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Nicht, dass man ihn nicht sympathisch finden konnte, er hatte ja seine weichen und gewinnenden Seiten. Aber eben auch diese unglaubliche, gönnerhafte Überheblichkeit, die einem Dreißigjährigen schlicht nicht zustand. Vor allem, wenn ihr wesentlicher Zweck darin bestand, andere kleinzumachen. – Doch jetzt war er nun mal der Boss.
„Wenn mein eigener Sohn mir das so ins Gesicht gesagt hätte, dann hätte er jetzt links und rechts eine drin gehabt, Sie verdammter Schnösel!“, hatte der knorrige alte Vertriebschef Winterstein ihn angebellt. Nur um zuzusehen, wie Dickie es kaltlächelnd abperlen ließ. „Aber ich weiß natürlich auch, welchen Respekt ich einem jüngeren Chef schuldig bin…“ Winterstein hatte knurrend die Tür von Dickies opulent dekoriertem Büro mit den asiatischen Teakholzskulpturen zugeknallt. Kurz darauf zwangen sie ihn in den Vorruhestand.

Es war nicht zu leugnen: Dickie hatte sein Ziel erreicht. Mit einer unglaublichen Härte, die man hinter seinen weichen, stets etwas schwammigen und verletzbaren Zügen niemals vermutet hätte, hatte er seinen über siebzigjährigen Vater aus der Geschäftsführung des Unternehmens gedrängt und diese selbst übernommen. Ab jetzt, so erklärte er, würde alles anders laufen, – professioneller jedenfalls.

Das war gewagt: Der Seniorchef nämlich hatte mit einer Mischung aus Höflichkeit, gewinnender Freundlichkeit und beträchtlicher Skrupellosigkeit ein Familienimperium aufgebaut, das sich sehen lassen konnte: Am Sitz der Firmenzentrale hatte er mit den Gewinnen aus der Firma mehrere Straßenzüge aufgekauft. Er selbst residierte im einundzwanzigsten Stockwerk der Zentrale mit Blick über die Großstadt. Das Zweigwerk in Hannover brachte gute Gewinne und trug damit zum Anwachsen des Imperiums bei, nicht anders als die profitablen Niederlassungen in den Nachbarländern und der Lizenzhersteller in Belgien. Eine branchenfremde Schwesterfirma, die man erst kürzlich aufgekauft hatte, sollte für Diversität sorgen. – Der Grandseigneur selbst, über dessen unternehmerische Anfänge nicht unbedingt die allerfeinsten Geschichten erzählt wurden, war zum angesehenen Mitglied der Stadtgesellschaft avanciert, und ein Mitglied des Clans hatte es zu einer Position in der Bundespolitik gebracht. Aber Dickie fand sie alle unprofessionell. Und nun würde er dafür sorgen, dass das Unternehmen eine Zukunft hatte, sagte er.

Sowas ist meist mit Geldausgeben verbunden, und das ging er zügig an. Er kaufte drei neue Geschäftsführer für die einzelnen Geschäftsbereiche ein, stattete sie mit exquisiten Dienstwagen aus, neben dem eigenen Porsche selbstredend, und erklärte, die eigenen, bisher recht erfolgreichen, Produkte des Hauses seien nicht mehr zeitgemäß, daher müsse die Produktpalette erweitert werden. Das tat er, indem er ein „Sensationsprodukt“ einkaufte, von dem niemand in der Firma etwas hielt, und das schon kurz nach der Markteinführung mit zweiunddreißig Millionen floppte. Sowas komme halt mal vor, meinte er. Wer das kritisiere, habe nie begriffen, welch großen Pläne er mit dem Unternehmen habe. Die Luft im Hause wurde ziemlich dick; auch außerhalb, in Verbänden und Institutionen, sprach man wenig Schmeichelhaftes. Aber wer die Macht hat, hat das Sagen.

Irgendwann redete ich unter vier Augen mit ihm: „Ich weiß nicht, ob Ihnen klar ist, wie sehr Sie dem Unternehmen mit Ihrem Auftreten schaden.“, sagte ich, nachdem ich meinen ganzen Mut zusammengenommen hatte.
„Ooch ja, ein paar gibt´s ja immer.“
„Ich bin es jedenfalls leid, mir jedes Mal, wenn sie auftauchen, anzuhören: Da kommt Hedenkamp, dieses Arschloch!“
„Das sagen die?“
„Das sagen die.“

Für einen kurzen Moment durchzuckte ihn Schmerz.
„Dieser Staat hat Tausende in Ihre Erziehung investiert! Das muss sich doch irgendwann einmal bemerkbar machen!“, hatte ihn vor wenigen Tagen ein Bundestagsabgeordneter in meinem Beisein angefahren.
„Arschloch sagen die?“
„Sie hören es nie. Aber ich höre es jedes Mal.“
„Ich hab denen die ganze Tagung finanziert!“
„Ihr Geld nehmen die gerne. Aber das, worauf es Ihnen ankommt, werden Sie bei denen nicht kaufen können.“
Er überlegte lange. „Und? Was meinen Sie? Worauf kommt es mir an?“

Mir war unwohl. Ich war ein junger PR-Mann, und ich war gerade dabei, einen wichtigen Klienten zu riskieren. „Wir sind gleich alt.“, sagte ich. „Wir haben beide jede Menge eingesteckt. Sie hungern nach grenzenloser Anerkennung. Aber die werden Sie mit Geld allein nicht kriegen können.“
Vor meinem geistigen Auge sah ich gerade Dreihunderttausend Jahresumsatz davonflattern, auf Nimmerwiedersehen.
„Wissen Sie“, sagte er plötzlich leise, „wenn sie das erlebt haben, jahrelang, wie ihnen jeden Morgen aufm Schulweg das Rübenkraut aus den Stullen lief…“ Dann straffte er sich. „Selber Arschlöcher!“, sagte er. „In zehn Jahren redet niemand mehr von denen!“
Ich fühlte mich hilflos, doch als sein PR-Berater hatte ich wenigstens getan, was ich als meine Pflicht ansah. Ansonsten blieb alles beim Alten.

