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BSp und Kohl (2).jpgIch war ein junger PR-Mann damals und hatte im Februar 1981 meinen ersten Agenturjob als Kundenberater einer PR-Agentur in Königswinter, angetreten. Der erste Klient, den ich zu betreuen hatte, war ein mittelständischer Wirtschaftsverband, der damals noch in Bonn residierte. Sein Bundesgeschäftsführer war ein klassischer Verbandsbürokrat, der echte PR vorwiegend verhinderte, damit er die Kontrolle behielt. Auf Agenturseite waren wir ziemlich frustriert, wie man uns die Hände auf den Rücken band, in Mitgliederkreisen feindete man uns für unsere „Untätigkeit“ an, ohne die Hintergründe zu kennen.

Umso stolzer war ich auf den Coup, den ich gelandet hatte: Meine damalige Freundin arbeitete im engen Umfeld des Oppositionsführers Helmut Kohl. Ich hatte ein Agenturschreiben an diesen zuvor mit ihr abgestimmt, und sie hatte dafür gesorgt, dass es richtig lanciert und von ihm positiv beschieden wurde. Wenig später hielt ich einen Brief Helmut Kohls in der Hand, in dem er meiner Bitte um einen Gesprächstermin mit den Spitzenvertretern des Verbandes entsprach und uns zu einem Gespräch einlud: Für den 9. Dezember 1981, – meinen 31. Geburtstag. Herr Bundesgeschäftsführer fiel aus allen Wolken und schiss mich erst einmal für meine Eigenmächtigkeit zusammen. Aber es half nichts, wir marschierten pünktlich an. – Zuvor allerdings hatte es noch Ärger mit einem der Verbandsoberen gegeben, der mir am Telefon allen Ernstes gesagt hatte, nach Meinung des Verbandes hätte ich bei dem Termin nichts zu suchen, da ich nicht Verbandsvertreter sei. Ich pfiff ihm etwas und sagte, ich könnte den Termin genau so wieder stornieren, wie ich ihn zustande gebracht hätte. Nun freute ich mich auf die Begegnung: Ich verband etwas mit dem Begriff „Staatenlenker“, das ich mit Würde assoziierte, mit großer Verantwortung und mit absoluter persönlicher Integrität.

Als wir im Bonner Bundestag auf der Etage des Oppositionsführers eintrafen – der Verbandsvorsitzende, seine beiden Stellvertreter, der Bundesgeschäftsführer und ich – kam mir meine Freundin entgegen. Eine wunderschöne Frau mit mehr als gürtellangen hellblonden Haaren, einem klugen Gesicht mit auffallend breiten Wangenknochen und dazu stets in eng anliegenden Hosen mit breitem Gürtel gekleidet. – So ziemlich das krasse Gegenteil, wie man sich CDU damals vorstellte.  Sie strahlte übers ganze Gesicht, breitete vor den verstörten Verbandsheiligen die Arme aus, flog mir entgegen, küsste mich lange und gratulierte mir zum  Geburtstag. Selten sah man dümmere Gesichter bei Vertretern eines Wirtschaftsverbands. Erst dann wurden auch sie begrüßt. Im gleichen Augenblick kam Kohls rechte Hand Dr. Eduard Ackermann mit seinen dicken Brillengläsern des Wegs, den ich ebenfalls kurz zuvor auf dem Bundespresseball kennengelernt hatte. Auch ihm wurden wir vorgestellt. – Ein halbes  Jahr später, nach Kohls Amtsantritt, würde ein völlig frustrierter Mitarbeiter des Kanzleramtes (ehemals Mitarbeiter Helmut Schmidts und damit entsprechend schlecht behandelt) mir im kleinen, privaten Kreis erzählen, Helmut Kohl habe ein diebisches Vergnügen daran, missglückte und verwischte Fotokopien auf den Schreibtisch des schwer sehbehinderten Ackermanns zu bugsieren, da er dies witzig finde.

Wir betraten das Vorzimmer des Oppositionsführers, das von der Kohl-Vertrauten Juliane Weber nach allen Regeln der Macht beherrscht wurde. So wie sie uns herrschaftlich entgegenschritt, konnte kein Zweifel bestehen, dass auch Sekretärinnen imstande waren, ein Land zu führen und Europa zu einigen, wenn sie nur so nahe an den Mächtigen saßen,  dass sie sich selber damit verwechselten.

