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„Wenn einer beim ersten Mal gleich zu spät kommt, wird es nix!“
„Und warum?“
„Gleich beim ersten Mal zu spät, heißt: Ambivalenz. Das funktioniert von vornherein nicht.“
„Und was machst du dann?“
„Ich sage ihnen, dass ich sie nicht behandeln kann. Mir ist das einfach zu anstrengend.“
Die Psychoanalytikerin, mit der ich mich gelegentlich austausche, ist  nicht nur sehr kompetent, sondern auch stets sehr freundlich und zugewandt. Umso überraschender ihre beinharte Haltung, – immerhin geht es ja um Patienten. Doch sie besteht auf ihrem Erfahrungssatz, dass Verspätungen gleich in der ersten Stunde kein unglücklicher Zufall sind, sondern Ausdruck eines inneren Konflikts des Patienten, der am Ende stets zu Lasten der Behandlung geht, – mehr noch, der sie regelrecht sabotiert.

Man staunt ja erst mal. Doch im Laufe der Jahre sollte ich erfahren, wie Recht sie hatte: Klienten mit Ambivalenz sind die schwierigsten überhaupt. Denn weder bewusst noch unbewusst wissen sie, was sie eigentlich wollen. Mehr noch: Sie wollen immer das eine und das Gegenteil gleich mit. Entscheidungen, die sie treffen, heben sie nahezu gleichzeitig wieder auf. Oft erinnern sie einen an Pubertierende, deren Sprunghaftigkeit jeden Elternteil täglich einmal an die Decke treibt. Nichts mehr ist verlässlich, nichts mehr ist planbar, alles ist vorläufig und zugleich auch das Gegenteil.

Da soll einer nicht wahnsinnig werden. Aber nun ja,  aus der Behandlung von früher so genannten „Wahnsinnigen“ stammt der Begriff, den erstmals der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler verwandte bei der Behandlung Schizophrener. Liest sich also alles so, als wäre damit nicht zu spaßen. Und wenngleich „die Ambivalenten“ in aller Regel über eine scheinbar (!) intakte soziale Funktionsfähigkeit verfügen, sind die Schädigungen in ihrem Leben oft so beträchtlich, dass sie leiden. Bis hin zur existentiellen Krise. Denn was sie aufbauen, reißen sie gleichzeitig wieder ein.

Ambivalenz also ist das gleichzeitige Bestehen eines Gefühls und seines Gegenteils. Ich liebe jemanden und hasse ihn zugleich (Pubertätskonflikte!). Ich will etwas ganz dringend und habe zugleich Angst davor. Ich will eine psychologische Behandlung, aber ich wehre mich auch verbissen dagegen und unternehme unbewusst alles, um sie zu verhindern. – Legion sind die Männer, deren Herz sich einer ambivalenten Frau ergeben hat: Sie werden innigst geliebt, mit Zärtlichkeit und Hingabe überhäuft, vor Leidenschaft förmlich aufgefressen, erleben die Nächte aller Nächte, – und werden aus dem Nichts heraus fallen gelassen. Selbstverständlich auch umgekehrt, man ist als Autor ja genderkompetent. Die Frauen nennt man oft männermordend, die Männer meist Blender. Gemeinsam ist ihnen die Ambivalenz, die ihnen eine feste Beziehung unmöglich macht, obwohl sie sich mit nichts anderem mehr beschäftigen. Und die Zahl ihrer tief verletzten Opfer, die oft jahrelang daran tragen, „von einem Tag auf den anderen und ohne jeden Grund…!“ – Ja mei. Nicht selten, dass die flüchtigen Partner nach einiger Zeit wieder auftauchen, heftiges Interesse signalisieren, das Ganze nochmals von vorn, und kurz darauf sind sie wieder weg. Sowas schlaucht und hinterlässt tiefe Narben.

Was ist eigentlich los mit solchen Leuten? Der geniale Wilhelm Reich, dessen Bücher noch 1957 tonnenweise von den US-Behörden verbrannt wurden, gibt eine plausible Erklärung in seinem Werk „Charakteranalyse“: Die Ambivalenz entspricht „… in tieferer Schicht einer Hemmung sowohl der libidinösen wie der aggressiven Strebungen durch die jeweilige Angst vor Strafe.“ Anders gesagt: Diese Menschen sind in beide Richtungen hin „abgedichtet“. Sie können weder ihre deutlich spürbare Aggressivität noch ihre ebenso deutlich spürbaren Zärtlichkeitsbedürfnisse ausleben, weil Beides verboten war. In welche Richtung auch immer sie sich bewegen, auf jeder Straße steht ein Stoppschild mit der Aufschrift „Schuld!“ Und so schwirren sie psychisch hin und her zwischen zwei Extremen, ohne jemals einen Platz zu finden, auf dem sie sich niederlassen könnten. Ihre seelischen Bedürfnisse werden folgenreich inszeniert, doch niemals richtig gelebt.