Otto Kernberg, der große US-österreichische Psychoanalytiker, den die Nazis mit seiner Familie nach Chile vertrieben, hat sich in seinem Klassiker „Borderline-Störung und pathologischer Narzißmus“ mit der hochproblematischen Struktur solcher Patienten wissenschaftlich befasst. Dickies unübersehbare Phantasien eigener Grandiosität und Wichtigkeit, eigenen Erfolgs und persönlicher Einzigartigkeit, dokumentieren seine narzisstische Persönlichkeitsstörung lehrbuchartig. Auch seine permanente Gier nach Bewunderung, die er auf vielen von ihm organisierten gesellschaftlichen Ereignissen auslebte, sowie die völlige Skrupellosigkeit, mit der er immer wieder Menschen erhob und schlagartig fallen ließ, sobald sie ihm nicht mehr nützten, passten perfekt ins Schema. Mit seiner kurzen Bemerkung über das Rübenkraut hatte Dickie die tiefsitzenden kindlichen Entwertungserlebnisse angedeutet, die seiner Störung zugrunde lagen.

Entgegen dem hochherrschaftlichen Eindruck, den solche Charaktere zu vermitteln vermögen, ist ihr Selbstwertgefühl in einer jämmerlichen Verfassung: Den rasenden Schmerz ihrer nie verdauten Entwertungserlebnisse kompensieren sie mittels völlig realitätsferner Selbstüberhöhung, die sie bis zur Realitätsverweigerung führt. In deren Folge versteigen sie sich zur Annahme, andere Menschen hätten ausschließlich ihrer Einmaligkeit zu dienen. Misserfolge und Kränkungen verursachen ihnen schwere „narzisstische Abstürze“ bis hin zur gefürchteten „narzisstischen Raserei“. – Man denke nur an Hitlers Wüten nach dem 20. Juli 1944 oder an Saddam Husseins Vernichtungsorgien, mit denen er wegen irgendwelcher Kleinigkeiten ganze Dörfer auslöschte.

Problematisch ist hierbei vor allem die sogenannte „narzisstische Abwehr“: Die Entwertungsängste sind so groß, dass nichts Kritisches von außen mehr durchkommt, denn es würde die Zerstörung des mit größter Mühe etablierten Selbstbildes bedeuten. „In seinem innersten Kern ist der pathologische Narzissmus von destruktiver Aggression durchdrungen, die sich nicht nur gegen das eigene Selbst, sondern auch gegen äußere Objekte richtet.“, schreibt der Klagenfurter Psychoanalytiker Axel Krefting. Oder anders formuliert: Der narzisstisch Gestörte entwertet, um nicht selbst entwertet zu werden; er macht klein, um sich nicht selbst klein fühlen zu müssen. Nur so kann er vor sich selbst – und vermeintlich vor den Anderen – überleben. Jedenfalls bis zum Absturz.

Der kam nach sieben Jahren, als der Vater einen Anruf seiner Hausbank erhielt und aus allen Wolken fiel: In einem Zusammenspiel mit den von ihm abhängigen Geschäftsführern hatte Dickie ihm stets alle Informationen vorenthalten und ihm den wenig ermutigenden Zustand des Firmengeflechts verschleiert. Innerhalb weniger Tage setzte der alte Herr seinen Sohn ab und übernahm selbst wieder die Führung. Das allerdings war auch dringend erforderlich, denn es stand Spitz auf Knopf. „Oiso, wous glouben Sie?“ hatte der Geschäftsführer der österreichischen Tochterfirma mich aufgebracht angerufen. „I houb ousg´rächnet, der hot ja in sieben Johren aanhoundert Milliounen aussig´hout! Aanhoundert Milliounen! Vierzigtousend pro Tag!“

Der Senior verkaufte innerhalb kürzester Zeit das Zweigwerk in Hannover, um die Banken ruhigzustellen. Dickie, aller Privilegien ledig, erklärte seinen Vater und dessen Berater zu Vollidioten, handelte eine fürstliche Apanage aus und zog sich erst mal zurück in seine Villa in der Provence, die er einem prominenten britischen Schauspieler abgekauft hatte. Ab da hörte man unternehmerisch nichts mehr von ihm, doch fand man ihn dafür umso öfter in BUNTE, GALA und anderen Blättern, – am Arm irgendwelcher Schönheiten, die er selbstverliebt anstrahlte. Er war dort angekommen, wo er immer hin wollte: „Ganz oben.“ – Seine Firma durchlief einen harten Schrumpfungsprozess. Die Schwesterfirma, die er zum Weltmarktführer hatte machen wollen, ging 2015 in die Insolvenz.

1 Kommentar

BarbaraSusanne – 19. Juli 2016

Trotz der traurigen Tatsache in Sachen Insolvenz hat Ihre Geschichte erfreulichweise dennoch ein Happy-End.

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