Nichtsdestotrotz: Juliane Weber kam mir freundlich lächelnd entgegen – und gratulierte mir zum Geburtstag. Die Herren Verbandsvertreter blickten genervt, aber wenigstens küsste sie mich nicht. Erst dann fiel uns eine zusammengesunkene, eher mickrig wirkende Figur auf, die kleinlaut wie ein Schulbub auf dem Besuchersofa saß: die Knie nebeneinander, eine abgewetzte alte Lederaktentasche undefinierbarer Farbe quer über die Knie gestellt, beide Arme eng an den Körper gelegt, während die Hände sich seitlich an die Tasche pressten. – So sah ein Oberstufenschüler aus, der im Vorzimmer des Schulleiters wartete, bis er hereingerufen wurde, um sich zusammenfalten zu lassen. Es war Alfred Dregger, unangefochtener Sprecher des nationalkonservativen CDU-Flügels und damals stellvertretender CDU-Vorsitzender und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU. Seinem zerknitterten Gesicht nach musste er etwas ausgefressen haben. Er wurde ins Allerheiligste befohlen und kam schon nach kurzer Zeit wieder heraus, – noch kleinlauter, noch zerknitterter. Er bewegte sich so fahrig wie ein Hund, den man eben in die Seite getreten hatte, und verschwand grußlos. Ein Herrenreitertyp ohne Pferd.

Juliane Weber erhob sich mit der Würde eines Kardinalstaatssekretärs und führte uns zu dem Mann, der in Kürze die Führung unseres Landes übernehmen wollte. Helmut Schmidts sozialliberale Regierung lag bereits in Agonie, die Uhr tickte längst, und wir hatten einige wirtschaftspolitische Themen vorbereitet, die wir mit dem künftigen Kanzler unserer Republik besprechen wollten. Eines davon war die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, damals ein erheblicher Kostenfaktor, nicht zuletzt für die mittelständische Wirtschaft, die der Verband vorwiegend verkörperte.

Kohl kam uns entgegengeschossen mit der Körpersprache eines Mannes, in dessen Gegenwart man nicht einmal daran denken sollte, anderer Meinung zu sein als er selbst. Während er auf dem Bildschirm stets etwas provinziell und tapsig wirkte und öffentlich als kleingeistiger Provinzkopf karikiert wurde, ging hier etwas elementar Gefährliches von ihm aus. Die steilen Aggressionsfalten, tief in seine Stirn gekerbt, der schneidende, befehlsgewohnte Tonfall, darauf ausgelegt Widerstand im Keim zu ersticken, die Wampe spannte sich unter einem weißen Hemd, durch das ein Feinripp-Unterhemd schimmerte. – Einige Jahre später würde ein mit mir damals befreundeter Staatssekretär mir davon erzählen, wie Kohl seine Gegner vor versammelter Fraktion fertig machte. Und dass niemand es wagte, einem Betroffenen beizustehen, aus schierer Angst als nächster an der Reihe zu sein. – – – Im Hintergrund blubberte das legendäre Aquarium.

Ich hatte die Frage erwartet: „Was führt Sie zu mir, meine Herren?“ Doch das schien das Letzte zu sein, was ihn interessierte. Wir hatten noch nicht richtig an seinem Konferenztisch Platz genommen, als er auch schon loslegte: Der Flick-Spendenskandal, bei dem sowohl Strauß als auch Kohl erhebliche Barsummen entgegengenommen hatten, war erst wenige Monate alt und offenbar das, was Helmut Kohl vorrangig beschäftigte. „Ich kenne natürlich auch die Listen der Staatsanwaltschaft, gegen wen die da ermitteln…“ – Kein Wort von Einsicht oder Bedauern, es ging schlicht darum, den Gegner niederzuwalzen: die Affäre war von Leuten losgetreten, die ihm und seiner Partei schaden wollten. Man hatte nicht den Eindruck, Recht als Basis eines geordneten Zusammenlebens sei eine diskussionswürdige Größe. Irgendwie wirkte alles, als sollten Justiz, Medien, kritische Gegner einfach nur plattgetreten werden. – Macht als Gestaltungsmittel des Stärkeren, mittels derer die eigenen Untaten als irrelevant zu erklären und die Gegner – vorwiegend „die Sozen“ – mindestens zu neutralisieren waren. Mir rieselte es kalt über den Rücken, – so hatte ich das nicht erwartet. Nach dieser Einleitung, die mit der Beteuerung des unbedingten Willens zur Machterlangung verbunden wurde, ließ er keinen Zweifel daran, „… dass Parteien natürlich nach wie vor auf Spenden angewiesen sind, meine Herren!“ Der Wink mit dem Zaunpfahl war unübersehbar. Das beredte Schweigen der Verbandsoberen zu diesem Thema erweckte unübersehbar Kohlschen Missmut. Er insistierte nicht, war offenbar gewohnt, dass seine Hinweise verstanden wurden.

