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Valerij hatten wir in einer kanadischen Forschungsstation zurückgelassen, weil er schneeblind wurde. Er lag, als ich oben auf dem Matthewgletscher um eine aus dem Eis ragende Felsspitze kurvte, reglos auf dem Rücken, sein Motorschlitten knatterte ein paar Meter weiter vorne vor sich hin. Ich stürzte auf ihn zu, und er bellte mich gereizt an: „Fuck! I´m getting snowblind!“ Sein amerikanischer Akzent war tadellos. – Alte KGB-Schule eben, sie verstanden es, ihre Leute auszubilden. Nikolai, der mich rückwärtig gesichert hatte, kam ebenfalls um die Ecke und stieg bedächtig von seiner Maschine. Valerij, ein harter Hund und ausgebildeter Einzelkämpfer, erschöpfte sein gesamtes Reservoir an russischen Flüchen, während wir ihn auf die Beine zogen. Er schrie uns an, er würde überall nur riesige Farbkringel sehen und schien es irgendwie persönlich zu nehmen. Breites Amerikanisch, mit russischen Flüchen durchsetzt. Seltsamer Dialekt.

Wir überlegten, was wir mit ihm machen sollten: Ihn alleine zurückzuschicken in die sowjetische Kohlengrube „Piramiden“ hätte seinen sicheren Tod bedeutet, spätestens auf dem viel zu dünnen Eis des Billefjords, das wir in einem waghalsigen Highspeed-Ritt gerade noch überquert hatten.

Von den Eisbären mal ganz abgesehen: Im Zweifel fraßen sie KGB-Agenten genauso gerne wie Robben oder Rentiere.

Ihn hier oben auf dem Berg zu lassen und selber Hilfe zu holen… –  Er wäre uns eher erfroren, und außerdem hätte er, Choleriker, der er war, alleine irgendwelchen Unsinn angestellt. Nach einiger Diskussion schlug Nikolai vor, ihn zu der kanadischen Forschungsstation im Gipstal zu bringen, wo zwanzig kanadische und amerikanische Wissenschaftler gemeinsam hausten. Ich hatte meine Zweifel, immerhin war Kalter Krieg, und Ronald Reagan haute die Russen auf den Sack, wann immer er nur konnte. Ich sollte mich ordentlich täuschen.

Nach einer langen Fahrt den Margaretengletscher abwärts, die infolge von Valerijs Zustand auch aus einem Film von Louis de Funés hätte stammen können, erreichten wir eine Stunde später die einsame Station. Zwanzig Mann mit Whiskygläsern in den Händen grölten ein herzliches „Ghee, it´s you again!“ Alle umarmten und herzten ihren „good old KGB-man“, der sich sichtlich freute. Ein schon deutlich angetrunkener Kanadier fragte mich grinsend: „So what should they do up here? Build a snowman?“ Valerij also war in guten Händen und übernachtete beim Feind, der ihn medizinisch versorgte und ihn dann ordentlich abfüllte. Als ihn am nächsten Tag zwei Amerikaner zurückbrachten nach Piramiden, kehrten sie sternhagelvoll zurück, denn die Gastfreundschaft der Russen hat bisweilen etwas von Rache an sich, gerade wenn es um Wodka geht.

Nikolai und ich machten, dass wir weiterkamen. Es ging schon auf Mitternacht, der wolkenverhangene Himmel hatte sich bleiern gefärbt und spuckte Schnee, was das Zeug nur hergab. Eklig allerdings war, dass bei unserem Eintreffen am Tempelfjord das Eis alles andere als einladend aussah. Die Tagessonne war schon sehr stark gewesen, an der Front des Nordenskjöldgletschers hatte man an diesem Aprilnachmittag das Schmelzwasser rauschen gehört wie einen Wasserfall. Das Packeis war jetzt übersät mit grauen, hässlichen Schmelzwasserlachen undefinierbarer Tiefe.

„We havve no otherr way.“, sagte Nikolai in seinem harten Englisch. „The ice is verry thin, alreaddy. Drive as fast as you can and neverr everr stop! Neverr everr! As long as you arre fast enough, you will nott break in. I hope.“ – Sprach´s, warf seine Papirossa in den Schnee, wo sie augenblicklich erlosch, und gab Vollgas.

