionisch präsentiert wird. Bekannt ist meist die andere Form der histrionischen Struktur: Gackernde Hysterikerinnen, die durch ihr schrilles und sexualisiertes Auftreten alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Bei ihnen gehört es unvermeidlich zum Gesamtauftritt, dass sie Schuld und Verantwortung entrüstet von sich weisen, und seien diese noch so offensichtlich. Krassestes Beispiel war eine Bekannte, die unentwegt mit den Füßen an der schweren Glasplatte meines Wohnzimmertisches herumwackelte, bis diese sich selbständig machte und mit sechzig Kilo Gewicht krachend aufs Parkett schlug. Auf meine erschreckte Frage: „Sag mal, hast du sie noch alle?“ kam ein empörtes: „Was redest du denn für Zeuch, ich war das nicht!“ – Schuldabwehr durch Verleugnung.

Die Männervariante bedient sich meist der jovial-herzlichen Inszenierung: Es wird mit aufgesetzter Fröhlichkeit geleugnet, was offensichtlich ist; wobei das Lachen hölzern wirkt, die Scherze seicht und gekünstelt. Dies nicht zuletzt, weil das unterliegende Schuldgefühl durch sie hindurchscheint wie Licht durch einen dünnen Vorhang. Schuld, sozusagen, wird weggelacht, wobei dem Betroffenen das schale und unzufriedene Gefühl verbleibt, während der Täter sich emotional aus dem Staub gemacht hat.

Diese Abwehrstrategie ist oft vorzufinden in autoritär bestimmten Unternehmenskulturen. Wo „perfekte Leistung“ abverlangt wird (ohnehin eine Schimäre und Ausdruck eines ins Angsthafte übersteigerten Perfektionszwangs), wachsen die schneidig überspielten Versagensängste ins Pathologische. Nicht selten manifestieren sie sich in einer hohen Krankheitsrate, auch wenn diese dann verdrängt wird, weil die Mitarbeiter vor Angst zur Arbeit erscheinen. Typischerweise ist in diesen Häusern der Leistungsdruck so immens, dass die natürliche Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, blockiert ist durch Strafangst. Damit entfällt die Möglichkeit jeglicher Fehlerkorrektur zugunsten pathologischer Schuldabwehr: Da „Schwäche“ nicht geduldet wird, kann nicht korrigiert werden, was offiziell nicht existiert. Jemand, der wie ich berufsbedingt in vielen Unternehmen unterwegs ist, kennt diese Männerrunden, die sich vor lauter Heiterkeit gar nicht mehr einkriegen können, während sie sich dabei unentwegt gegenseitig beobachten. – Man muss nur erst dahinterkommen, dass hier die nackte Angst regiert; und nicht zuletzt der Zwang, um jeden Preis „dazu“ zu gehören. Ausnahmslos alle – ich betone: ausnahmslos alle – weisen in ihrer Kindheitsgeschichte schwere traumatische Erfahrungen auf, die in der Regel eingebettet sind in eine repressive Erziehungsatmosphäre und ausgeprägte Zuwendungsdefizite. Solche Menschen schaffen es oft bis weit an die Spitze. Getrieben jedoch sind sie von Kindheitsängsten und Entwertungserlebnissen, gegen die sie verbissen anarbeiten. Ihre Erfolge freuen sie nicht wirklich. Eher sind sie eine Art Gegenbeweis der Art: Seht ihr, Papa/Mama, ich bin DOCH etwas wert!

Bei einem Handwerker wie Manni war es nicht ganz so krass. Ich machte keine Termine mehr mit ihm, und verzichtete darauf, meine Schießkünste aufzufrischen. Ein knappes Jahr später stand er unerwartet vor meiner Tür. „Wie geht´n des, mit deiner Dings… deiner Coacherei?“ Er war grau im Gesicht. Keine Scherze mehr.
Einer seiner Mitarbeiter hatte Mist gebaut, und Manni hatte es dem Auftraggeber gegenüber verschwiegen. Der Kunde hatte sich aufgrund der fehlerhaften Leistung verletzt und Strafantrag gestellt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Dazu hatte er Schadensersatzklage erhoben. Mannis Strategie, das Ganze mit flotten Sprüchen und ein paar Gefälligkeiten zu erledigen, war ins Leere gelaufen. Jetzt hatte er Angst um seine Existenz. Die ersten vierzig Minuten verbrachte er damit, mir dazulegen, was für ein Vollidiot der Kunde sei. „Wenn einer sich z´wegens sowas verletzt, dann g´hört der eing´sperrt wegen Dummheit! Des is jedenfalls meine Meinung. Aber bei unserne saubernen Herrn Juristen…“
„Genug jetzt, Manni.“

