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Boris´ Finger zittern so, dass er kaum die Kaffeetasse halten kann. Sein Hausarzt hat ihn erst mal krankgeschrieben, nachdem er im Job zusammengeklappt ist. – Kein Wunder, nach dem Ding, das Nadja ihm verpasst hat. Natürlich, wie bei verheirateten Frauen nicht gerade selten, hat sie ihn kalt erwischt. Und nun sitzt er da, das Handy vor sich auf dem Tisch, blass und fassungslos. – Und mir stinkt´s. Gerade hatte ich ihn so schön auf die Beine bekommen.

Fast drei Jahre lang war Boris der Retter gewesen: Nadjas Ehe hing übel in den Seilen, sie klammerte sich an ihn, beschenkte ihn reich mit intensiver Sinnlichkeit, drängte ihn zu einer gemeinsamen Zukunft, um herauszukommen aus Beziehungsmisere und Heimlichkeit. Als er, nach längerem Zögern, endlich zustimmte und die besprochene gemeinsame Wohnung anmietete, büchste sie von einem Moment zum anderen aus. Per SMS, wie heutzutage so üblich. Sie hatte ihrem Mann alles gestanden, und der hatte sie wieder umgedreht. „Bitte verzeih mir, wenn Du kannst!“ Na, davon hat er jetzt was.

Eine verheerende Sache, und recht typisch für diese Dreiecksgeschichten, mit denen die Welt so reichlich gesegnet ist. Psychodynamisch betrachtet, kommt es zu einer Aufspaltung: Die seelisch vernachlässigte Ehefrau macht den Gatten zum Aggressionsobjekt, auf das sie alle ihre negativen Empfindungen legt; so wird aus einem normalen Ehemann mit seinen menschlichen Unzulänglichkeiten ein Monstrum. Entlastet von ihren aggressiven Empfindungen, kann die Unglückliche nun all ihre positiven Projektionen auf das libidinös besetzte externe Objekt legen: Der Herr wird zum idealisierten Wunschpartner, der alle verdrängten und unerfüllten Bedürfnisse seiner Geliebten stillt. Entsprechend heftig sind deren Empfindungen, entsprechend rasend die Leidenschaft, entsprechend gigantisch der Sex, in einem Setting, das alles ermöglicht, da frei von ehelichen Zwängen.

Verstärkend kommt hinzu, dass die unweigerlichen Schuldgefühle der außerehelichen Partner irgendwie kompensiert werden müssen: Einerseits durch gegenseitige Idealisierung, die das eigene Handeln rechtfertigt; andererseits durch besondere Intensität der Gefühle, die schon für sich genommen „jeden Grund“ bieten, auf „so etwas Einmaliges“ keinesfalls zu verzichten: „Sowas hab ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt!“ – – – Und dann kommt die SMS, die aufgespaltenen ambivalenten Empfindungen gegenüber dem Ehepartner werden wieder zusammengeführt, und Boris sitzt, respektive liegt,  draußen. Legion die Zahl der Geliebten beiderlei Geschlechts, die auf diese Weise gegen die Wand gefahren sind und teilweise lebenslange Narben davontragen. Nicht zu vergessen die wirtschaftlichen Folgen, die der draufgesetzte Partner zu tragen hat, weil er auf die feurigen Zusagen des leidenschaftlich brennenden Gegenübers vertraut hat und sich „im Leben nie vorstellen konnte, dass DAS passieren würde!“ Ja mei.

