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„Nil nisi bene“ sagt der Lateiner, und bei einem so grausamen und plötzlichen Tod wie dem des Münchener Modeschöpfer-Mosi-Massendarling-Mammakindl-Armenspeiser-Originals verbietet sich jeder Sarkasmus. – Erst kürzlich stand ich noch vor seiner Nobelauslage in der Maximilianstraße und bewunderte die wunderschönen Krawatten im Fenster. Allerdings trage ich keine mehr, ich mochte sie noch nie, sie schnüren einem den Hals ab, – pardon! Ich hatte einen Freund getroffen, einen recht bekannten Schauspieler, und ich hatte, nicht weit von „Moosi´s“ Laden, mit ihm in der „Kulisse“ gesessen, einem In-Lokal für Film- und Theaterleute. Wenn man dort eintritt, wird man sofort von hundert Augen gemustert: Könnte ja sein, daß man Produzent ist und eine Rolle zu vergeben hat. Oder man wäre am End´ „jemand Wichtig´s“, und so Einen muß man kennen, bei uns in München. Denn schlimmer als Totsein ist Nicht-gekannt-werden. Dem Toten lebt sein Ruhm hinterher, dem Ungekannten hingegen geht´s nicht einmal nach dem Ableben besser. – Quod erat demonstrandum.

„Das is ein ganz ein armer Teufel“ hatte mein Freund mir über den damals noch kreuzlebendigen Moosi gesagt. „Ein liebenswerter Mensch, aber gaaanz arm dran, gaaanz arm, das sag i dir!“ Und ich hatte genickt, denn das war seit jeher auch mein Eindruck gewesen. Irgendwie bedrückend, daß öffentliche Meinung sich fast nur mit dem äußeren Schein beschäftigt und nie mit dem inneren Elend. Und daß sie selbst dort noch Glanz einfordert, wo Einer dringend Hilfe bräuchte.  Das hat etwas von der pathologischen „Spielstruktur“ an sich, wie Rainer Sachse es in seinem spannenden Buch „Persönlichkeitsstörungen“ beschreibt: Die Beteiligten kommunizieren nicht wirklich miteinander, sie treiben nur ihre Spielchen. – Und so vollzog sich die persönliche Tragik eines in sich stark zerrissenen Mannes mit letzter – und durchaus vorhersagbarer – Konsequenz. Dood samma, Herr Mooshammer, und das hatten Sie nicht verdient! Es wäre nicht passiert, wenn es jemanden gegeben hätte, der Sie gehalten hätte. Kann mir Keiner erzählen, daß niemand es bemerkt hat: „Ich will unbedingt geliebt werden!“ signalisierte da Einer, der sich über seinen frühkindlichen Defiziten willig zum „Original“ machen ließ, und der dahinter entsetzlich einsam gewesen sein muß. Daß Kohle nicht glücklich macht, das wissen wir. Daß einer mit so viel Kohle sich trotzdem zum hochgestylten Perückenkasperl macht und dafür die „Zuneigung“ erntet, die ihm in seinem tiefsten Inneren einfach abging, das läßt Einen frieren. Und es wirft – ´tschuldigung – ein sauschlechtes Licht auf diejenigen, die sich von unserem teuren Erdrosselten bisher so willig ausleuchten ließen. War er irgend jemandem eine menschliche Anstrengung wert, der Moosi, frage ich mich da? – – Massen brauchen etwas zum Begaffen. Also nochmal kurz vorbeirennen am Moosi-Sarg.

Nicht daß ich hier auf Moral machen wollte. Aber wenn einer sich um Mitternacht noch mal kurz am Bahnhof einen Stricher aufreißt, wird die Frage nach seinen sozialen Gepflogenheiten zulässig sein. Der diskrete Charme der Bourgeoisie sieht das a bissl anders, und Manuskriptpapier für Trauerreden ist geduldig. Eine zwiespältige Persönlichkeit war er offenbar, der Herr Mooshammer, und einer mit verschiedenen Gesichtern. Doch die dunklen Seiten der Beautiful People, meist bleiben sie uns verborgen zu Lebzeiten und vorerst auch noch nach dem Tode. – Jede Wette gehe ich hier ein: Das Grab wird noch nicht ganz zugeschaufelt sein, dann werden die Yellow-Schmonzetten „Das geheime Leben des Rudolf M.“  bestrahlen, triefend vor voyeuristischer Anteilnahme. Denn die journalistische Gratwanderung ist vorprogrammiert: enthüllen, ohne bloßzustellen, sonst könnten die ikone-treuen Leser sauer reagieren.

Es ist etwas Seltsames um die Münchener Gesellschaft, und ich würde es einfach gerne verstehen können: Vom Jahrzehnte zurück liegenden Vera-Brühne-Drama über Ingrid van Bergen, Walter Sedlmayr, Günter Kaufmann, Jennifer Nitsch bis zu Rudolf Mooshammer zieht sich eine dunkle, bisweilen ängstigende Spur von Abgründigkeit und menschlicher Verlorenheit. Diese wird im Verborgenen gelebt, und nur manchmal ploppen die Ermordeten unangenehm an die Oberfläche dieses trüben Gewässers: Darunter geht es um Dabeisein, Macht, Geld, Trieb und Draufgehen. Und um ein ganz „betroffenes“ Erwachen, wenn wieder einmal sumpfblasenartig emporsteigt, daß die also Angebeteten deutlich weniger heilig waren als erhofft. Man kann ahnen, – aber auch nur: ahnen – was wirklich abläuft. Und man darf auf den Nächsten / die Nächste warten, den/die es erwischt. So sicher wie das heutige fromme Amen in der Lukaskirche. Pax Moosi sit semper vobiscum.