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Zwanzig Jahre lang war ich Agenturchef in Bonn und ging in Bundestag und Bundesministerien aus und ein. Es war nichts Besonderes, eine Selbstverständlichkeit eher: Geschäftlich nahm man seine Termine wahr, doch konnte es auch mal sein, dass einen Jemand spontan anrief, und man aß gemeinsam zu Mittag im Bundestagsrestaurant. – Früher war das im 29. Stockwerk des legendären „Langen Eugen“, später dann im Provisorium „Wasserwerk“. Man kannte sich eben, und Querverbindungen waren immer wichtig. Wir selbst hatten einen guten Stand, nachdem wir 1990/92 für die Brüsseler EU-Kommission die Kampagne zur Einführung des Großen Europäischen Binnenmarktes gefahren hatten. – Heute ist er eine Selbstverständlichkeit. Damals war die Kampagne ein Riesenerfolg.

Kein Wunder also, dass ich um die Jahrtausendwende meine Kontakte aktivierte, nachdem bekannt geworden war, dass die Bundesregierung eine umfangreiche Einführungskampagne für den Euro plante, zusammen mit dem EU-Parlament und der Brüsseler Kommission. Ich kannte meine Ansprechpartner beim Bundespresseamt und in den EU-Institutionen und traf mich zu ein paar sondierenden Gesprächen. – Die Stimmung war gedämpft, denn die Deutschen zeigten wenig Begeisterung, sich von ihrer harten und stabilen D-Mark zu trennen. Allgemein überwog die Sorge, man könne da in etwas hineingeraten, was hinterher nicht mehr zu regeln sei: Gemeinsame Währung mit Staaten wie Italien, Griechenland, Portugal, deren „Gummiwährungen“ von den Deutschen seit jeher scheel angesehen wurden?

Bolko Hoffmann, der 2007 verstorbene schillernde Verleger des „Effecten-Spiegel“, lief regelrecht Amok und gründete eine eigene Partei „Pro DM“, deren vorrangiges Ziel die Verhinderung des Euro sein sollte. Zusätzlich pflasterte er die deutschen Tageszeitungen mit ganzseitigen Anzeigen zu, mittels derer er die Deutschen in drastischen Worten vor dem Euro warnte: Die neue EU-Währung sei eine „Totgeburt, gemordet durch den Beitritt südeuropäischer Schwachstaaten“. Die neue Währung werde die Deutschen zum „Sozialfall“ machen. – Dagegen wiederum wurde von offizieller Seite kräftig getrommelt, die neue Europawährung fand sich positioniert als Hoffnungsträgerin des Einigungsprozesses.

Natürlich waren die starken Vorbehalte der Deutschen auch Thema meiner Akquisegespräche, schon aus fachlichen Erwägungen: Sie mussten in einer Kampagne werblich angesprochen und möglichst aufgelöst werden. Ich war nicht schlecht erstaunt festzustellen, dass meine Gesprächspartner das gleiche Bauchweh hatten wie wir alle. Inoffiziell und zwischen den Zeilen signalisierten auch die staatstreuen Beamten, dass der Glaube an den Erfolg des Euro ein verordneter war, der nicht gerade der eigenen Überzeugung entsprach. Wohl aber war er überlebenswichtig, angesichts der Rigorosität, mit der im politischen Apparat unserer Republik Untergebene seit jeher zu Kleinholz gemacht werden, wenn sie missliebige Gedanken äußern.

Zu groß war das offensichtliche Gefälle zwischen der harten deutschen Währung und der mancher Mittelmeerstaaten. Schon bei meinen Gesprächen in Brüssel zum Binnenmarkt, zehn Jahre zuvor, war mir aufgefallen, dass beispielsweise die Schwierigkeiten (auch die Korruption) bei Griechen und Portugiesen illusionslos gesehen wurden, doch wurden sie – im scheinbar höheren Interesse des europäischen Einigungsprozesses – offiziell ignoriert.