Mit einiger Gewissheit lässt sich auch voraussagen, dass Nadja nochmals auftauchen wird. Die hysterische Struktur ihres Verhaltens produziert ein Wechselspiel: Sie hat sich eine gefühlsgetränkte Wunderwelt zusammenphantasiert, die sich im Wesentlichen nach ihren (ungestillten) Wünschen richtet. Droht die Phantasie allerdings zur Realität zu werden, so kollabiert sie schlagartig. Panik setzt ein, jähes Erkennen des anstehenden Realitätswechsels, starke Veränderungsängste und ein fast kopfloser Fluchtreflex. Das Ende, in aller Regel, ist brüsk. „Bitte verzeih mir, wenn Du kannst!“

Haben die ersten Wogen sich geglättet, beginnen die weiterhin unerfüllten (Trieb-)Wünsche sich im Unbewussten neu zu regen: Es war ja doch sehr schön mit ihm/ihr; irgendwie vermisse ich ja unsere Gemeinsamkeit; ich würde zu gerne wissen, wie es ihm/ihr jetzt geht. Nach einigen Wochen oder Monaten dann kommt der Anruf/die Mail/die SMS. – Ein Wechselspiel zwischen abruptem Loslassen und Nicht-Loslassen-Können: Hysterische Grundstruktur bei ausgeprägter Ambivalenz, konstatiert man nüchtern, dazu eingeschränkte Realitätsprüfung.

„Was halten Sie davon? Soll ich ihr verzeihen, nach allem, was sie mir angetan hat?“
Schon liegt da die Leimrute für den Coach. Kriecht er drauf, ist er Partei und soll die Empörung des Klienten teilen über seine „maßlos miese Behandlung“. – Mit anderen Worten: Er soll seine Neutralität aufgeben und die Empfindungen des Klienten übernehmen, damit diesem die Selbstkonfrontation erspart bleibt, – und damit seine Suche nach dem Eigenanteil in der Katastrophe. Wer hier seine analytische Distanz verlässt, der verfehlt seinen Job, und der kann nur heißen: Verhalten analysieren, unbewusste Muster finden und aufdecken, auch auf die Gefahr hin, sich damit nicht beliebt zu machen. Also ist es nicht Aufgabe des Coaches, Verzeihung ja/nein zu empfehlen; wohl aber kann er den Wunsch nach Verzeihung analysieren und deuten, ebenso wie er versuchen kann, etwas Ordnung in Boris´ intra-psychisches Desaster zu kriegen. Der streckt mir das Handy mit Nadjas SMS entgegen.

Nadjas Nachricht ist, wie sehr häufig in solchen Situationen, eine ausgiebige Selbstrechtfertigung. Sie erklärt Boris, „warum es nicht geht“. Genauso apodiktisch, wie sie ihm früher erklärte, warum sie unbedingt zu ihm wolle. So listet sie Gründe auf, die niemanden überraschen und die man ebenso ausgiebig widerlegen könnte: Sie zieht sich – ganz hysterische Egozentrik – auf sich selbst zurück und hat ihre „libidinöse Energie“ von Boris offenbar abgezogen. Die Argumente wirken teils etwas verdreht und formen realitätsferne Unterstellungen an Boris, die den Tatsachen objektiv widersprechen. – Es geht darum, dass SIE irgendwie aus der Sache herauskommen will, wenn möglich ohne Schuld, die sie allerdings indirekt anerkennt: „… wenn Du kannst!“

„Von mir ist nicht die Rede.“, sagt Boris. „Nicht von meinen Gefühlen, nicht von meinen Verletzungen, nicht von meinem Schmerz.“
„Yip.“
„Also, was will Sie von mir?“
„Sie möchte, dass Sie sie ent-schulden.“
„Geht das so einfach, mit ein paar Worten?“
„Das entscheiden Sie.“
„Sie will nichts in Ordnung bringen, oder?“
„Ich lese nichts davon. Ihr Ziel ist die hysterische Schuldabwehr. Sie versucht rationalisierende Argumente zu finden für etwas, das bei ihr auf der Gefühlsebene abgelaufen ist.“
„Glaubt sie daran?“
„Vermutlich schon.“
„Ich fasse es nicht!“

„Wissen Sie, was das Schwierige daran ist?“, sagt er nach einer langen Pause, in der es schwer in ihm gearbeitet hat. Sein Gesicht ist rot angelaufen, die Augen sind feucht.
„Was denn?“
„Auf jemanden wütend zu sein, den man bis vor wenigen Tagen noch so sehr geliebt hat.“
Boris wird lange daran verdauen.

