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Renate sagt, Henry sei ein selbstmitleidiges Schwein. Außerdem sei sie seine ständigen Weibergeschichten satt, seinen Geiz, seine Pedanterie, seine Sturheit, seine ewige Berechnung, seine ganze Vorteilsgeilheit. Vierundzwanzig Jahre Ehe seien genug, sagt sie, jetzt wo Nadine groß sei und in Bordeaux studiere. Es ekele sie an, wenn er sie nur berühre, geschweige denn mehr von ihr verlange, wo sie ja ohnehin wisse, dass er hinterher zur Nächsten gehe. Wenn sie nur an seine sommerlichen Segeltouren denke, zusammen mit seinen beiden besten Kumpels aus dem Ministerium, dann wisse sie ja genau, was da abgehe. „Und dann haut er in diesen drei Wochen das ganze Geld auf den Kopf, das er bei uns wie der letzte Federfuchser zusammenhält. Und ich sitz´ so lang zu Haus und halt brav still!“
„Klingt nach Eheglück pur.“, sage ich.
„Was hab ich an diesen Mann schon hingeredet! Es müsste mal jemanden geben, der ihm richtig die Meinung sagt!“
„Warum gehst du nicht?“
Traurig blickt sie auf ihre Unterschenkelprothese. „Ich werd´ ja auch fünfzig jetzt. Und wer will mich denn schon? Ich war ja immer froh, dass ich ihn hatte.“
„Wer will dich schon?“
„Hat er mir immer wieder gesagt. Ich krieg doch Keinen mehr ab, sagt  er. Und ich soll mal schön ruhig sein und nicht stänkern.“
Manchmal fragt man sich, wo die Belastungsgrenzen einer Frauenseele liegen.

„Was würde passieren, wenn du gehst?“
„Er würde zusammenbrechen. Er würde leiden wie ein Hund.“
„Du meinst, er braucht dich so sehr?“
„Der braucht mich doch nicht! Aber er würde es nicht verkraften. Das kann der sich ja gar nicht vorstellen! – – Und außerdem würde er dann alles tun, um mich zu zerstören.“
„Und was sagt Nadine dazu?“
„Die meint, ich soll lieber heute als morgen…“ Und dann fließen die Tränen.

Henry hat im Vorgarten mein italienisches Rennrad erspäht, eine Simonato mit 27 Gängen. Also sitzt er zwei Tage später in meinem Büro, mit jovial lauernder Mimik, und fragt mit gestelzten Worten, ob ich mir vorstellen könnte, es zu verkaufen. Kann ich nicht. Drum sitzt er drei Tage später wieder in meinem Büro: haargenau dieselben Worte, dieselbe Körpersprache, dieselbe Mimik, dieselben aufgesetzten Begleitaffekte, als hätte es das erste Mal nicht gegeben. So wiederholt es sich ritualhaft drei weitere Male in kurzen Tagesabständen, bis ich schließlich energischer werde. Dann sieht Henry sehr leidend aus, denn seine Strategie heißt Impertinenz, und meist funktioniert sie auch.

Mich hat immer gewundert, dass er im Ministerium so weit aufgestiegen ist, denn an seiner Arbeitseffizienz – unternehmerisch betrachtet – kann es nicht liegen. Er ist ein Haarspalter und Umstandskrämer, ein unsäglicher Pedant, der sich permanent im Kleinklein verliert. Flexibilität und schnelle Reaktion auf neue Situationen, – da ist er ein Totalausfall, der dann völlig paralysiert wirkt. Dafür verfügt er über etwas Anderes: einen  brutalen Machtwillen. Wem auch immer er begegnet, den unterwirft er sich; schon mit dem ersten Satz versucht er die Kontrolle zu übernehmen. Er ist starr und emotionslos in seinen Vorstellungen, die viel zu tun haben mit Pflicht, Zwang – und Vorteil. Will man umgekehrt etwas von ihm, oder müsste er sich selbst einmal korrigieren, dann schaltet er blitzartig auf stur, wobei er dann eigenartig ängstlich wirkt: Er könnte etwas hergeben müssen, und das könnte zu einer Veränderung führen. Veränderungen allerdings hasst er, wie alle Zwanghaften.

Fritz Riemann hat sie beschrieben in seinem Klassiker „Grundformen der Angst“, in keinem Lehrbuch fehlen sie, und schon Wilhelm Reich schreibt in seinem Standardwerk „Charakteranalyse“, es sei wohl keine psychische Störung so umfassend untersucht wie die Zwanghaftigkeit. Henry ist ein Paradebeispiel dafür: Seine Trias aus Pedanterie, Geiz und Sturheit ist lehrbuchmäßig, nicht anders als die regelmäßigen Triebdurchbrüche auf seinen Segelabenteuern. Denn, so zubetoniert solche Menschen auch wirken, so gnadenlos kocht in ihnen der „sexuelle und aggressive Triebüberschuss“, wie die Lehrbücher es formulieren. Auch Henry´s Geldgier darf man getrost als Zwang beschreiben, nicht anders als seine Promiskuität, die oberflächliche Affären gegenüber der intensiven Gefühlsbegegnung bevorzugt.