Ich wollte es ja selbst nicht glauben. Doch der Klient, der mich, ohne mich persönlich zu kennen, schon idealisierend anmailte: „Sie sind der Einzige, dem ich noch vertraue!“, – genau der bestätigte meine Analytiker-Freundin. Nach der Terminvereinbarung  ersuchte er tags zuvor um eine kurzfristige Verschiebung und erschien zum neuen Termin mit zehn Minuten Verspätung. Ausnahmslos alle weiteren Termine wurden entweder kurzfristig abgesagt oder verschoben. Zu den Terminen selbst erschien er bis zu zwanzig Minuten  zu spät. Nun ist das eine Botschaft. Sie heißt: Ich traue dir nicht, wahrscheinlich führst du Übles mit mir im Schilde! Mal sehen, wann du dein wahres Gesicht zeigst.

Hier ist es zwingend angebracht, den Klienten auf seine Botschaft anzusprechen. Leicht gesagt, – nur, wenn jemand sich auf ausweichende Scheinbegründungen versteht, dann ist es ein ambivalenter Klient. Doch mit der Zeit gelingt es, Sensibilität zu mobilisieren für die eigenen unbewussten Strategien. Auch das offene Eingeständnis tiefen Misstrauens setzt ja Vertrauen voraus, das der Coach geduldig und einfühlsam aufbauen muss. Und siehe da: Der Vater, der den Klienten seine ganze Kindheit lang ignoriert, abgeschoben und seelisch entwertet hatte, saß ihm nun in Gestalt des Coaches gegenüber. Der unstete, nur sporadisch auftauchende Vater, der sich auf seinen kleinen Sohn stets nur oberflächlich einließ, war dann am präsentesten, wenn der Sohn einen seiner gefürchteten Wutausbrüche provozierte. Dann konnte man ihn wenigstens erleben, während er sonst zwar da war und doch nicht da und die Nähewünsche des kleinen Jungen völlig ins Leere liefen.

Nichts näherliegend also, als auch beim Coach einen Wutausbruch, am besten mit Rauswurf, zu provozieren, um die kurzfristige Intensität zu erfahren, die für den kleinen Jungen die einzige Möglichkeit war, seinen Vater zu spüren. Der Klient legte größten Wert darauf mir zu beweisen, dass ich um keinen Deut besser sei, deshalb provozierte er mich unbewusst, wo er nur konnte, damit auch ich ihn endlich zusammenstauchte. Da auch Coaches nur Menschen sind, war mir in der Tat mehrmals danach, nur darf man auf diese Leimrute nicht kriechen.

Und so wird mit Geduld und in vielen Sitzungen dem Klienten bewusst, dass er seine echten Bedürfnisse um 180 Grad verdreht hat: Sein Nähewunsch, sein Wunsch nach Annahme und Wertbestätigung, sie sind die eigentlichen Motive, die ihn treiben, vor allen anderen Motiven. Die zugleich erfahrene Abweisung seiner kindlichen Wünsche brachte seine Seele in einen fortwährenden ratlosen Schwebezustand und ließ ihn diese seltsam verquere Form finden, Zuwendung einzutreiben. – Da sitzt einer und schluckt und schnauft, und es arbeitet in ihm wie in einem Walzwerk. Ungläubige Augen eines Mittvierzigers: Sollte es tatsächlich sein, dass ich liebenswert bin, so wie ich bin? So ganz ohne Remmidemmi? Nur einfach ich?

Es gibt Klienten, die in vieler Hinsicht exemplarisch sind für ein seelisches Defizit, das von Generation zu Generation weitergereicht wird, um dann  als besonderer Stil dieser Familie missinterpretiert zu werden: „Die waren seit jeher ausnahmslos alle so!“ Der Klient, plötzlich ruhig und innerlich geworden, beginnt die unselige Tradition der Seelenlosigkeit zu hinterfragen und entschließt sich, sie zu unterlaufen. Als er sich nach der letzten Sitzung verabschiedet, umarmt er mich. Und ich sitze und grübele über Wilhelm Reich, der ein Werk voller Menschenliebe schrieb und zugleich so viel Hass auf sich zog, dass man ihn in einem US-Gefängnis sterben ließ und seine Bücher verbrannte.