Das Thema Verzeihung – für Manche wohl eher fromm und esoterisch konnotiert – ist, pragmatisch gesprochen, eine Form der Druckentlastung und damit der Rekonstitution. Es eignet sich dazu, aufgestaute Emotionalität abzuleiten, darüber eine als langfristig pathogen zu betrachtende Körperchemie zu regulieren und so einen intrapsychischen Heilungsprozess zu initiieren. – Nicht zuletzt Boris´ Aufgaben als Geschäftsführer der eigenen Firma würde eine schnelle Wiederherstellung zugutekommen, doch Boris fehlt etwas in Nadjas Ersuchen: Verzeihung ist ein „Do ut des!“, ein gegenseitiges Nehmen und Empfangen. Nadja, so findet er, sollte „wenigstens anerkennen, dass sie Sch… gebaut hat!“ – Schuld, die nicht anerkannt wird, kann nicht erlassen werden. Das ist im Wirtschaftsleben so, im Rechtsverkehr, und eben auch im Zwischenmenschlichen. Nadja allerdings ist als Hysterikerin eine klassische Schuldflüchterin: Sie wehrt ab, was eindeutig ist. Noch niemand jedoch hat es geschafft, gegen fallenden Regen anzuargumentieren.

„Wenn Sie wenigstens sagen würde, dass sie das Ganze menschlich in Ordnung bringen will!“
„Ich lese nichts davon. Genaugenommen kommen Sie in dieser SMS nicht vor.“
Boris lässt sie unbeantwortet.

Es dauerte vier Monate, bis Nadja abends in der Leitung war, um zu „wissen, wie es Dir geht.“ Vorhersagbar. Nach einem längeren Gespräch entschloss sie sich „spontan“, bei Boris vorbeizukommen, „um mit Dir zu reden“, als wäre das Ziel ihres Anrufs nicht von Anfang an klar gewesen. Als Boris versuchte, seine eigenen Verletzungen und seinen Schmerz zu thematisieren, lief er in eine Wand aus Abwehr. Nadja wollte die Vorteile ihrer außerehelichen Beziehung zurück, doch nicht die Verantwortung. Boris schlief mit ihr, „… einfach um mich aus der Sache herauszuv… Und es hat mir gut getan.“ Danach brach er jeden Kontakt mit ihr ab.

4 Kommentare

Ulla – 1. Juli 2016

Da ist es!
Mein fehlendes Puzzleteil 🙂
Ich weiß nicht, wie oft ich daran vorbei gelaufen bin, ohne es zu sehen …

Vielen Dank, Bernd!

bspaethblogcom – 1. Juli 2016

Oops?? Welches Puzzleteil?

BarbaraSusanne – 3. Juli 2016

Boris‘ Logik macht am Schluss die Geschichte so schön rund. Never ever. Die Story ist wie immer gut geschrieben. Vielen Dank Herr Späth.

Gute Nerven wird Boris zum Standhalten in Zukunft aber wohl brauchen.

Viele Grüße nach München.
Barbara Preßler

Hamburgerin – 29. September 2016

Eine wohl nie aussterbende Konstellation und Dynamik, und wie immer herrlich in Worte gefasst. Danke Bernd. Bleibt zu hoffen, dass die Borisse dieser Welt (und beiderlei Geschlechts) diese Erfahrung nicht allzu oft wiederholen müssen, bis sie ihrer Empfänglichkeit bzw. dem tieferliegenden Motiv auf die Spur kommen. Dem ihrerseits die Nadjas dieser Welt (und beiderlei Geschlechts) allzumeist mit zuviel Abwehr begegnen. (Was logisch ist, da ihr Kompensationsmechanismus mit notfalls neuen Ausgewählten aufrecht erhalten und damit wirksam bleiben kann.) Hier hat Boris einen beachtlichen finalen Turnaround hingelegt. Sofern ihm dies in dem Moment auch emotional gelang: Hut ab! Das hat zwar auch ein wenig vom Rachemotiv, but so what – auch dies kann reinigende Wirkung haben – und liefert der Story hier zudem eine erfrischende Katharsis.

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