In Mannis Vorstellung war klar, wie das Coaching zu verlaufen hatte: Ich hatte seine Meinung über den Vollpfosten von Kunden zu teilen und ihm dann – quasi ex cathedra – zu sagen, wie er so einen erledigen konnte. „Und zwar so, dass der sich nie wieder rührt, verstehst!“
Erst in der dritten Sitzung, mit viel Mühe und einem Höchstmaß an Feinfühligkeit, brachte ich ihn dazu, sich selbst zu reflektieren. Das setzte unerwartet ein, wie ein Sturzbach, und Manni kam kaum mit dem Reden hinterher, so sehr purzelten auf einmal die Bilder durch seinen Kopf.
„Woher kommt diese Angst, Manni?“, fragte ich. „Woher diese panische Angst vorm Schuldsein?“
Er war rot angelaufen. Sein urgemütliches Handwerkergesicht hatte sich im Schmerz verzerrt.
„Wennst selber gar nix dafür kannst… und dann wirst trotzdem… Aaaah ja, Scheißdreck, glaubst….“ Er schwieg, und es arbeitete in ihm. Wir kannten uns seit unserer Kindheit, und urplötzlich schossen mir wieder diese Bilder durch den Kopf, als hätte der Manni sie gerade losgetreten.

„Die Kiesgrube, gell?“
Er presste die Lippen zusammen. „Nie wieder!“ explodierte es aus ihm. „Nie wieder, verstehst!“ Er schlug die Hände vors Gesicht.

Am Nordrand unserer Stadt war eine alte Kiesgrube gewesen. Als Jungs hatten wir dort oft gestöbert und gespielt. Nicht zuletzt, weil wir dort die Luftschächte eines alten Flak-Bunkers entdeckt hatten, in die wir gerne hineinkrochen. Die Leute warfen alles Mögliche in die Grube. Eines Tages entdeckten wir ein stinkendes Fass voller Bücklinge. Der Dritte von uns, ein Problemkind namens Hubert, ergriff einen davon feixend am Schwanz und wedelte damit herum, bis der Schwanz abriss und der Bückling quer auf Mannis weißes Sonntagshemd flog. Manni erstarrte, denn er wusste was ihn mit dem schmutzigen Hemd zuhause erwartete. Dann verdrosch er Hubert, bis der heulend davon rannte. Ich begleitete ihn nach Hause. Manni kam gar nicht dazu, zu sagen, dass er schuldlos war. Sein Stiefvater, ein verbitterter Kriegsheimkehrer, der in Russland ein Bein verloren hatte, hatte blitzschnell seine rechte Krücke hochschnellen lassen und sie Manni über den Rücken gezogen. Während Manni von dem Schlag taumelte und vor Schmerzen schrie, verdrosch der Alte ihn, bis er sich nur noch wimmernd auf dem Boden rollte. Ich hatte bis zum Schluss entsetzt zugesehen und war dann davongerannt.

„I will nie wieder schuld sein, verstehst?“
„Die Schuld lag nie bei Dir, Manni.“
Manni begann zu begreifen, dass seine Schuldabwehr war, was sie praktisch immer ist: der Schutzmechanismus eines Kindes gegen seelische und/oder körperliche Misshandlung. Umsonst entsteht keine Angst. In den folgenden Sitzungen begann er seine Angst abzulegen, dann stoppte er, weil seine Frau sich über die Kosten beschwerte. Aber wohl auch aus Stolz, denn den Rest wollte er alleine schaffen. Nebenher hatte ich ihn noch mit einem Münchener Anwalt zusammengebracht, der ihm half, einigermaßen heil aus der Sache herauszukommen.

„I weiß gar net, wie i dir danken soll!“, sagte der Manni.
„Ist mein Beruf.“, grinste ich.
„Echt, des hat mir sehr g´holfen, dein Zeugl. Ganz verstanden hab i´s ja net…“
Er haute mir die Pranke auf die Schulter. „Magst net wieder amal schießen geh´n, sag? Warst auf einmal verschwunden, damals!“
„Geile Idee, Manni!“, antwortete ich, während mein Magen sich leicht zusammenzog. „Machen wir unbedingt!“

1 Kommentar

Petra Möller – 4. November 2016

Eine tragisch-komische, aber sehr realistische Darstellung von Coaching und von der Aufarbeitung vergangener Erlebnisse. Wer kennt das nicht? Insbesondere die „gackernden Hysterikerinnen und „heiteren Männerrunden“ ließen mich sehr schmunzeln! So treffend!

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