Versteinert, wie er in seinem Inneren ist, quälen ihn diverse Ausbruchswünsche, die er natürlich nach außen projiziert: schon mehrmals hat er Renate mit Affären konfrontiert, die seine Ehe ernsthaft gefährdeten. Stets jedoch schreckte er im letzten Moment vor der selbst angekündigten Trennung zurück. Seine „Vernunft“-Gründe dabei waren vorgeschoben, denn in Wirklichkeit ist es eine panische Angst vor dem Neuen, Unbekannten und daher nicht Kontrollierbaren, die den Zwanghaften im selbstgeschaffenen Käfig hält, selbst wenn er dort zugrunde geht. Umso wichtiger die lärmenden und vulgären Ausbrüche aus dem Alltag, an deren Ende stets die Rückkehr zum „Ordentlichen“ steht.

Gebremst und gehalten wie solche Menschen sind, verrät bereits ihre angespannte und oft harte Mimik, welcher Natur sie sind: Es sind die Regeln, die ihr Leben bestimmen, und die sie so gnadenlos verteidigen, dass dahinter jedes echte Leben zum Störfaktor degeneriert: „Wo kämen wir denn hin…?“ ist eines ihrer Lieblingsargumente, mit denen jeder Normverstoß zur potentiellen  Staatskrise stilisiert wird. Und der Staatsdienst, in welchem Bereich auch immer, ist es, der sie anzieht: Sicherheit, klare Vorgaben, Berechenbarkeit und Macht sind die Determinanten, die ihre eigene Existenz stabilisieren, denn im freien Spiel der Kräfte werden ihre Chancen deutlich geringer.

Bleibt zu fragen, was eigentlich Renate antreibt, sich diesem Regime verlogener Bürgerlichkeit so bedingungslos zu unterwerfen. Ihre Behinderung – der frühe Verlust des Unterschenkels bei einem Unfall – hat ihr Selbstwertgefühl stark geschädigt. Sie war „froh, trotzdem einen abzukriegen“. Den hat sie jetzt, und wie José Ortega y Gasset es in seinen „Abhandlungen über die Liebe“ süffisant formuliert: „Es sind die Folgen, unter denen wir nun zu leiden haben.“ Dazu allerdings kommt ihre eigene Zwanghaftigkeit. Dressiert von einem autoritären Elternpaar, hat auch sie früh gelernt, dass Impulsivität und Autonomie verwerfliche Dinge sind, denn das Leben unterliegt festen Regeln, und die bekommt man zur Not eingebläut. In ihrem Falle mit dem Rohrstock. So hat sie sich geflüchtet in die enge Welt ihres Lehrerinnendaseins, denn auch für sie war „Sicherheit“ das alles entscheidende Kriterium ihrer Existenz. Das Lebende, Pulsierende, Schillernde, es ist unkontrollierbar und kann nur gefährlich sein. – Fazit: Zwei Zwanghafte haben sich gefunden. Ihre Veränderungsängste bilden die Basis ihrer Beziehung. Auch wenn die Frau dabei seelisch vor die Hunde geht.

Der große Vorteil einer solchen Klientin: Sie kommt pünktlich und regelmäßig, „denn so gehört es sich“. In langen und sehr behutsamen Gesprächen beginnt sie zu begreifen, dass sie ihr eigenes Ich restlos aufgegeben hat: Vorgestanzt durch elterlichen Rigorismus ist sie zu einer Art von Negativabdruck ihres Gatten geworden, dessen stählerne Rücksichtslosigkeit ihr so vertraut war, dass sie sich ihr gefügig unterworfen hat. Dies alles nun zu hinterfragen, macht sie bisweilen furchtsam wie ein kleines Mädchen. Offenbar aber verwandelt der innere Druck einer Frauenseele ihre Veränderungsangst zum Veränderungswunsch: Wo bleibe ICH eigentlich? Wo ist eigentlich MEIN Leben? Ein halbes Jahrhundert funktioniert, gedient, Kind gekriegt, groß gezogen, und dazu ständig nur eingesteckt. Ach so, ich bin selber etwas wert? ICH???

Henry, der ansonsten alles kontrolliert, erahnt das Ungeheuerliche: Zweimal taucht er unangemeldet bei mir auf und will „wissen, was da eigentlich vorgeht“. Tja, Henry. Er untersagt mir, seine Frau weiter zu coachen, denn „so viel Geld können wir für was Besseres ausgeben.“ Renate berichtet beim nächsten Mal von einem Riesenkrach zu Hause, nachdem ich Henry doch glatt die Tür gewiesen hatte. Bei dieser Auseinandersetzung allerdings hat sie zum ersten Mal nicht mehr nachgegeben sondern anschließend ihrem Mann heimlich die Vollmacht für ihr Gehaltskonto gestrichen. Der Kontrollverlust beginnt, und wie stets beginnt er mit scheinbar Unscheinbarem.

Als Renate ihrem Mann mitteilt, sie werde morgen ausziehen und sie habe bereits einen Scheidungsanwalt beauftragt, kollabiert er. In der Analyse spricht man hier von „Appellcharakteristik“. Ihre Entscheidung ändert das nicht mehr. Henry, kaum alleine im repräsentativen Haus, beginnt eine Affäre mit seiner Vorzimmerdame. Zugleich taucht er zweimal in Renates neuer Wohnung auf, um sie zur Rückkehr zu bewegen, wird aber nicht mehr eingelassen. Der Beamte als Vorbild. Immer wieder ein Erlebnis.

1 Kommentar

Barbara Preßler – 29. Mai 2016

Der Typ kommt mir irgendwie bekannt vor – 👀 – Danke für’s Beschreiben.

Ich wünsch Ihnen noch einen schönen Sonntag um einen guten Start in die neue Woche.

Freundliche Grüße
Barbara Preßler

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