Vor mir reckten sich fünfzehn Kilometer grau verfärbter Eisfläche, so unfreundlich, wie man es sich nur vorstellen konnte. Rechts von mir lag bereits offenes Wasser, in dem ein paar Eisschollen trieben. Seit wir gestern den Fjord in Gegenrichtung überquert hatten, waren Quadratkilometer von Schollen aus der Eisdecke gebrochen und trieben nun Richtung Nordatlantik. Der Rest von Packeis dehnte sich, keine vierhundert Meter breit, von der Wasserfläche bis zur Abbruchkante des Von-Post-Gletschers, vor der sich ein riesiger See gebildet hatte. – Im Zweifel schon durchgebrochenes Meerwasser, man hielt sich besser fern.

Es hatte aufgehört zu schneien. Die Wolkendecke war im Norden aufgerissen und die hindurchbrechende Nachtsonne verwandelte den Himmel in ein düsteres Rotgrau ineinander verlaufender Farben, wie man sie nur in der Arktis zu sehen bekommt. Es war eine Atmosphäre wie bei einer Aufbahrung. Mit einem ziemlich mulmigen Gefühl fuhr ich auf den Fjord hinunter.

Ich spürte die letzten Tage. Ich hatte eine ziemlich brutale Inlandeisüberquerung hinter mir, war zwei Tage vor Erschöpfung gelegen und war dann zu den Russen aufgebrochen. Dort hatten sie mich erst mit Wodka abgefüllt und mich dann in die neunzig Grad warme Sauna geschleppt, wo mir der Film gerissen war. Heute Morgen war ich in einem Zustand erwacht, den man auch bei größtem Wohlwollen nur noch als klinisch bezeichnen konnte. Beim ersten Rückkehrversuch war ich dank eines querstehenden Eisblocks bei gut neunzig Stundenkilometern von der Maschine abgestiegen, auf ziemlich dünnem Eis, und hatte mich mehrmals überschlagen, bis ich wie tot liegen blieb. Die Russen hatten mir in ihrer „Bolniza“ das aufgerissene Kinn zusammen genäht und mir unverzüglich den Wodka nachgefüllt, dann traten wir zum zweiten Mal den Rückweg an, der mich nach mehreren Stunden auf den Tempelfjord geführt hatte. – Nikolai war schon zwei Kilometer voraus. Ich begann mir sehr, sehr einsam vorzukommen.

Es ist kein gutes Gefühl, wenn einem auf dem gefrorenen Meer eisiger Matsch von den Kufen spritzt. Überhaupt keines. Die Maschine wackelte, sprang und bockte, denn die Fläche war übersät mit ziegelgroßen Eisbrocken, die kantig aus der Decke ragten. Dazu kamen querstehende Eiswälle, die entstanden, wenn der Wind das Packeis zusammenschob, bis es brach. Meine Füße, die seit fast zwölf Stunden in den gummierten Stiefeln steckten, waren eiskalt: die Gummierung sperrte die Körperfeuchtigkeit in den Stiefel ein, wo sie, vom Fahrtwind gut gekühlt, die Wärme aus den Gliedmaßen saugte. Nikolai war irgendwo ganz, ganz weit da vorne.

Dann lag auf einmal ein kleiner See vor mir. Nicht sehr groß, vielleicht so groß wie mein Wohnzimmer. Aber eben ein Schmelzwassersee, durch den man hindurch musste. Ich reduzierte die Geschwindigkeit, damit das Spritzwasser mir nicht den Motor killte, und arbeitete mich vorsichtig nach vorne. Keine hundert Meter später kam der nächste See, dann der nächste, und dann wieder einer. Ich machte gar nicht erst Anstalten ihn zu umfahren. Denn wenn ich ihn rechts umfuhr, kam ich zu nahe ans offene Wasser und konnte einbrechen. Umfuhr ich ihn links, lag da schon wieder ein anderer See. Ich spürte, wie alles in mir zum Zerreißen gespannt war. Eine gute Woche vorher war die Eisdecke noch so massiv gewesen, dass man sie mit einem Lastwagen hätte queren können.

Auf einmal ging einfach gar nichts mehr. Vor mir reckte sich eine Art Badesee. Suchend strich mein Blick über die vom Wind gekräuselte Wasserfläche. „Neverr stopp! Whateverr happens, neverr everr stopp!“ hämmerten Nikolais Ermahnungen mir in den Ohren. Ich hielt an und starrte verloren auf das, was einmal Eis gewesen war und für die Ewigkeit geschaffen schien.

