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Willy war echt eine arme Sau. Er hatte etwas Verstörtes an sich, etwas zutiefst Traumatisiertes, etwas Immer-irgendwie-Abwesendes, das ihn wie ein verlorenes Kind herumlaufen ließ. Die fast gürtellange blonde Mähne und die bestickten Jeans mit dem breiten Gürtel und der Riesenschnalle, die in auffälligen weißen Cowboystiefeln steckten, verliehen ihm etwas Schräges. Etwas, das nirgends so richtig dazu passte. Aber der Willy passte halt auch nirgends dazu. Seine Finger waren gelb vom Zigarettenrauchen, und wenn man ihn ansprach, dann würgte er, und sein Kehlkopf hüpfte auf und ab, bis er endlich den ersten Satz herausbrachte. Auf mich wirkte es wie ein kleiner Hirndefekt. – Die Arbeitskollegen machten mit ihm, was sie wollten, und er nahm alles demütig hin: Dumme Sprüche, kleine Schikanen, derbe Streiche.

„Isch will mein Leben lang nur n janz kleines Rädchen sein.“, sagte er in seinem rheinischen Singsang und nahm einen fahrigen Zug. „Immer janz unten, dat is jenug für misch. Verstehsse?“ Der Vorarbeiter der Farbenfabrik, in der ich einen Studentenjob gefunden hatte, kam auf uns zu, – ein urgemütlicher, freundlicher Italiener namens Bernardo, und er gab Willy eine Anweisung. Mitten im Satz drehte der bei und ging augenblicklich los. „Isch will einfach nur immer jesagt kriejen, wat isch zu tun hab!“, drehte er sich im Gehen nochmals um. Dann war er um die Ecke. „Isse echte die eine arme Teufel, mama mia!“, sagte Bernardo und ging kopfschüttelnd davon.

Willy war, wie er mir in einer Arbeitspause erzählt hatte, unter einem brutal prügelnden Stiefvater aufgewachsen, der seinen Willen früh mit ein paar Tritten gebrochen hatte. Sein eigener Vater, den er kaum gekannt hatte, war mit fünfunddreißig im Alkoholdelirium krepiert, und man hatte seine Leiche erst nach Tagen in einem leerstehenden Gebäude gefunden. Seine Mutter, die jedem guten Drink vom Aufstehen um halb sieben Uhr morgens bis zum ersten Steinhäger um halb acht Uhr morgens konsequent abgeneigt war, hatte immer neben den Schuhen gestanden, wenn er von der Schule kam. Regelmäßig hatte er um sein Essen betteln müssen. Der Stiefvater, auch nicht gerade ein Abstinenzler, hatte ein tyrannisches Regiment geführt und Willy früh mit Faustschlägen klargemacht, dass er stillzuhalten hatte. Und Willy hatte pariert und stillgehalten. Er stand wortlos daneben, wenn der Unhold seine Mutter zusammenschlug, weil ihm das so aufgetragen worden war. Und er ging wortlos aus dem Zimmer, als der Stiefvater ihn hinaussschickte, um sich erstmalig an seiner vierzehnjährigen Schwester zu vergreifen. Und er hielt danach die Klappe, „weil misch dat so jesagt worden war.“ Willy tat eigentlich immer, was man ihm sagte, – egal, von wem es kam. „Isch weiß, dat isch nix inne Birne hab. Drum brauch isch jemand, der misch wat sagen tut.“