Ich riskierte eine Frage dazu, schließlich redeten wir vertraulich. Die Lippen meines Gesprächspartners formten sich zu einem zynischen Lächeln: „Wir wissen, dass die Griechen gefälschte Bilanzen vorlegen. Aber es ist politisch nicht gewünscht, das zu thematisieren.“

Den Satz sollte sich jeder auf der Zunge zergehen lassen, den die Eurokrise demnächst wirtschaftlich auf die Bretter schickt. Fakt ist nämlich: Diese Krise kam nicht aus dem blauen Himmel, sie war hausgemacht. Man könnte sogar sagen: gut vorbereitet. Juristen jedenfalls sprechen unter solchen Umständen von bedingtem Vorsatz. Da die deutsche Regierung gemeinhin über gute Informationen verfügte, durften die Wirtschafts- und Finanzprobleme von Griechenland, Italien, Spanien und Portugal jederzeit als bekannt vorausgesetzt werden, und dies in vollem Umfang. – Wie denn auch nicht, sie waren ja für jeden Laien erkennbar. Sie waren auch kein Insiderwissen, denn überall in Bonn pfiffen die Spatzen die Wahrheit von den Beamtendächern.

Bleibt zu fragen, wieso dann nicht – respektive doch – gehandelt und unter Kanzler Gerhard Schröder der Euro eingeführt wurde. Doch wer so fragt, der verkennt das politische Geschäft.

„Davon versteh´ ich nix. Das hat überhaupt keinen Zweck, sich mit mir darüber unterhalten zu wollen!“ hatte der damalige Oppositionsführer Dr. Helmut Kohl (CDU) mich im Dezember 1981 angeblafft, als ich ihn mit einer kleinen Verbandsdelegation aufgesucht hatte, um ihm verschiedene wirtschaftspolitische Anliegen vorzutragen. Nach diesem Gespräch war ich felsenfest überzeugt, dieser Mann dürfe niemals Kanzler werden; neun Monate später war er es. Und man darf getrost sagen, dass Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht gerade zu den Lieblingsthemen seiner Kanzlerschaft gehörten. Es war einfach so: Wenn der allumfassende persönliche Machtanspruch und das eigene Bild in den Geschichtsbüchern zum Hauptthema politischer Erwägungen wurden, dann störte Realität. Wirtschaft und Finanzen allerdings sind Realität.

Gerade die unverrückbaren Tatsachen aber sind von nachgeordnetem Interesse, wenn es darum geht abstrakte politische Zielsetzungen zu verfolgen. Und die europäische Einigung, als deren Lichtgestalt der alte Kanzler sich nur zu gerne sah, war sein Leitmotiv. Das politische Geschäft bringt es mit sich, dass dabei nicht die langfristigen Wahrheiten an erster Stelle standen, sondern die kurzfristigen politischen Vorteile. Selbstverständlich um den Preis der Verdrängung unbequemer Einsichten. – Die Wahrheit also ist: Europa wurde nicht gebaut, es wurde zusammengeschustert. Von Bürokraten, die wohl wussten, man würde sie für ihr Versagen niemals in Haftung nehmen können. Kohl interessierte sich nicht dafür, was nach ihm kam, und Schröder, ein begnadeter Opportunist, hatte nicht den Mut und auch nicht mehr die Möglichkeit, den fahrenden Zug Richtung Euro zu stoppen.
Es war also alles bekannt. Und so betrachten wir heute erstaunt die Folgen. Überflüssig zu erwähnen, dass wir sie tragen und nicht die damaligen Entscheider, die kraft früherer Position gut abgefedert wurden.

Als ich 1989 in der Brüsseler Kommission mein Kampagnenkonzept präsentierte, mit dem wir 46 Mitbewerber ausgestochen hatten, sagte ich: „Europa ist längst in den Herzen seiner Bürger verankert. Die einzigen, die noch Schwierigkeiten machen, sind die Politiker und die Bürokraten.“ – Dass sie es dermaßen leichtfertig in den Sand setzen und ausgerechnet einen bunten Hund wie Bolko Hoffmann zum Kronzeugen ihrer ebenso gescheiterten wie verantwortungslosen Politik machen würden, das vermochte ich mir damals nicht vorzustellen. Bleibt nur noch das Hoffen, dass die europäische Idee stärker ist als der Murks ihrer Protagonisten.