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Bild22.jpgSobald man die Maschinen abstellte, fraß einen diese geisterhafte Stille auf. Die Mitternachtssonne, in die wir seit Stunden hinein fuhren, stand rotgelb im Norden, etwa zwölf Grad über dem Horizont. Die Temperatur lag irgendwo bei minus fünfundvierzig Grad, und die Luft über dem Eis waberte und bildete Schlieren, wie man sie im Sommer von einer heißen Autobahn her kannte. Das Eis unter unseren Füßen war tausend Meter dick und so mächtig, dass es die umgebenden Berggipfel verschluckt hatte. Und so reckte sich um uns und vor uns die gewaltigste Eiswüste, die ein Mensch sich vorstellen konnte. Ich nahm den Helm ab, um den Hitzestau entweichen zu lassen, der sich währen der bisher vierzehn Stunden Fahrt immer wieder gebildet hatte.

Wir waren mit unseren Motorschlitten von Spitzbergens norwegischer Grubensiedlung Longyearbyen über Advent- und Helvetiatal zum Sassenfjord gefahren, hatten den Tempelfjord mit seinen fünfzehn Kilometern Packeis überquert, waren durch das Gipstal vorgedrungen zum Floragletscher, dessen mehrere hundert Meter dicke Eismassen wir hinaufgefahren waren. Der Flora ging über in den Lomonossow, dessen Eis so mächtig wurde, dass ganze Berge darin verschwunden waren. Über den Mittag-Leffer-Gletscher ging es hinunter zum Wijdefjord, dessen Wassermassen in der Nachtsonne leuchteten wie flüssiges Gold. Dann über den Stubendorff-Gletscher hinauf zu den tausend Meter dicken Eismassen des Veteranengletschers. Der „Veteran“ war eine der Magnifizenzen unter Spitzbergens Eisriesen: Weit, endlos, gnadenlos, beidseitig flankiert von verschüchtert aus ihm ragenden Bergspitzen. Sie erinnerten mich an den Schwanz einer Maus, der als letzter Rest aus dem Maul einer Python ragte. In den zahllosen Spalten verschwand man schnell, wenn man nicht mindestens hundert Stundenkilometer fuhr.

Es erwischte mich im wahrsten Wortsinne kalt, als ich begann die Stimmen zu hören.
„Hmmm, wer quatscht´n hier?“, war meine erste Reaktion. Ich stand ausgepowert neben meiner Maschine, während Tor seinen Ölstand prüfte, Kjell an seiner Mauser 98k herumfummelte und Olav tiefgefrorene Schokolade verteilte, die sich so leicht zerbiss wie ein Dachziegel.

Es waren Kinderstimmen. Mehrere Kinder, die auf mich einredeten. Sie fragten mich etwas und bedrängten mich, aber ich verstand sie nicht. Noch während ich verwirrt grübelte, meldete sich eine unbehaglich raunende Menschenmenge. Etwa so, wenn jemand einer Masse von Zuhörern eine unerwartete Mitteilung macht; oder wenn ein Fernschuss von David Alaba nur ganz knapp am Torpfosten vorbeistreicht. Ich schaute mich unsicher um. Da war nur nichts. Außer Eis. Und dieses beklemmende Schweigen, wenn eine gesamte Landschaft einfach den Ton abdreht. Als ich den Lastwagen hinter mir hörte, fuhr ich panisch herum. Olav sandte mir einen prüfenden Blick. Schwere Lastwagenreifen auf Asphalt, ich hatte es genau gehört, da redete mir niemand etwas aus! Oder doch? – Es ging eine gefühlte Ewigkeit so, wahrscheinlich nur zwei-drei Minuten. Denn unsere Pausen dauerten niemals lange, weil man schnell zu frieren begann.

Es ist, mit Verlaub, ein Sch…gefühl, wenn man zweihundert Kilometer von der Zivilisation entfernt den Verdacht bekommt, man sei gerade dabei, verrückt zu werden. Wir vier Menschlein standen am Ende der Welt, wo mit ziemlicher Sicherheit vor uns noch niemand seinen Fuß hingesetzt hatte, und die Zahl derer, die im Eis den Verstand verloren hatten, war nicht unbeträchtlich. Tor gab das Kommando zur Weiterfahrt. Man musste zwei-dreihundert Meter Abstand zum Vordermann halten, wenn man nicht Zweitaktergase einatmen wollte.