Rolf war ein zusammengesoffener alter SS-Mann, der links ein Glasauge trug. Er hatte, wie er gerne erzählte, im Krieg Mitglieder der französischen Resistance aufgeschlitzt, nachdem er vorher alle Informationen aus ihnen herausgeprügelt hatte.  Jetzt stand er den ganzen Tag an der Schüttwaage und schlitzte über dem Einfülltrichter Säcke mit Titandioxid auf, aus dem wir weiße Wandfarbe herstellten. Rolf hatte immer ein weißes Gesicht davon, und weil er wegen der Zigarette in seinem Mundwinkel meist keine Staubmaske trug, hustete er unentwegt. Willy hatte er besonders gefressen. Nicht weil der ihm etwas getan hatte, sondern weil Rolf in der Hackordnung der Fabrik ganz unten stand und nun endlich einen gefunden hatte, bei dem er selber noch nach unten treten konnte. Das war gefühlt ein sozialer Aufstieg um mehrere Hundert Prozent. Sobald Willy an der im Freien überdachten Schüttwaage vorbeischlich, begann Rolf eine Kaskade wildester Beleidigungen und Verwünschungen, die er dem Entgegenkommenden hinschleuderte, während er das Messer in die Papiersäcke rammte, als seien es Menschenkörper. Von Willys „blöder Fresse“ bis zu seinen angeblich stark verkümmerten Reproduktionsorganen war ihm nichts heilig.

Das Erstaunliche war, wie Willy sich verhielt: Ich hatte einmal defekte Paletten zusammengenagelt, während Rolf einfach über den von mir noch nicht bearbeiteten Stapel gepisst hatte. Ich war so wütend geworden, dass ich ihm sagte, beim nächsten Mal würde ich ihm das Kreuz brechen und ihm jeden Knochen zu Brei schlagen, unabhängig von seiner SS-Vergangenheit. Der alte Menschenschlächter war so verdattert gewesen, dass er mehrere Eimer Wasser heranschleppte und sie über den Palettenstapel schüttete, um seine Pisse wegzuspülen und mich wieder zu besänftigen.

Man hätte also annehmen können, dass Willy sich noch viel energischer gewehrt hätte, aber nix. Sobald die ordinäre Tirade einsetzte, fixierte Willy seinen Blick auf Rolf, als würde ein Scharnier einrasten. In einem Hagelsturm schlimmster Beleidigungen stakste er mechanisch auf die Schüttwaage zu und blieb vor Rolf stehen, stumm wie ein Kind, das ausgeschimpft wurde. Er legte sogar die Hände an die Hosennaht, und es sah wirklich aus, als würde er das Gesicht in den Sturm halten, was er in gewisser Weise ja auch tat.

„Warum lässt du dir das gefallen?“, fragte ich ihn während des Mittagessens in der Werkskantine.
„Wat… wat… wat..?“, fragte er verdattert.
„Hau ihn doch einfach um! Dieses versoffene alte Wrack geht doch nach dem ersten Schlag zu Boden. Dann kannst du ihn fertig machen.“
Willy schüttelte müde den Kopf. „Kann isch nit.“
„Ach was!“, insistierte ich. „Eine Faust zwischen die Zähne, und er sackt weg. Oder du trittst ihm zuerst die Beine weg.“
„Isch war zwei Jahr inne Kiste.“, sagte Willy leise. „Isch bin auf Bewährung.“
„Wat?!“ war es jetzt an mir. „Ja wofür denn?“
„Die Brüche“, sagte der Willy. „Wejen die janzen Brüche han se misch für drei Jahr inne Kiste jeschickt.“
„Du hast eingebrochen?“, fragte ich ungläubig.
„Nä!“, sagte der Willy. „Sowat mach isch nit!“
„Ja, was jetzt?“
Er holte lange Luft.

„Also… der Vater von meine Freundin, der hätt misch rausjeschmissen, mitten inne Nacht. Bin isch nach Bonn auf´n Markt. Wusst ja nit, wohin. Hatt auch nix zu essen.“
„Du lieber Himmel!“
„Kommen so drei Typen und frajen misch: Hasse Hunger? Hab isch jesagt: ja. Mehr hab isch da nit jetan.“
Ich kratzte mich ratlos hinterm Kopf.
„Jingen die mit misch die Straß´ lang, und isch denk, die laden misch ein inne Kneipe. Und vor ner Fleischerei nehmen die so nen Blumenkübel vonne Straße und hauen die die Scheibe ein. Haben misch ne Riesensalami inne Hand jedrückt und selber auch wat rausjeholt. – – – Jo, und dann war schon Polizei da. Jing janz schnell, irjendwie. Jo, und dann han die misch jekrallt.“
„Ja, und die anderen drei?“
„Weiß nit. Die waren auf einmal weg. Und isch hatt die Wurst inne Hand.“

Sie nahmen ihn mit zur Wache und buchteten ihn über Nacht ein. Dann verhörten sie ihn und konfrontierten ihn mit allen ungeklärten Einbrüchen der letzten Zeit. Und Willy gab alles zu. Neun schwere Einbrüche in Bonn und Bad Godesberg.