Der frisch gebackene Verbandsvorsitzende, noch etwas unsicher in seiner Position, versuchte einen Ausfall: „Herr Dr. Kohl, wir haben hier verschiedene Themen vorbereitet, die wir heute gerne mit Ihnen besprechen würden…“ – Herrisch schnitt Kohl ihm das Wort ab: „Davon versteh ich nichts. Von Wirtschaft versteh ich nichts.“ Die Verbandsmenschen saßen mit offenem Mund. Sauber, dachte ich mir, in meinem Weltbild zwischenzeitlich bis ins Mark erschüttert. Wie will er denn dann Kanzler werden, und vor allem wozu? Immerhin, Helmut Schmidt galt als ausgewiesener Wirtschaftsexperte. „Aber“ hob Kohl nochmals an, „ich biete Ihnen einen Termin mit meinen Experten an. Mit denen können Sie das dann diskutieren!“ Knapp und befehlsgewohnt skizzierte er einen Abendtermin mit den Wirtschaftsexperten seiner Partei. Auf ausdrückliche Frage: Ja, er würde ebenfalls dabei sein. Dann könne man all das in Ruhe besprechen, was uns auf dem Herzen liege. Der Verbandsvorsitzende, noch nicht ganz mutlos geworden, unternahm einen zweiten Anlauf: „Herr Dr. Kohl, ich würde heute trotzdem gerne…“ – „Davon versteh ich nix! Das hat überhaupt keinen Sinn, sich mit mir da unterhalten zu wollen!“ Alle verstummten. In mir stürzten gerade Gebirgsmassive zusammen. Das Gespräch endete so, wie es begonnen hatte: Mit einem herrischen Kohlschen Endlos-Monolog, der nur ein Thema hatte: Ich und meine Partei. Und im Übrigen will ich, ich, und nur ich Kanzler werden. – Wozu auch immer. Als wir uns verabschiedeten, reichte er mir zwar die Hand, blickte dabei aber demonstrativ zur Seite. – Er hatte erkannt, dass ich nur der PR-Berater war und Spenden von mir nicht zu erwarten waren.

Die Atmosphäre war ernüchtert, als wir den Bundestag  verließen, kaum ein Wort fiel. Unübersehbar, dass alle an dieser bizarren Begegnung verdauten. Tage lang noch beschäftigte es mich, auch wenn es heute, gut dreißig Jahre später, seltsam klingen mag: Ich war deprimiert. Geprägt von den großen parlamentarischen Debatten einer Ära Brandt, Schmidt, Strauß und Barzel hatte ich eine Art konservativer Lichtgestalt erwartet, einen Mann jedenfalls, der sich um das Wohlergehen dieses Landes sorgte, das damals nicht nur infolge der RAF schwierige Zeiten durchzumachen hatte. Das Land aber war in unserem Gespräch nicht vorgekommen. Und mein Eindruck blieb nachhaltig: Ein Mann, zutiefst böse; machtversessen bis zur völligen Skrupellosigkeit; und – des Gefühls konnte ich mich nicht erwehren – auf eine relativ unverfrorene Art korrupt. Später würde er eine Regierung führen, deren Mitglieder in Affären und Strafverfahren nur so purzelten. Wenn sie nicht wie Möllemann gleich den Freitod suchten.

Wie man mir von Seiten des Verbandes später berichtete, hatte man Kohl noch zwei Mal höflich angeschrieben, sich für das Gespräch bedankt und um Nennung eines Termins gebeten, an dem das von ihm avisierte Expertengespräch stattfinden sollte. Allerdings ohne einen Scheck beizulegen. Sie erhielten nicht mal eine Antwort.