Fausts „Lehrbuch der Psychiatrie“ bezeichnet so einen Zustand trocken als „Störung der Realitätswahrnehmung“. Mir allerdings ging ein bekannter Körperteil auf Grundeis, während wir uns inzwischen über Eisfelder kämpften, die von großen Eisbrocken übersät waren, so dass die Fahrt zu einem stundenlangen, quälend langsamen  Rodeo-Ritt wurde. Ich merkte einfach, dass Kälte, Anstrengung und ein riesiges Schlafdefizit mich ausgesaugt hatten, und begann zu begreifen, dass „Bewusstsein“ nichts anderes ist als eine dünne, leicht verschiebbare Folie über den Abgründen, die sich in jedem menschlichen Gehirn schnell auftun können.

Was mir damals half, meinen Verstand zu behalten, war eine der Seltsamkeiten des Lebens: Ein dreiviertel Jahr zuvor hatte ich in Regensburg an einem psychiatrischen Symposium teilgenommen, auf dem Professor Hans Hippius, eine der ganz großen Koryphäen der deutschen Psychiatrie, ein Referat gehalten hatte: Er hatte die These aufgestellt, das menschliche Gehirn benötige einen „minimal inflow“ an äußeren Signalen, wenn es funktionieren solle. Sei der Inflow zu groß, zeige der Mensch Überlastungssymptome; sei der Inflow zu gering, komme das Gehirn ins Spotzen. – Nicht anders als ein Motor, bei dem die Benzinleitung verschmutzt ist. Während ich mich zwischen Eisbrocken und mannshohen Felsen hindurchkämpfte, versuchte ich mir verzweifelt zu erklären, was mich da eben angefallen hatte. In meinem aufgewühlten Zustand fiel mir der Hippius-Vortrag wieder ein, und ich nahm an, dass es mir ähnlich ergangen war: Die arktische Stille hatte mein Gehirn zum Stottern gebracht wie ein unterfüttertes Antriebsaggregat. Sein zweiter, ständig aktiver Wahrnehmungsfilter – im NLP bezeichnet als „distortion“ bzw. „Verzerrung“ – hatte das kleine Bisschen Geräusche aus Wind und dem tatsächlich hörbaren Sirren der Schneekristalle verzweifelt einzuordnen versucht. Die Botschaft meines Gehirns an mich hieß: „Es könnten Kinder sein, oder eine Menschenmenge, aber ich werd´ nicht richtig schlau draus!“ – Mein Wahrnehmungsapparat drückte seine eigenen Zweifel aus, indem er die Stimmen unverständlich werden ließ. Faszinierend und erschreckend zugleich, wie Neurologie arbeitet.

Es sollte mir noch ein zweites Mal passieren, als ich ein gutes Jahr später alleine in einer abgelegenen Hütte auf der Mitrahalbinsel war, auf achtzig Grad Nord. Wir hatten mit dem Boot mehrere Tage gebraucht, um dorthin zu kommen. Tor und Kjell wollten den Tag am Dieset-See verbringen und Lachse fischen. Ich war in der Hütte geblieben, um ganz alleine die arktische Stille zu genießen, die eine Erfahrung von nahezu mystischer Intensität darstellt. Gerade war ich dabei, mir Tee zu kochen, als ich draußen einen gellenden Schrei hörte, ein langgezogenes „Hiiiilfeeeee!“ Schlagartig außer mir, stürzte ich mit gezogener Waffe vor die Hütte. Mein Herz raste, und ich spürte seine hämmernden Schläge in den Halsarterien. Danach ärgerte ich mich stundenlang über meine eigene Dämlichkeit. – Remember: Unser Bewusstsein ist eine sehr, sehr dünne Schicht. C. G. Jung schrieb, die menschliche Psyche sei eine riesige Nachtlandschaft, und dort, wo gerade das Licht eines Scheinwerfers hinfalle, sei das Bewusstsein aktiv.

Später einmal berichtete ich Kjell von meinen Erfahrungen. „Völlig normal“, meinte er trocken, während er seine Dose Hansa-Pilsener aufriss. „Wir haben das ständig, wenn wir draußen sind. Irgendwann hörst du gar nicht mehr hin.“ – In den folgenden Jahren konnte ich meine eigene Theorie im Gespräch mit mehreren Psychiatern verifizieren. Ich glaube heute noch, dass sie mich damals rettete.

In diesen Tagen jährt sich unsere Inlandeisüberquerung zum dreiunddreißigsten Mal. Tor starb 2007, weil er nie verkraftete, dass sein Sohn sich beim Russisch-Roulette den Kopf weggeschossen hatte. Kjell, den man niemals ohne einen Drink in der Hand sah, ging Ende 2012, als seine Leber sich von ihm verabschiedete. Olav, der in seinem Leben über 270 Eisbären erlegt hatte, stürzte Anfang dieses Jahres ausgerechnet an seinem Hausberg bei Bergen zwanzig Meter in die Tiefe.

I´m still around. Und ich coache.