„Sag mal, bist du wahnsinnig?“
„Die han jesagt, isch soll jestehen. Hab isch eben jestanden.“
„Ja, aber du warst es doch gar nicht?“
„Nä! Sowas mach isch nit!“
„Ja, und warum gestehst du es dann?“
„Die han mir dat so jesagt. – Die han jesagt, isch soll jestehn. Hab isch et eben jestanden. Isch tu immer dat, wat mir jesagt wird. So hab isch dat jelernt.“
„Ja, aber du musst doch… irgendwie Details oder so…?“
„Isch hab jesagt, dat weiß isch nimmer, isch war da viel zu betrunken. Han die jesagt, dat is in Ordnung so. Hat mir aber nix jeholfen.“

Der Richter nämlich sah es als strafschärfend an, dass Willy die Namen seiner drei Kumpane nicht preisgeben wollte und nicht verraten wollte, wo die sechsstellige Beute aus den Einbrüchen abgeblieben war. Also verknackte er ihn wegen seiner „Uneinsichtigkeit“ zu drei Jahren Jugendstrafe ohne Bewährung. – Merke: Wenn Du erst mal ganz unten bist, geht es komischerweise immer noch weiter nach unten.
„Wenn isch dat jewusst hätt, hätt isch dat ja jesagt, aber isch kannt die ja selber nit! Hat mir aber keiner jeglaubt.“
„Oh Gott, Willy!“, seufzte ich.

Zu Recht weist die Fachliteratur darauf hin, Reaktionsbildung sei stets individuell, aber bei Willy war sie schon sehr individuell. Reaktionsbildung nämlich bedeutet: Ein Triebimpuls wird durch unbewusste innere Widerstände wie Angst oder Scham so intensiv gehemmt, dass er durch den gegenteiligen Impuls ersetzt wird. Das klassische Beispiel hierfür ist ein Mensch, dessen starker sexueller Triebüberschuss ihn zum wütenden Kämpfer gegen jede Form von „Pornographie“ werden lässt, – oder nicht selten zum Geistlichen, der die Heiligkeit des Zölibats energisch gegen alle Anfechtungen verteidigt. Menschen mit starken homophilen Impulsen bekämpfen Homosexualität, wo auch immer sie dies nur können. Und zwanghafte Charaktere bekämpfen die eigenen unterdrückten Autonomiewünsche, indem sie für jeden Schwachsinn Regeln aufstellen, die sie mit größter Sturheit verteidigen.

Bei Willy war infolge der Brutalität seiner „Erziehung“ selbst die kleinste Spur einer aggressiven Regung getilgt worden. Als Kind hatte er gar nicht die Möglichkeit gehabt, sich gegen das zu wehren, was er täglich durchlebte. Jede Form aggressiven Widerstands hätte für ihn lebensgefährlich werden können, und so hatte er eine Unterwürfigkeit entwickelt, ohne die er vermutlich unter den Tritten des jähzornigen Stiefvaters verendet wäre. Seine ausgeprägte aggressive Hemmung also – ein Ergebnis kindlicher Todesangst –  ließ ihn nach einem Schlag auf die linke Wange in jedem Falle die rechte darbieten und möglichst noch einiges mehr.

Gefallen, um nicht getötet zu werden, wäre vielleicht der einfachste Nenner.

Auf die masochistische Komponente solchen Verhaltens braucht hier nicht näher eingegangen zu werden. Jedenfalls, sobald Willy menschlicher Aggression begegnete, legte er sich wie ein Hund auf den Rücken und bot seine Kehle dar. Damit ist klar, was er in seinen frühen Jahren durchzumachen hatte.

