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Wenn es ein Gebiet gibt, auf dem die ach so moralinsauren 68er – zu denen ich damals ebenfalls gehörte – eklatant versagt haben, dann war das der Umgang mit den deutschen Vertriebenen. Während wir uns heute völlig zu Recht entsetzen über die Behandlung von Minderheiten im früheren „Ostblock“ oder anderswo, muss man eines ehrlicherweise gestehen: ausgerechnet die auf Menschenrechte so sehr geeichte außerparlamentarische Linke der 68er-Zeit hatte für die Leiden der deutschen Flüchtlinge fast nur Hohn und Herabwürdigung übrig.

Das allerdings hatte seinen Grund nicht zuletzt in einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem der anderen Seite: Allzu viele der von uns damals als „Berufsflüchtlinge“ apostrophierten Vertriebenenfunktionäre vermischten ihr echtes Leid mit einem Antikommunismus von wüstester Intoleranz. Zwar war gegenüber einer KZ-Ideologie wie dem Sowjetkommunismus Toleranz nun wirklich das Letzte, was angebracht war. Doch wurde der offizielle Antikommunismus fast nach Belieben instrumentalisiert, um kritische Frager und engagierte Reformer zu diffamieren. – Eine Technik, die die Nazis gut beherrscht hatten. Eine Menge von ihnen saß auch nach Kriegsende auf einflussreichen Stühlen, und so benutzten sie die vertrauten Methoden der Ausgrenzung ungeniert weiter.

Damals konnte es durchaus gefährlich werden, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Eine Art mentaler Lynchbereitschaft war häufiger verbreitet, als die offiziellen Rückblicke auf diese ebenso spannende wie aufgeheizte Periode der deutschen Nachkriegsgeschichte es heute darzustellen vermögen. Volkes Stimme bot ein altbewährtes Instrumentarium auf, sobald es um kritische = linke = kommunistische Studenten ging: Einsperren, Rübe ab, vergasen, gar nicht erst lange den Prozess machen, alle zusammen ab nach Auschwitz, sowas gehört doch an die Wand gestellt, etc.  – – – Erst als Willy Brandt Kanzler wurde, kippte die Stimmung insoweit, als die Hetzer mehr und mehr in die Minderheitenposition gerieten.

Wie immer, wenn die Holzköpfe beider Seiten aufeinanderprallen, gibt es eine sichere Verliererin: die Wahrheit. Die ethnische Säuberung an deutschen Minderheiten war kein Thema, das ins Ideologiekonzept der progressiven 68er-Eliten passte. So langsam in die Jahre gekommen, beginnen die inzwischen etablierten 68er, sich ein paar Gedanken neu zu machen. Und auf Eines kann man sich ohnehin verlassen wie auf ein Naturgesetz: Unerledigte Geschichte stößt immer wieder auf wie eine unverdaute Zwiebel. Historische Lügen bleiben auf Dauer unverdaulich, nicht anders als historischer Selbstbetrug. – Gerade da kann ein Buch wie Peter Glotz´ „Die Vertreibung“ all denen helfen, die gerne mal ihre versäumten Hausaufgaben erledigen möchten. Es könnte ein Beitrag sein für all jene, die glauben, dass die europäische Zukunft von Deutschen und Tschechen ein gemeinsames freundschaftliches Aufräumen ganz gut vertragen würde.

Der 2005 viel zu früh verstorbene Peter Glotz, einer der geschliffensten und menschlich anständigsten Köpfe, die die Nachkriegs-SPD hatte, bearbeitete hier nicht nur Historie, sondern auch ein Stück persönlicher Geschichte. Dies allerdings mit der bisweilen arg trocken geratenen Sprache des Wissenschaftlers. – Nur, – wer das Privileg hatte, ihn persönlich zu kennen, der wird vermuten, dass hier Jemand die prononcierte Sachlichkeit bemühte, um nichts weniger als seine weichsten Stellen zu schützen: Glotz wurde 1945 selbst vertrieben. Sein persönliches Schicksal und auch seine persönlichen Verwundungen leuchten immer wieder zwischen den Zeilen auf. Da stellte Einer ein objektives Problem dar – nämlich die generationenlange Entwicklung eines ebenso tumben wie mörderischen Völkerhasses – , und doch wird auch spürbar: Da suchte Einer, nur scheinbar objektivierend, nach den Gründen, warum man ihm so etwas antat. Das, muss ich gestehen, macht dieses Buch nicht nur interessant, sondern immer wieder auch anrührend. Es ist geschrieben als historische Darstellung, aber immer wieder wird der erstaunte und hilflose Blick des Verfassers auf eine tief sitzende persönliche Verletzung erkennbar, die am Ende fast als unausweichlich erscheint. – Schlicht deshalb, weil menschliche Verblendung von Generation zu Generation transportiert wurde, bis sie explodierte. Und Explosion ist in solchen Fällen immer gleichbedeutend mit dem Niedermähen von Unschuldigen.

Peter Glotz schaffte es mit seinem Buch, ein politisch schon fast „erledigtes“ Problem deutscher Geschichte neu zu aktualisieren. Nicht unter dem Gesichtspunkt veralteten Revanchedenkens, sondern als Zukunftsfrage: Wie steht das werdende Europa zu den Menschenrechtsverletzungen seiner jüngeren Epoche? Will es sich seinen dunklen Seiten stellen, um sie zu bereinigen? Kann es gerade damit den Jüngeren unter uns ein Gefühl dafür vermitteln, wie wertvoll und zugleich wie verletzbar der derzeit friedliche Ist-Zustand für Jeden von uns ist?

Trotzdem muss man aufpassen, um über Peter Glotz´ akribischer Schilderung einer programmierten Widerlichkeit nicht der deprimierenden Erkenntnis zu verfallen, dass die Stimmen der Vernunft am Ende chancenlos bleiben gegen die Wut des Pöbels und die Verschlagenheit der Machtmenschen. Man denkt halt nicht nur an Benes, sondern auch an Milosevic und an die zynische Inaktivität der europäischen Führungseliten beim jugoslawischen Völkermord, mitten in unserem Wohnzimmer, an das geschäftstüchtige Zögern Europas angesichts des Wütens von Despoten wie Gaddafi, Mubarak, Ben Ali, Assad. – Gerade deshalb geht einem sein Werk so nahe: Es zeigt, wohin Politik führen kann, wenn sie sich vom menschlichen Anstand verabschiedet. So etwas, lernt man, darf niemals zum Endpunkt einer Entwicklung werden, sondern das Entstehen solcher Haltungen muss jeden Tag aufs Neue bekämpft werden. – Mögen die großen politischen Gauner heißen, wie sie wollen, es kommen ja immer wieder Neue nach. „Die Vertreibung“ ist also viel mehr als bloße Historie: Dieses Buch kribbelt einem unangenehm zwischen den Schulterblättern, weil man ein Gespür dafür bekommt, dass Geschichte etwas Fließendes ist, und dass sie durchaus auch in die falsche Richtung fließen kann. – Auch heute noch: Lesen! Und danach einfach  nur Grübeln.