Es gibt so Momente. Da weißt du nicht, wie du vorwärts kommst. Und dann schaust du nach hinten und merkst, dass der Weg zurück auch nur scheißgefährlich ist. Rechts von mir war das offene Wasser, durch dreißig-vierzig Meter grauer Eisfläche von meinem Badesee getrennt. Mir schien, als müsste der matschige Boden, auf dem ich stand, jederzeit aufbrechen und mich verschlingen. Die Wolkendecke hatte sich weiter geöffnet, der Fjord stand in ein rosa Lichtermeer getaucht. Mehr als einmal schon hatte ich mich in den letzten Tagen gefragt, wieso die Hölle so schön sein konnte.

Ich versuchte einen Umweg zu erspähen, vielleicht links von mir, zur Gletscherfront hin, doch der See vor mir reckte sich endlos. Egal, wie ich fuhr, es sah aus, als würde ich auf jeden Fall in Trouble kommen. Vorsichtig gab ich Gas.

Erst spritzte etwas Wasser von den vorderen Kufen. Dann versanken die Kufen im Wasser. Hundert Meter weiter war die Hälfte der Federbeine verschwunden. Ich drehte am Gashebel mit Chirurgenpräzision. Die Federbeine verursachten kleine Kielwellen, und ich sah, dass das Wasser nun bis knapp zu den Fußrasten stand. Ich saß auf meinem Sitz und spürte das Bedürfnis, mich zusammenzuziehen. Irgendwie zu einem kleinen Knäuel werden, dem nichts passieren konnte. Dann drehte die Raupe durch, und die Maschine bewegte sich nicht mehr. Mir gefror das Blut in den Adern. Ich stand mitten in einem kleinen eisigen See. Mitten auf dem Tempelfjord. Mitten in Spitzbergen. Mitten auf schmelzendem Packeis. Mitten in der Scheiße.

Wenigstens der Motor tuckerte noch, ich war mir nicht mehr sicher, wie lange noch. Hilfesuchend hielt ich Ausschau nach Nikolai. Er war ein schwarzer Punkt, der sich Richtung Südufer bewegte. Mein Blick strich unentwegt über die Wasserfläche, die mich eingeschlossen hatte. Aber ich fand keine Lösung.

Manchmal half es abzuspringen und die Maschine nach vorne zu schieben, wenn man sie über ein Hindernis bringen musste. Ich nahm die Füße von den Rasten und tauchte mit den Stiefeln ins Wasser. Augenblicklich war mir noch kälter. Wenn ich erst mal Grund hatte, konnte ich die Maschine ein paar Meter vorwärts schieben, bis sie wieder von selber fuhr. Aber ich fand keinen Grund. Meine Füße sanken immer tiefer in die Eisbrühe, doch sie ertasteten nichts Festes, so sehr ich auch herumsuchte. Ich spürte, wie alles in mir sich zusammenkrampfte. Dann lief mir der erste Schwall Eiswasser in den Stiefelschaft.

Es gibt diese Momente, wo dann der Film einsetzt. Ein schnell ablaufender Streifen von Szenen aus dem eigenen Leben, sinn- und zusammenhanglos aneinander gereiht, ein wirres Sammelsurium unwichtiger Begebenheiten, die man seltsamerweise von außen betrachtet. Und so erblickt man sich selbst wie auf einer Leinwand in durcheinander gewirbelten Stadien und Altersstufen, erkennt sich selber sofort und weiß instinktiv: Es ist so weit.

Ich sah den Film und wunderte mich, dass es jedes Mal wieder ein neuer war, denn ich hatte ihn hier oben schon mehrmals zu sehen bekommen. Aber ich wusste auch, dass meine innerste Wahrnehmung die Gefährlichkeit der Situation erfasst hatte und mir mit ihm eine Art letzter Warnung zukommen ließ. Dazu stellten sich von einem Moment zum anderen Gefühle tiefer Trauer und schmerzvollen Abschieds ein, während meine nassen Füße nach wie vor verzweifelt in der Brühe herumrührten. Solche Situationen stellen einen in eine existentielle Einsamkeit, die mit Worten nicht mehr zu beschreiben ist. Es ist, als würde einen eine riesige Hand ergreifen mit dem einzigen Ziel, der Seele Schmerz zuzufügen. Wenn Nikolai sich demnächst umdrehte, würde ich einfach nicht mehr da sein.