Es darf nicht übersehen werden, dass dieses bizarre Verhalten zur damaligen Zeit für Willy Sinn machte. Doch – und dieses Problem stellt sich bei praktisch jedem Coaching-Klienten – ein Verhaltensmuster, das in der Kindheit funktionell war, schafft als unbewusste Befehlszeile in der Erwachsenenwelt oft allergrößte Schwierigkeiten. Willys aggressive Hemmung und die beschriebene Reaktionsbildung machten ihn zum Spielball für Jeden, ohne dass er jemals Widerstand geleistet hätte.

Zwei Monate später verließ ich die Fabrik und widmete mich wieder meinem juristischen Studium. Willy vergaß ich nie ganz, denn sein Schicksal war mir nahe gegangen. Umso erfreuter war ich, als ich ihn anderthalb Jahre später auf dem Bonner Münsterplatz antraf. Ich begrüßte ihn herzlich, doch scheiterte mein Versuch einer Unterhaltung mit ihm daran, dass er so gut wie nichts mehr herausbrachte und mich nur mit hervorquellenden Augen anstarrte. Ich ging weiter und verlor ihn aus den Augen.

Drei Jahre später rief Bernardo mich an, unser italienischer Vorarbeiter, mit dem ich weiterhin freundschaftlichen Kontakt gepflegt hatte.
„Advocato“, sagte er, denn er hatte großen Respekt vor meiner juristischen Ausbildung, „hasse du gelesene die mitte Willy?“
Sofort stellten sich meine Ohren auf. „Wieso?“, fragte ich. „Was ist mit dem?“
„Issa wiede in Gefangnis, blöde Hund.“, sagte Bernardo.
„Jetzt sag mir nicht, er hat sich wieder irgendwelche dämlichen Einbrüche anhängen lassen!“
„Nein, mama mia! Hatta eine in Krankenhaus geschlage. Hatta eine Mann so geschlage, dasse liegta inne Koma!“
„Ich glaub´s nicht!“, stöhnte ich und sank auf einen Stuhl.
„Mussu glaube!“, sagte Bernardo. „Erzähl i dir keine Phantasia!“

Irgendein Wildfremder hatte Willy in einer Altstadtkneipe angemacht, wegen einer Nichtigkeit, und Willy war total ausgerastet. Sie hatten ihn gleich am Tatort festgenommen, wo er wie ein Wahnsinniger randaliert hatte. Jetzt ging es um versuchten Totschlag, neben einer ganzen Latte anderer Delikte. Soviel zum Thema Triebdurchbruch, – die andere Seite der Reaktionsbildung, denn nur die wenigsten psychischen Abwehrstrategien funktionieren lebenslang.
„War i sauer, weil nicht kommta zu Arbeit, heute Morgen, und les i in Zeitung. Mussu kaufe die EXPRESS!“ Ich kaufte ihn tatsächlich.

Willy übrigens starb nach einer ausgeprägten Knastkarriere mit einundvierzig. Einfach so, von einem Moment auf den anderen, ohne dass eine Ursache feststellbar war.

2 Kommentare

Sylvia schramm schumann – 14. August 2016

Willy hatte nie eine Chance denn er wurde komplett zerstört. Eine tickende Zeitbombe und das Ende ist bei so einem Menschen programmiert.
Ich weiß nicht wieviele Jahre Therapie in vielleicht aus diesem Teufelskreis herausgeholt hätten wenn er es überhaupt zugelassen hätte. Willys gibt es viele auf der Welt ….

BarbaraSusanne – 14. August 2016

Willys Geschichte ist einfach nur schrecklich. Weil Willy regelmäßig um sein Essen betteln musste ist er zunächst erst mal nur das Opfer der Wurstdiebe geworden … Ich glaube, hätte Willy regelmäßig und ordentlich zu essen bekommen wären seine Chancen auch besser gewesen.

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