Ich war absolut ratlos und nahe daran, mich in mein Schicksal zu fügen, als ich mich mit letzter Energie dagegen aufbäumte. Schon öfter hatte ich mit meiner Maschine im Schnee festgesteckt und sie dadurch freibekommen, dass ich mich auf das hintere Ende der Sitzbank kniete, um mein ganzes Gewicht auf das Ende der Transportraupe zu legen. Dann wippte ich kräftig, was den Druck noch kurzfristig erhöhte, und gab leichte Gasstöße. Ich hatte mir den Trick von meinen norwegischen Freunden abgeschaut, und er hatte immer funktioniert.

Hier allerdings steckte ich im Wasser fest. Die Raupe drehte ganz anders durch als im Schnee, und ich musste höllisch aufpassen, dass das Spritzwasser mir nicht in den Vergaser gelangte. Ging der Motor aus, war ich endgültig geliefert. – Andererseits, ich musste schnell sein. Eine zweite Chance hatte ich nicht, und ich war mir ziemlich sicher, dass das, worauf ich stand oder auch nicht stand, nicht mehr allzu lange auf mich warten würde. Vorsichtig, um nur jeden extremen Lastwechsel zu vermeiden, bugsierte ich meine Knie auf das Ende der Rückbank. Ich würde mit äußerster Vorsicht wippen, um nicht einzubrechen, und mit feinsten Gasstößen versuchen, dass die Raupe griff ohne durchzudrehen.

Beim ersten Gasstoß bewegte die Maschine sich etwa anderthalb Zentimeter, beim zweiten genauso. Beim dritten waren es drei-vier Zentimeter, dann drehte die Raupe durch. Ich dosierte wieder feiner, und spürte, wie ich einen Daumen breit nach vorne kam. Mir war, als müsste ich vor Erleichterung losbrüllen, doch blieb ich voll konzentriert. Etwa fünf-sechs Meter arbeitete ich mich so in winzigen Schritten nach vorne. Wie lange es dauerte, weiß ich nicht, doch irgendwann tat die Maschine einen kleinen Satz, und als ich das Gas hielt, begann sie sich langsam durch das schienbeinhohe Wasser zu fräsen. Ich blickte weit voraus und konnte Nikolai nirgends finden. Dann erkannte ich seine schwarze Gestalt am Südufer.

Ich hatte noch mehrere Kilometer zurückzulegen und fühlte mich schlagartig restlos ausgebrannt. Meine frisch vernähte Kinnwunde brannte im kalten Fahrtwind, und meine Füße waren Eisklumpen. Ich hätte einschlafen können. Stattdessen durchquerte ich noch ein weiteres Dutzend Schmelzwasserseen unterschiedlichster Größe, wobei ich konstant eine geringe Geschwindigkeit hielt, ohne dass irgendetwas passierte. Ich selbst passierte die Lachen mit dem Gefühl absoluter Wurstigkeit, als könnten sie mir nie mehr auch nur irgendetwas antun.

Es war ein Uhr Mitternacht, als ich auf Nikolai traf. Er hatte die Maschine abgestellt und stand entspannt dagegen gelehnt, an der Stelle, wo das wassergetränkte Ufereis ins Festland überging. Und er rauchte eine Papirossa. Ich stellte ebenfalls den Motor ab. Nikolai bot mir zu rauchen an, ich lehnte dankend ab. Eine Zeit lang schwieg er, dann lächelte er.

„You see“, sagte mein Freund, der KGB-Offizier Nikolai in seinem harten russischen Englisch. „Siixty orr maybe seeventy perrcent I was surrre the ice will be okay.“ Er nahm einen weiteren Zug und lächelte zufrieden. „Orr maybe seeventy to eighty perrcent.“
Ich überlegte, ob ich ihm vom Vorgefallenen berichten sollte und ließ es dann lieber. In der Arktis bist du für dich selber verantwortlich.
„Well“, sagte ich und strich mir den Kinnverband entlang, weil die Wunde schmerzte. „You were right, after all.“
„Diid you like ourr littell excurrsion?“
„Wouldn´t want to miss it.“, antwortete ich. „It was lovely.“
Sein Gesicht hellte sich auf, und er nahm einen tiefen Zug.

1 Kommentar

dago – 12. April 2016

sehr gut!!!!
möchte ich gedruckt lesen
liebe grüsse dago

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